Der Unsinn des intellektuellen Fernwehs

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Mit dem Flieger zum Sozialamt. Only in Germoney. (Foto: Durch Jag_cz/Shutterstock)

„Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.“ Da hatte Friedrich Nietzsche mal Recht.

Nicht unerhebliche Teile unserer Bevölkerung warfen 2015 mit Teddybären auf Araber. Letztere wurden an einigen Bahnhöfen wie Heilsbringer empfangen. Einige PolitikerInnen sahen die Rettung vor der drohenden Inzucht, andere lechzten nach kultureller oder sexueller Bereicherung. Andere wollten sich die Rente von Ärzten und Ingenieuren aus dem Morgenland verdienen lassen: Was steckt hinter der Sehnsucht nach der Levante und nach Afrika, hinter dem Fernweh allgemein?

Von Wolfgang Prabel

Bis 1918 beschäftigte man sich in Deutschland wissenschaftlich mit exotischen Völkern. Masken, Märchen, Statuen, alles wurde gesammelt. Insbesondere wurden Studien in den Kolonien getrieben. Mit Interesse, aber doch in dem Bewußtsein, kulturell überlegen zu sein. Gerade in Ostafrika, Kamerun und Togo herrschte beispielsweise noch Sklaverei. Die Araber von der ostafrikanischen Küste veranstalteten regelrechte Sklavenjagden, bis die Schutztruppe stark genug war, das Fangen und den Transport von Kuffern zu unterbinden. In Afrika konnte man sich nicht viel abgucken.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ist sofort eine Schraube locker geworden. Der Glaube an ausländische Heilsbringer ist seitdem virulent. Der Waffenstillstand war 1918 noch nicht unterzeichnet, als die von Deutschland enttäuschte künstlerische, politische und literarische Schickeria, die vorher gläubig und in Eintracht für den germanischen Sieg getrommelt hatte, von der deutschen Fahne ging und in der Oktoberrevolution das Heil suchte. Etliche Sowjetgläubige gingen in die Sowjetunion und wurden dort in Gulags zu Eisbärfutter verarbeitet. Der einzige Staatsbesuch, den Präsident Hindenburg empfing, war der afghanische König. Hinter Afghanistan lag Indien, denn Pakistan gab es damals noch nicht.

Das herausragende gesellschaftliche Ereignis des Jahres 1921 war der erste Besuch des indischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore in Deutschland. Tagore war hierzulande viel mehr, als der Repräsentant der indischen Befreiungsbewegung gegen die ungeliebten Engländer, er wurde zu einem Heilsbringer stilisiert. Lenin der Talisman für die Linke, Tagore für die Rechte.

Rita Panesar, die sich in ihrer Dissertation mit Publikationen der Lebensreform und inhaltlich anschließend mit Heilserwartungen in den 20er Jahren beschäftigt hat, sah seinen Erfolg weniger im Inhalt seiner ‚Botschaften‘ begründet, als vielmehr in seiner äußeren Erscheinung, seiner Persönlichkeit.

„In der materiellen wie emotionalen Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde Tagore zum Hoffnungsträger, zum Heiland. Nationalliberale und konservative Bildungsbürger stilisierten Tagore gemäß einer in der Romantik konstruierten Idealvorstellung zum ‚vollkommenen‘, ganzheitlich gebildeten Menschen, der in seiner Person Dichter, Philosoph und Priester vereint. Sie charakterisierten ihn nicht, wie etwa diejenigen Inder, die auf Völkerschauen vorgeführt wurden, als ‚edlen Wilden‘. Tagore galt als aristokratischer Vertreter der geistigen Elite Indiens. Viele Weimarer Zeitgenossen hingen noch der romantischen Vorstellung an, daß sich innere Schönheit äußerlich niederschlägt und beschrieben den Sechzigjährigen mit seinen sanften Gesichtszügen dem gelockten weißen Haar als schön.“

