Asyl in Disneyland

Foto: Durch aureliefrance/Shutterstock
"Fluchtpunkt" Disneyland (Foto: Durch aureliefrance/Shutterstock)

„Gibt es die Glücksbärchis auch ohne Junior Meal?

Ja. Welchen möchten Sie denn haben?

Alle.“

Von Anabel Schunke

Stolz gehe ich mit drei Plastikbären für insgesamt fast acht Euro aus dem Burger King. Einige Wochen zuvor hatte ich mir die Realverfilmung von „Die Schöne und das Biest“ mit Emma Watson in der Rolle als Belle im Kino angesehen und dabei ein paar Tränen vergossen. Disney-Filme gucke ich ohnehin momentan rauf und runter. Von Schneewittchen bis König der Löwen. Wenn „Narcotic“ im Radio läuft, drehe ich auf, genauso wie bei den Spice Girls.  Denn in den 90ern, da war zumindest für mich alles gut. Da war ich Kind und den 11. September gab es noch nicht.

Zu Hause sitze ich mittlerweile zwischen Rezensionen für die Uni und Live-Chats stundenlang an der Playstation und zocke. Das tue ich so oft, dass mir langsam die guten Spiele ausgehen und ich weiß, weshalb ich mir so lange keine Konsole mehr angeschafft habe. Zeitfresser, elender, aber auch Stressabbauer, digitaler Fluchthelfer für Menschen wie mich, die die Realität da draußen kaum noch ertragen. Asyl in Disneyland nenne ich das.

In der NS-Zeit nannte man das, was ich seit circa einem guten halben Jahr zunehmend praktiziere, innere Emigration. Und auch wenn Geschichtsvergleiche Mist sind, weil stets verharmlosend und unterkomplex, weil die wahren Umstände der Menschen der Vergangenheit in der Gegenwart verblassen, kommt mir dieses Wort in den letzten Monaten oft in den Sinn. Nein, wir leben nicht im Dritten Reich und ich sage auch immer noch meine Meinung. Im Unterschied zu damals kann ich das auch ohne eingesperrt und getötet zu werden. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass ich auch hier, in der demokratischen Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland, einem Land, was zu einem Teil von Sozialdemokraten regiert wird, zu einer schwindenden Minderheit gehöre. Dass ich meine Meinung sagen kann, weil ich das anders als andere beruflich mache und weil ich wohl irgendwie so etwas wie furchtlos (oder lebensmüde) ob meiner eigenen Existenzgrundlage bin. Weil diejenigen, die etwas anderes beruflich tun, es mittlerweile kaum noch können, weil sie damit nicht selten ihre Existenz und die Existenz ihrer Familie auf Spiel setzen. Meinungsfreiheit im demokratischen Westen des 21. Jahrhunderts bemisst sich nicht daran, ob ich für die Äußerung meiner Ansichten rechtlich belangt oder gar eingesperrt werden kann, sondern daran, ob ich für meine Äußerungen durch sozialen Druck meiner Existenz beraubt werde.

Jedenfalls emigriere ich jetzt nach innen oder infantilisiere mich vielmehr zurück in eine Zeit, als die Trennung der Spice Girls mein größtes Problem war. Ich tue das, seit Anis Amri am 19. Dezember 2016 einen Lastkraftwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt steuerte und dabei 12 Menschen tötete. Seit Merkel ihre Stellungnahme zu diesem Anschlag mit der ihr üblichen Emotion eines kalten Fisches von einem Zettel ablas. Seit am nächsten Tag für den ganz großen Teil der Menschen in Deutschland und Europa alles so weiter ging wie bisher. Kurzum: Seitdem jegliche Hoffnung in mir, dass ein Anschlag im eigenen Land etwas an der Einstellung der Deutschen ändern würde, erloschen ist. Seitdem ich weiß, dass Opfer von der deutschen Presse mehrheitlich kein Gesicht bekommen. Dass ihr Tod gänzlich umsonst war, weil wir nichts aus ihrem Leid lernen.

