Weißer Mann auf der Siegerstraße

Foto: Durch Leremy/Shutterstock
Neulich auf dem Arbeitsamt (Foto: Durch Leremy/Shutterstock)

Der alte weiße Mann ist schuld. Jeder einzelne unterdrückt die Welt seit Anbeginn aller Zeiten. Da sind sich Alle sicher. Besonders die alten weißen Frauen. Und die jungen natürlich auch.

Von Hans Altmann

Meinen bisher letzten Rausch als rassistischer, kaukasischer Alphamann international „Fucking White Male“ hatte ich vor einigen Wochen, als ich, 60 Jahre, weiß, mit weißen Eltern und Großeltern und eben auch noch männlich, nach erfolgreichen Jahren voller Brandschatzung, Raub und sexueller Gewalt auf denen ich meine Fettleber begründet habe, beim Arbeitsamt vorstellig wurde.

Arbeitsvermittlung Abteilung Akademikerberatung.

Schon bei früheren Terminen auf den Ämtern war auffällig, das dort kaum Männer arbeiten. Muss wohl an den Texten in den Anzeigen „Frauen, Behinderte, LGBT´s und Menschen mit Migrationshintergrund“ werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt, liegen.

Na, ist doch auch schön für den alten, weißen Mann, das die Frauen auch mal was machen. Unsereins ist ja eh von Geburt an für Führungspositionen vorgesehen.

Die Beraterin ist selbstredend auch weiblich, wie immer. Und auch wie immer eine Neue.

Freundlich fragt sie mich nach meinem Begehren.

Ich wüsste gerne, ob sie was für mich tun könnte. Beruflich. Neben meiner fachlichen Qualifikation könne ich noch dies und jenes…

Außerdem, das dachte ich allerdings nur, werde ich doch als alter, weißer Mann überall gesucht.

Ja also, tun könnte sie nichts für mich.

Erstaunt fasste ich nach: „Angeblich stehen wir doch vor so einer großen nationalen Aufgabe. Da werden doch endlos Leute gebraucht. Ich kann auch überprüfen, wer wirklich welche Identität hat, Akten bearbeiten, Abläufe koordinieren, organisieren. Was auch immer.“

Ja, sie hätte da jetzt nichts. Die große Flüchtlingswelle sei ja auch vorbei. Das „Ach“ konnte ich mir gerade noch verkneifen. Nein, da müsse ich mich außerdem bei den Trägern direkt bewerben.

„Haben Sie denn überhaupt Stellen für ältere Männer?“

„Nein, also das gibt es nicht. Eigentlich ist man ja auf dem Arbeitsmarkt mit 40 schon zu alt. Programme oder Qualifizierungsmaßnahmen gibt es da nicht.“

Doch dann hatte die junge Frau, für die es mir schwer fällt nicht den Begriff Mädchen zu verwenden, doch noch eine Idee.

„Die Hälfte der Stellen gehen ja heute unter der Hand weg“, wusste sie. Ich heuchelte Interesse und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, was für eine Uralterkenntnis sie da an den Start bringt.

„Bauen Sie sich ein Netzwerk auf.“

Als ich ihr erkläre, ich hätte schon eins und zwar seit 30 Jahren. „Das Problem ist nur, die meisten sind entweder, weil älter noch als ich, als ich schon im Ruhestand oder eben auch selbst gar nicht mehr am Start.“

Unbeeindruckt erklärt sie mir: „Ja, aber ich kann Ihnen das nur empfehlen. Erweitern Sie ihr Netzwerk. Das ist der zweite Arbeitsmarkt.“

Von der Krise am Arbeitsmarkt Journalismus hatte sie offenbar nichts gehört.

Langsam frage ich mich, wo denn der erste Arbeitsmarkt sein soll. Hier jedenfalls nicht.

Ich versuch es mal anders.

„Entschuldigen Sie, ein Frage. Wenn man hier durch die Gänge geht, sieht man nur Frauen. Arbeiten hier überhaupt Männer?“

„Ja, schon, ein paar. Aber es stimmt. In erster Linie arbeiten hier Frauen.“

„Was meinen Sie, warum das so ist? Als ich vor mehr als 30 Jahren auf dem damaligen Arbeitsamt war, arbeiteten da in erster Linie Männer. Und – nebenbei – Arbeitsstellen hatten die auch auf dem Amt.“

„Na, das ist in der Agentur jetzt anders. Außerdem gibt es ja noch das Jobcenter.“

Den Frauenüberschuss erklärt sie damit, dass der Job wohl für Männer nicht so attraktiv ist, von Quoten sagt sie nichts. Die Anzeigen scheint sie nicht zu kennen.

Was hat man denn eigentlich für eine Ausbildung, um den Job zu machen, den sie jetzt machen, frage ich.

Eine Bachelor Sozialwissenschaft spezialisiert auf Arbeitsamt hab ich verstanden. Was es nicht alles gibt.

Ich frohlockte: „Ich hab einen Master in Sozialwissenschaft und tonnenweise Lebenserfahrung. Den Leuten erzählen, das sie netzwerken sollen, kann ich auch.“

Diese Spitze freundlich überhörend, erklärte sie, das man leider nicht suche.

Aber ich könne ja eine Initiativbewerbung an…

Und dann schreib sie mir wirklich eine Adresse handschriftlich auf so eine kleine Pappkarte.

Da hin, gern auch per Mail.

Überglücklich verlasse ich das Büro.

Männer ehrlich:

Wenn man so an der Spitze der Nahrungskette steht.

Das hat schon was.

 

 

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