Eine Partei ist eine Partei, nicht mehr

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Die Partei und die Vielfalt (Foto: Collage)

Die Stärke des Lebens liegt in der Vielfalt, in der Vernetzung, in der Kreativität. Ständig paßt sich die Natur den wechselnden Umweltbedingungen an, ohne ein planwirtschaftliches Zentralkomitee zu benötigen.

Von Wolfgang Prabel

Politik funktioniert genauso wie Natur durch Vernetzung, Kreativität und Vielfalt. Chaotisch und frustrierend, wenn man das Ordnungsprinzip nicht kennt. Erfolgreich, wenn man die Arbeit teilt. Sowohl im Tier- wie im Pflanzenreich gibt es zahlreiche Symbiosen. Warum nicht in der Politik?

Die manchmal quirlige und oft sinnfreie Tagespolitik ist die kurzatmige Geschichte des taktischen Denkens und Handelns, der Finten, Charaktere, Motivationen, Skandale und Tricks, die Geschichte aus der Sicht der Tagesschau. Die Archive der Nachrichtensender quellen über, wissenschaftliche Zuträger haben jeden Chat, jedes Gezwitscher, jede Landtagsrede und jedes Parteitagsprotokoll aufgespürt und analysiert. Jeder Gedanke von Merkel, Schulz, Wagenknecht und Meuthen ist erschlossen, aber der Nutzen dieser Kenntnisse ist begrenzt und fast gleich Null, da die Tagespolitik auf die Zwangsläufigkeit oder Zufälligkeit von langfristigen politischen Entwicklungen keine Antwort gibt und nicht geben kann.

Die mitlaufende Kultur ist der Brüter der langfristigen Überzeugungen, der Traditionen, der Geschichte der hartnäckigen Vorurteile, der Grundtugenden und Grunduntugenden. Quellen sind zeitgenössische Lehrbücher, Bildbände, Kochbücher, Plastiken, Gemälde, Filme, Feuilletons, Schlager, Romane und Gedichte von namenlosen und prominenten Autoren. Die Kultur ist der Antrieb des Zeitgeists, des Mainstream.

Die Tagespolitik ist nicht sinnvoll denkbar und nicht überzeugend erzählbar ohne die Kultur. Jedes politische Vorpreschen der Akteure der Tagespolitik wird durch die kulturellen Beharrungskräfte weitgehend zunichte gemacht. Zehn Schritte vorwärts, neun Schritte zurück, jede Revolution frißt ihre Kinder. Bismarck schrieb, daß man die politische Fahrkarte von Berlin bis Insterburg (am Ende von Ostpreußen) lösen müsse, um wenigstens in Küstrin (einem Vorort von Berlin) anzukommen. Kommissar Trotzki wunderte sich wie ein Kind über die Erfolge von Josef Stalin, der ständig fester im bolschewistischen Sattel saß, obwohl er „vom Marxismus keine Ahnung“ hatte. Er beherrschte und reanimierte aber die Machtinstrumente des Zarismus, notdürftig verhüllt von einem dünnen roten Mäntelchen.

Politik und Kultur brauchen Professionalität. Selten sind Musiker, Schriftsteller und Bildhauer brauchbare Politiker gewesen. Das Frankfurter Parlament von 1848 war im Kern ein Parlament Kulturschaffender. Und selten hat eine politische Institution so vollständig versagt, wie diese impotente und aufgeblasene Versammlung in der Paulskirche. Umgekehrt haben Politiker keine brauchbaren Leistungen im Kulturbetrieb hinterlassen. Die Bücher, die sie geschrieben haben, waren von Ghostwritern hingekrickelt und hatten selten Zutritt zu den Bestsellerlisten. Gerade floppt das Buch von Zensurminister Maas. Sarrazin ist so eine Ausnahme. Aber er schrieb auch erst, als er aus der Politik ausgeschieden war.

Eine Partei, die mehr machen will als Tagespolitik, überfordert sich. Kultur ist gewagter Akt auf dem Hochseil. Ihre Akteure sind von Strafverfolgung freigestellt. Bushido kann singen, daß er die Roth durchlöchern will, ein Politiker kann sich das nicht leisten. Darum müssen Politik und Kultur getrennt marschieren, aber gemeinsam schlagen.

Eine kulturell fundierte Bewegung, wie zum Beispiel PEGIDA, die Identitären oder Einprozent ist wiederum auf dem Holzweg, wenn sie Tagespolitik machen oder sich als Partei formieren will. Parteie, Aktionisten und Künstler können Freunde sein. Die SPD der 60er Jahre hatte zahlreiche kulturelle Unterstützer, darunter auch Nationalsozialisten. Die ,m Grünen hatten in den 80ern einen ganzen Rattenschwanz von schrägen Sängern und Clowns. Und die AfD hat heute eine Unterstützerszene mit kulturellem Anspruch und medialer Präsenz.

Schuster, bleib bei deinem Leisten, wenn etwas politisch oder rechtlich besonders risikoreich ist: Lagere es aus aus deiner Werkstatt. Lieber Björn und lieber André, ihr müßt nicht alles selber machen. Ihr habt euch für die Landtagsarbeit entschieden. Etwas, was Kärrnerarbeit ist, wie Herbert Wehner das nannte. Seinen Frust konnte er lediglich in Zwischenrufen entladen.

Tagespolitik und Kultur können in ein geologisches Bild gefasst werden. Die kulturelle Unruhe agiert als flüssige Phase der Erde, als Magma im Untergrund. Die Parteipolitik spielt sich institutionalisiert an der erkalteten Oberfläche der Welt ab. Der Expressionist malt im kulturellen Untergrund das Mögliche, während sich der Reichskanzler an einer Verfassung und deren Unmöglichkeiten abarbeitet. Unten regiert ein Farben- und Formenchaos, oben wird nach Geschäftsordnungen und Hauptsatzungen agiert. Nun ist es in der Geologie so wie in der Gesellschaft: unter hohem Druck will das heiße Innere an die Oberfläche. Mit Ausbrüchen von gewaltigem Ausmaß bahnt es sich vulkanisch-revolutionär seinen Weg, um an der Oberfläche – Ironie der Geschichte – zu erkalten und eine bizarre Form anzunehmen, deren scharfe Kanten der Bestimmtheit der Wind der Zeit abschleift.

Wer die Welt wirklich ändern will muß mehr in Kultur und Medien, als in Parteipolitik investieren. Es kommt nicht nur auf die Zahl der Sitze von Parteien an. Es kommt darauf an, wer kampagnenfähig ist und in der Alltagskultur verankert ist. Es kommt auch darauf an, wer mehr Moral hat. Ich meine nicht Moralin.

Derzeit entstehen gerade zwei wunderbare Medien. Aus der Nummer Eins der alternativen Nachrichtenportale, aus PI News, wird eine richtige Konkurrenz zur Bildzeitung. Und Jouwatch hat sich mit Metropolico zusammengefunden, mit bemerkenswerten Synergieeffekten. Das Fingernagelmassaker von Erfurt und das Parteitagsvideo mit MP Kretschmann hätten ohne die neue Plattform nicht so große Verbreitung und so starken Widerhall gefunden. Breitbart wird wohl vor der Bundestagswahl nicht kommen, aber das ist angesichts der eigenen Anstrengungen auch nicht mehr nötig. Auch wenn die AfD bei der Bundestagswahl keine 50 % bekommen sollte: Mit Kampagnen und Aktionen des Umfelds wird viel bewegt werden.

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