Abt. Wissenschaft: Sind ZEIT-Leser dressierte Meinungsaffen?

Max Erdinger Foto: JouWatch

Unter der Schlagzeile „Spott nach Trumps Treffen mit Putin“ berichtet die ZEIT – natürlich – über den Spott nach Trumps Treffen mit Putin.

Von Max Erdinger

Donald Trump hatte nach seinem gut zweistündigen Treffen mit Wladimir Putin am Rande des G20-Gipfels in Hamburg eine engere Zusammenarbeit der USA und Russlands bei der Cybersicherheit angekündigt. Auf den wenigen Bildern, die es von dem Treffen gibt, erkennt man unverhohlene Sympathie der beiden Herren füreinander. Da wirkt nichts gekünstelt oder gestellt. Kaum in Washington zurück, machte Trump jedoch einen Rückzieher.

Rückzieher wiederum macht Spott. Aber bei wem in diesem Fall? Wer spottet? Die ZEIT breitet die Namen der Spötter genüßlich aus, freilich, ohne ihren Lesern zu verraten, auf welcher Grundlage die Spötter stehen. Sie werden einfach zitiert. Der Leser, der ohnehin „schon weiß“, daß Russland versucht hat, den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zu beeinflussen und sogar Wahlautomaten zu manipulieren, hat „sein Vergnügen“, wenn nicht gar seinen „inneren Reichsparteitag“. Da genügt es, ihm zu erzählen, wer welche Worte des Spotts gefunden hat. Die ZEIT bedient ihn bestens.

Zitat: >Sich mit Putin auf eine Arbeitsgruppe zur Cybersicherheit zu verständigen, das sei so, „als ob Polizisten und Bankräuber übereinkommen, eine Arbeitsgruppe über Bankraub zu bilden“, meinte beispielsweise der Topdemokrat Chuck Schumer.< – Zitatende.

Das wäre schon ein witziger Vergleich, vorausgesetzt, die Fakten dahinter würden passen.

Oder das hier – Zitat: „Der republikanische Senator Lindsey Graham nannte das Treffen zwischen Trump und Putin „katastrophal“. Trump sei auf einem Auge blind, wenn es um Putin gehe, sagte Graham dem Sender NBC News. Man könne in diesem Fall nicht einfach „vergessen und vergeben“. Zur Idee einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zur Cybersicherheit meinte Graham, es sei zwar nicht die dümmste, die er bisher gehört habe, „aber sie kommt nahe daran“. – Zitatende.

So, als ZEIT-Leser wissen wir jetzt, wer unserem allseits verhassten US-Präsidenten eine eingeschenkt hat, freuen uns recht diebisch – und belassen es dabei. Unsere ZEIT hat sich ja auch in der Schlagzeile schon auf den Spott beschränkt, ohne groß weitere Aufklärung zu versprechen. Die würde nur unseren arroganten Frohsinn trüben. Wir ZEIT-Leser lachen halt gern über Trump.

Wer beim ZEIT-Leser allerdings für Trübsal sorgen könnte, publiziert im Ausland. Alles, was des ZEIT-Lesers Frohsinn beim Thema „Trump und die Russen“ trübt, steht in der Neuen Züricher Zeitung. -Schlagzeile der NZZ: „Die Vorwürfe im Überblick: Trump und die Akte Russland“.

Der Artikel in der NZZ ist mindestens dreimal so lang wie der in der ZEIT und er widmet sich nicht dem Spott gegen Trump, sondern der wackeligen Basis, auf welcher dieser Spott steht. Mit anderen Worten: Die NZZ informiert ihre Leser. Fakten-Fakten-Fakten ….

Zitat NZZ: „Der amerikanische Präsident ist durch die Russland-Affäre unter starken Druck geraten. Was ist von den Vorwürfen zu halten? Und welche politischen Folgen sind zu erwarten?“ – Zitatende.

Und dann knallhart – NZZ: „Die neusten Entwicklungen im Überblick“, gefolgt von „Worum es im Kern geht“ und – Zitat:

Die Vorwürfe:
1. Russland versuchte den Wahlkampf in den USA zu beeinflussen, um Trump zum Sieg zu verhelfen.
2. Mitarbeiter Trumps pflegten während des Wahlkampfs Kontakte mit russischen Regierungsvertretern.
3. Enge Mitarbeiter Trumps haben über ihre Russland-Kontakte die Unwahrheit gesagt.
4. Trump wollte die Russland-Untersuchung loswerden.
5. Trumps Geschäftsverbindungen nach Russland sind bedeutsamer, als er zugibt.
6. Trump ist erpressbar, da Russland kompromittierendes Material über ihn besitzt.
7. Obama liess Trump im Wahlkampf abhören.
8. Obama spannte für die Abhöraktion die Briten ein.
9. Obamas Regierung verletzte die Privatsphäre politischer Gegner.
10. Aus Naivität gegenüber Putin plant Trump eine Kehrtwende in der Russland-Politik.

Danach zehn ausführliche Hintergrundinfos und Stellungnahmen zu jedem einzelnen dieser Vorwürfe. Ergebnis: Die Spötter gegen Herrn Trump stehen tatsächlich auf sehr dünnem Eis.

Wer den Artikel in der NZZ vollständig studiert hat, der schlage noch einmal die ZEIT auf. Wenn ihn dann ein würgender Brechreiz überkommt angesichts der Erkenntnis, daß selbst die ZEIT es inzwischen für geboten hält, die niedersten Instinkte ihrer „bumsdeutsch informierten Leser“ zu bedienen, als seien sie nach Meinung der Redaktion politisch dressierte Meinungsaffen, der hat mein volles Verständnis.

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