Zensur & Widmung: Der Zensor will sich den Algorithmen widmen

Foto: Collage
Fordert "digitalen Schießbefehl": Kim Jong Maas (Foto: Collage)

Wer gedacht hatte, Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) würde Ruhe geben, nachdem er sein verfassungsrechtlich äußerst fragwürdiges Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) durchgedrückt hat, sieht sich getäuscht. Drei Tage nach Verabschiedung des Gesetzes setzt der „Häscher der falschen Meinung“ nach. Jetzt will er an die Algorithmen. Getreu dem Motto von Jean Claude Juncker: „Es gibt kein´Alko-Rhythmus, bei dem ich nicht tänzelnd mit muß“, will er nunmehr den Programmierern „eine einschenken“ lassen.

Telepolis meldet – Zitat: Auf der Konferenz „Digitales Leben -Vernetzt. Vermessen. Verkauft? #Werte #Algorithmen #IoT“ forderte er einem vorab an die Medien durchgestochenen Redemanuskript nach ein neues „Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen gegen digitale Diskriminierung und für vorurteilsfreies Programmieren“, das es einer neuen „Digitalagentur“ der Bundesregierung erlauben soll, sich in die Algorithmen von Google, Facebook und anderen Unternehmen einzumischen. – Zitatende.

Vierzig Jahre hat es gedauert von der ersten nichtstaatlichen Digitaluhr bis zur ersten staatlichen Digitalagentur. Der Fortschritt ist eine Schnecke. Wer vor vierzig Jahren von einem „Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen gegen digitale Diskriminierung und für vorurteilsfreies Programmieren“ geredet hätte, wäre in der Klapse gelandet und nicht im Bundestag. Das ist die Schattenseite des Digitalzeitalters: Die Maschinen werden immer schlauer, das Volk immer dümmer und die Politiker immer dreister. Worum geht es genau?

Algorithmen sind das Resultat selbstlernender Programme, die individuelle Nutzerpräferenzen ermitteln und für den User sozusagen „maßgeschneiderte Internetangebote“ generieren. Wer im Internet öfter nach neuen Schuhen sucht, kann sich dank Algorithmus darauf verlassen, daß ihm in Sachen Schuhwerk vom Skistiefel bis zum Stiletto nichts mehr entgeht. Alles, was er außer Schuh-News noch im Internet liest, wird flankiert sein von Werbung für Schuhe. Mit den Nachrichten ist es nicht anders.

Wer nie die Internetangebote der ARD oder des ZDF aufruft, nie SPON liest und den Medienmainstream mt Nichtbeachtung straft, der wird nach einer Sucheingabe für den Begriff „Trump“ als erstes die Meldungen seiner präferierten Nachrichtenseiten zu diesem Thema präsentiert bekommen. Der Nutzer kann beim Algorithmus allerdings bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen. Bei Facebook z.B. gibt es die Möglichkeit, für automatisierte Informationsangebote die Option „weniger ähnliche Meldungen anzeigen“ auswählen. Wen es bei den Google-News ärgert, Themen präsentiert zu bekommen, die ihn nicht interessieren, kann beispielsweise bei einer Meldung über Donald Trump auswählen, ob er zukünftig mehr oder lieber weniger über Trump lesen will. Allerdings gibt es Algorithmen, auf die der User keinen Einfluß hat. Die würde Heiko Maas jetzt gerne über die neue Digitalagentur der Bundesregierung unter Kontrolle bekommen.

Es gab in der Vergangenheit schon eine SPD-interne Forderung nach einer sog. „Must be found-Regel“. Das heißt, „gesellschaftlich relevante Inhalte“ sollen auf jeden Fall gefunden werden müssen. Was gesellschaftlich relevante Inhalte sind, weiß nämlich niemand so gut wie die SPD. Entsprechende Äußerungen, etwa von SPD-Politiker Lars Klingbeil lassen diesen Schluß zu. Mit der „Must be found-Regel“ sollen offensichtlich die Angebote öffentlich-rechtlicher Rundfunksender bevorzugt gelistet werden – und zwar unabhängig vom individuell generierten Algorithmus für den jeweiligen Nutzer. In der Konsequenz würde das bedeuten, daß jeder, der beispielsweise zu Südafrika etwas wissen will, die entsprechenden Meldungen von ARD und ZDF als erstes präsentiert bekommt. In diesem speziellen Fall würde er dann nach seinem Klick auf das erste Suchergebnis wahrscheinlich zu lesen bekommen: „Die ARD meldet, daß es aus Südafrika nichts zu melden gibt. Die Neger haben immer recht. Warnung: Die Seite des ZDF brauchen sie gar nicht erst anzuklicken. Die Trottel aus Mainz wissen noch nicht mal, daß es Südafrika überhaupt gibt.“

Die SPD stellt sich also vor, daß der Nachrichtensucher der Zukunft sowohl schneller verblödet, als auch sich schneller und einfacher informiert fühlt. Gefühle sind heute wichtiger als je zuvor. Alle privaten Blogs und regierungskritischen Nachrichtenseiten, die eventuell sehr genaue Informationen zum Thema Südafrika hätten, würden erst weiter unten gelistet werden. Bei der SPD weiß man natürlich ganz genau, wie das mehrheitliche Nutzerverhalten nach Suchanfragen aussieht: Die zuerst gelisteten Suchergebnisse werden angeklickt. Schon die Suchergebnisse, die auf Seite zwei von vielleicht hundert Seiten mit Suchergebnissen abgesackt sind, werden so gut wie nie wahrgenommen.

Mit anderen Worten: Heiko Maas schwebt so etwas wie eine staatliche Fluchtvereitelung vor. Mündige Bürger, die sich die oft realitätsferne Staatspropaganda in den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht mehr antun wollten, sind bereits jetzt in großer Zahl ins Internet abgewandert, wo sie die Informationen vorfinden, die ihnen vom linientreuen Medienmainstream vorenthalten, resp. entstellt präsentiert werden. Was sich der Bundesjustizminister nun wünscht mit seinem „Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen gegen digitale Diskriminierung und für vorurteilsfreies Programmieren“, kann getrost übersetzt werden mit „digitaler Schießbefehl“. Getreu dem alten DDR-Motto: „Hier kommst du nicht mehr raus“, soll dem Propagandaflüchtling nach seiner Flucht das, wovor er geflohen ist, zwangsweise erneut vor die Nase gesetzt werden. (ME)

 

 

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...