Gewaltige Unterschiede

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Auch damals ging es schon hart zu (Foto: Privat)

Warum Möglichkeiten Begehrlichkeiten wecken, Angst ein guter Ratgeber, man zurecht vorsichtig bei Männergruppen ist und warum Frauen davon keine Ahnung haben. Zwei einfache Beispiele:

Von Volker Kleinophorst

Im Alter von 14 Jahren war ich 1971 mit zwei gleichaltrigen Freunden in den Sommerferien in England in einem College in Tunbridge Wells, um meine dürftigen Englischkenntnisse zu verbessern.

90 Jungs aus ganz Europa, sogar einer aus Mexiko, Daniel, der mir den Lungenzug beibrachte, war dabei. Alle im Alter 14 bis 19 auf einem weitläufigen englischen Landsitz mit Manor House mit vielen Nebengebäuden. Parkartiges Gelände mit Fußball und Tennisplatz, sehr schön. Mein erster Urlaub ohne Eltern. Ich war hin und her. Vor allem weil ich schon damals meine Eltern gerne von hinten sah.

Wir wurden in Klassen aufgeteilt und hatten jeden Vormittag Unterricht. Ich hatte am Anfang ein Mehrbettzimmer und wir sechs hatten einen guten Draht. Norweger, Holländer, Griechen… Die Zimmer wurden so belegt, dass man eigentlich gezwungen war, Englisch zu sprechen und miteinander auszukommen.

Schnell stellte sich heraus, eine Nation hatte ein fettes Übergewicht. Die Hälfte der Schüler waren Italiener und bei denen war die Zahl der von den Eltern in Internate abgeschobenen und sozial Verwahrlosten aus reichem Hause ziemlich groß.

Durch die große Zahl waren reine Italiener-Zimmer unvermeidlich. Und die fingen an, den Laden aufzumischen. Erst flogen nachts Stühle durch Treppenhaus, man versuchte mit der Dusche die Etage zu überschwemmen, Matratzen aus dem Fenster werfen etc.. Kurz: Man randalierte sich langsam warm.

Die Lehrer versuchten die Sache damit zu regeln, das man die Rädelsführer neu verteilte. So kam eines der Oberarschlöcher in unser vorher friedliches Zimmer und legte auch gleich los, versuchte uns zu terrorisieren. Wir hatten aber einen ziemlich taffen Norweger dabei, der den schon mal ausbremste und nachdem wir ihm vor seiner zweiten Nacht alle schön ins Bett gepisst hatten, war unsere Haltung wohl deutlich geworden. Natürlich gab es einen Mega-Anschiss. Aber wir haben uns einfach beinhart doof gestellt. So wie die italienischen Fußballer, wenn sie gefoult haben. Verfolgte Unschuld. Vom Gegner lernen, heißt siegen lernen.

Unser Zimmergenosse wollte das natürlich nicht auf sich sitzen lassen, holte sich Verstärkung, versuchte uns einzeln zu stellen, besonders die Kleinen, also unter anderem mich. Eine wirklich fiese Situation, die einem wirklich den ganzen Spaß an diesen doch eigentlich so tollen Ferien nahm. Wir hatten zum Beispiel im Aufenthaltsraum einen Plattenspieler. Kommt ne große Gruppe Italiener rein, nimmt unsere Platte runter, schmeißt sie auf einen Sessel. Plattenspieler ist jetzt unser.

Die Konflikte und die gefühlte Übermacht führten dazu, dass die Minderheit der aggressiven Italiener Zulauf von Landsleuten bekam, die sich sonst nicht trauten und im wirklichen Leben wohl eher selbst Opfer waren. Gewalt gegen Sachen reichte auch nicht mehr, man musste einem in die Seite boxen auf der Treppe, Bein stellen, ne kleine Quälerei hier, ne kleine Bedrohung da…

Die Angst, wenn dir in einem Gang auf einmal der Falsche begegnet. Das legt sich wie Mehltau auf deine Seele. Gerade mit 14.

Mittlerweile gab es Probleme in allen Zimmern und Altersstufen, nur die Abiturienten also 18 plus, hielten sich zurück. Die Lehrer waren machtlos, konnten teilweise noch nicht mal ihren eigenen Unterricht störungsfrei durchziehen. Aber was sollten sie auch tun. Die Eltern der Kinder anrufen, Problemschüler nach Hause schicken? Ein Offenbarungseid ist außerdem geschäftsschädigend.

Eines Mittags sprechen mich zwei 16-Jährige Jungs aus dem Nachbarhaus an. „Heute um 16 Uhr polieren wir den Spaghettis die Fresse. Seid ihr dabei?“ Die Mittelalten (16-18) hatten sich über mindestens 10 Nation verständigt, dass die Italiener offenbar Bedarf an einem bisschen Regelkunde hätten und man da helfen wolle.