Die nachfolgenden Anschläge haben diese Haltung nur noch bestätigt. Emsig werden die immer gleichen Satzbausteine nach jedem Attentat wiederholt und die identischen Bauwerke in Gedenken und Solidarität erleuchtet, wo Taten angebrachter wären. In der Presse gibt man sich weiter selbstbesoffen und dem Terror trotzend. Immerhin singt Ariana Grande mit Take That in Manchester und die Zuschauer bei Rock am Ring. Das ist doch das eindeutige Zeichen, dass wir uns vom Terror nicht einschüchtern, unsere Freiheit nicht nehmen lassen. Dass wir furchtlos sind – zumindest so lange kein Feuerwerkskörper aus Versehen zündet. Dann bricht die Panik aus, wie in Turin mit 1500 Verletzten. Die Hauptsache ist und bleibt doch, dass all das nichts mit dem Islam zu tun hat. Und wenn Marek Lieberberg und die vielen, die das Video seiner Pressekonferenz gesehen haben, das anders sehen, dann ist das eben Hetze. Lieberberg kann es sich trotzdem erlauben. Er ist sein eigener Chef. Umso mehr feiern ihn diejenigen, die es nicht können in dieser Gesellschaft, in der doch eigentlich jeder sagen kann, was er will.

Für manche gilt das auch. Für die Moslems und ihre Sympathisanten in den sozialen Netzwerken zum Beispiel, die drohen und beleidigen. Die mehr spalten, als es jeder „Rechtspopulist“ könnte. Ich bin diese Ungerechtigkeit leid und das Gelaber in der Uni von meinen Kommilitonen, die in ihrer eigenen behüteten akademischen Welt weit weg von den Mohammeds leben, die einem öffentlich wünschen, dass man von Salafisten in den Arsch gefickt wird oder das Khalifat in Deutschland errichten wollen.

Das Interessante ist, dass die innere Emigration mit einer immer größer werdenden Sehnsucht nach jener Freiheit einhergeht, die wir nun nicht mehr haben. Dass ich mit einem Mal an alles denken muss, was ich immer aufgeschoben habe und wofür mir allmählich, nun, da wir fast wöchentlich mit Anschlägen auf Menschen und Übergriffen auf Frauen in Europa zu rechnen haben, der Mut fehlt. Es ist das Konzert, für das ich mir nach Manchester nun doch keine Karte gekauft habe, an das ich denke, während ich Play Station spiele. Das Gefühl, das Privileg der Angstlosigkeit in den Jahren zuvor nicht genug ausgekostet, es als zu selbstverständlich  genommen zu haben. Warum war ich nie auf der Loveparade, als es sie noch gab und nie in Paris, als es nur die Stadt der Liebe war? Wann kann ich wieder auf den Weihnachtsmarkt, ohne an den Breitscheidplatz zu denken und warum war ich nie auf einem Festival, als man noch Trinkflaschen und Rucksäcke mitnehmen dürfte?

Europa, was ist nur aus dir geworden und wo treibst du hin? Wie soll es künftig weitergehen und wann hört das Weiter-So endlich auf? Der eine erträgt, weil er nicht realisiert und noch die Naivität vor der Angst zu schützen vermag, während der, der weder naiv ist, noch erträgt, Glücksbärchis bei Burger King kauft. Was soll er mittlerweile auch tun, außer das Radio abdrehen, wenn die Nachrichten laufen und aufdrehen, wenn Liquido die 90er zurückbringen und die Spice Girls die brüllende Stille der wachkomatösen Gesellschaft nach jedem erneuten Anschlag durchschlagen.

Mit jedem weiteren Anschlag und unserer Tatenlosigkeit wird Europa mehr einem großen Freiluftgefängnis gleichen, in dem man vielleicht noch über Freiheit redet, aber nicht mehr weiß, was sie bedeutet. In dem die innere Emigration für immer mehr Menschen zum Zwang wird, die all das nicht mehr ertragen. Die sich zunehmend wertlos in einer Gesellschaft fühlen, in dem der Schutz der Minderheit alles ist und die Freiheit der Mehrheit nichts. Es ist jetzt an der Zeit, zu handeln, wenn morgen vielleicht schon nicht mehr die Möglichkeit dazu besteht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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