Und sie hatten einen Plan: Der war ganz einfach. Pünktlich zur Tea-Time stürzen wir uns mit allen Mann auf jeden Italiener, den wir kriegen können und hauen ihm aufs Maul, bis die Sonne untergeht.

Das hat wirklich Spaß gemacht. Allein schon mal dieses „sich nicht Alles gefallen zu lassen“. Aber am Schönsten ist die dumme Fresse von jemand, der meint, er hätte dich im Sack, wenn deine Faust eintrifft.

Und so stürzten sich die Kleinen auf die Kleinen und die Älteren trugen es in ihrer Gewichtsklasse aus.

Die Lehrer? Ich glaube, die waren ganz froh, dass sich das so regelt, sie hatten bereits kapituliert. Obwohl sie es sicher mitbekommen haben, tauchten sie jedenfalls erst mal nicht auf.

Ganz fix waren die Italiener im Rückzug. Doch Verteidigung war gestern, Rache war die neue Losung.

Höhepunkt, da war es dann schon Abend und die Italiener vernichtend geschlagen, war die Aufbahrung des Superarschlochs (der aus unserem Zimmer) auf dem Fußballplatz. Er war sein Bett gefesselt, geknebelt, mit Zahncreme eingeschmiert und wir wollten ihn da eigentlich bis zum Morgen stehen lassen, damit er sich am besten noch schön einkackt.

Mittlerweile hatte es was von „Herr der Fliegen“, wo Kinder nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel stranden und in kürzester Zeit ein Schreckensregime installieren.

Da tauchten dann doch die Lehrer und die Altschüler auf, unterbanden weitere Aktivitäten und befreiten das heulende Superarschloch, der seine Lektion offenbar gelernt hatte. Denn er blieb für den Rest seines Aufenthalts extrem unsichtbar.

Wir räumten auf, machten sauber, GEMEINSAM! Am nächsten Tag gab es sicher keinen Nachtisch, aber nach diesem Nachmittag war Ruhe, in den Zimmern, im Unterricht, am Plattenspieler, beim Essen… Keiner wurde nach Hause geschickt.

Die Italiener hatten ihre Lektion gelernt.

Ich auch:

  1. Überzahl weckt Begehrlichkeiten.
  2. Wenn man sich nicht wehrt, wird es immer schlimmer.
  3. Einen zu vermöbeln, der einen richtig geärgert hat, macht Spaß.
  4. Wenn die Gewalt aus dem Ruder läuft, wird es zwangläufig hässlich.

Und mein Englisch wurde auch besser.

Frauen habe ja grundsätzlich eine völlig andere Gewalterfahrung. Und zwar die, dass der Mann sie schützt. Weil die meisten Frauen sich nicht schützen können, ganz einfach physisch.

Das ist für die deutsche Superfrau zwar schwer zu verpacken, ist aber bis auf ganz wenige Ausnahmen so. Deswegen wären wir in unserer Jugend auch von den Vätern gevierteilt worden, wenn wir unsere Mädchen nach Party, Kinobesuch… nicht nach Haus gebracht hätten. Obwohl es damals extrem sicher war und Sex-Mob noch nicht zum Sprachgebrauch gehörte, war das nicht diskutabel und aus verschiedene anderen Gründen machte man es ja auch gern.

Eines Abends in der Kneipe. Wir waren damals 1974 alle so um die 18 Jahre alt.

Frauke: „Mich braucht heute keiner nach Hause zu bringen. Ich hab jetzt Pfefferspray.“

Helmuth: „Bis du das Döschen aus der Tasche gefummelt hast, bist du doch längst KO.“

Nun war die heute allseits geläufige Hybris der deutschen Superfrau damals schon ziemlich ausgeprägt. Auch damals haben unsere Mädels immer gerne so getan, als könnten sie Alles besser als wir. Von uns wurde das eher belächelt.

Die Sache schaukelte sich hoch, als Frauke Helmuth zum Duell forderte. Helmuth wollte nicht, aber Frauke war begierig zu zeigen, wie sie sich jetzt hier mal zur Wehr setzt.

Wir gingen raus, Helmuth vor Frauke. Als die aus der Tür war, drehte er sich um, gab ihr eine Ohrfeige, Frauke fiel das Pfefferspray aus den Hand, Helmuth nahm es auf, sprühte einmal kurz in die Luft. Aus die Maus.

„Das war unfair, ich war noch nicht so weit.“ Ihre Geschlechtsgenossinnen sprangen Frauke ausnahmslos bei. Nein so würde nicht gekämpft.

„Wenn dich einer angreift, wartet der auch nicht, bis du soweit bist.“

„Ja, aber hier war das ja anders verabredet. Außerdem brennen meine Augen.“

Das in die Luft gesprühte Pfefferspray.

„Ich hab in die Luft gesprüht, du hättest mir das ins Gesicht gesprüht. So weißt du wenigstens, wie es wirkt.“

Die Mädel konnten sich kaum beruhigen. Nach Hause bringen war weiter gesetzt.

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