Nachdem die Berliner Vortragssäle die Besucher von Tagores Auftritten nicht fassen konnten, wurde bei Darmstadt auf dem Herrgottsberg ein deutsches Volksfest veranstaltet, nicht als Solidaritätsmeeting mit den ausgebeuteten indischen Werktätigen, sondern als Heerschau teutonischen Geistes mit Einsegnung durch einen auswärtigen Priester. Was den Ablauf des Festes angeht, so werden wir uns wieder Rita Panesar anvertrauen:

„In den liberalen ‚Hamburger Nachrichten‘, deren Leserschaft die Ereignisse in Darmstadt aus großer räumlicher Distanz erfuhr, beschrieb der konservative Günther v. Dewitz die Vorgänge – wie auch zahlreiche andere Autoren – in psalmodierendem Tonfall. Seine Darstellung mutet wie die Schilderung der liturgischen Abfolge eines Gottesdienstes an: ´Im Walde bei Darmstadt heißt eine hügelige Erhebung der Herrgottsberg. Dorthin pilgerten am Sonntag nachmittag die Massen des Volkes, um mit Tagore ein Fest zu feiern. (…) Und jubelnd fallen sie wieder ein mit ihren Liedern Deutschland, Deutschland über alles … klingt’s aus dem fernsten Umkreis und pflanzt sich orkanartig fort, bis der deutsche Wald vom Sange widerhallt; und sie grüßen ihn. Wer hat dich du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben, und preisen Gott: Wir treten zum Beten … und singen, im Herzen vereint mit der Natur und Tagores Empfinden; wir beten an die Macht der Liebe! […]´ Nachdem Tagore die Gemeinschaft gesegnet hat, wird die deutsche Nation durch erneutes Singen geheiligt. Die Singenden verschmelzen, laut Dewitz Darstellung, betend zur mystischen Einheit, die über die Grenzen des heiligen Bezirks hinausgeht und die Natur mit umfaßt.“

Die Oktoberrevolution, Tagore und Dostojewski waren nur der Anfang des idealistischen Fernwehs. Heinrich Himmler stattete mehrere Expeditionen nach Tibet aus, um nach den sagenhaften Urariern oder zumindest deren Hinterlassenschaft zu suchen. 70 Jahre lang war die Sowjetunion der große deutsche Lehrmeister auf allen Gebieten und Moskau die heimliche Hauptstadt, zumindest für viele Millionen Gläubige.  Immer wieder sahen deutsche Elitaristen ein fernes geistiges Shangri La: Man rannte in den 60ern mit steinzeitlichen Mao-Bibeln durch moderne großstädtische Straßen, skandierte Ho-Ho-Ho-Chi-Minh, begeisterte sich für Pol Pot, der gerade im Begriff war, sein Volk auszurotten, Kein Reich war zu fern und zu brutal, immer fanden sich begeisterte deutsche Idioten. Sogar eine Zeitung „Der rote Morgen“ wurde verteilt, in welcher das Albanien der siebziger Jahre als der Himmel auf Erden dargestellt wurde. Die Dummheit der deutschen Intellektuellen und Medienzaren ist so grenzenlos, daß sie jeder Beschreibung trotzt.

Nun haben die stets erfolglosen Risiko- und Kamikazedenker nach allen Enttäuschungen der Vergangenheit, nach der Entzauberung so vieler exotischer Himmelreiche, ein neues Ziel: die Flüchtlinge. Mit denen ist wirklich wenig los. 28 % Analphabeten, sagt unser Landrat. Trotzdem sucht das idealistische Deutschland immer noch nach dem Supersyrer. Stillt die deutsche Elite wieder ihr krankhaftes Fernweh? Dieses Mal im eigenen Land? Bisher war es immer einfach sich von seinen Obsessionen zu lösen. Als die Sowjetunion zusammenbrach, hatten die Sowjetmenschen den Dreck und nicht Honeckers PGs. Als Pol-Pot verhaftet wurde, ging man den Tagesgeschäften nach, als Enver Hodscha die Macht verlor, war man mit der deutschen Einheit beschäftigt. Kretschmann, Fischer und Trittin lösten sich von ihren Lieblingsmördern und es kostete den deutschen Steuerzahler nichts.

Wenn der durch höchste Erwartungen belastete Supersyrer sich als Fehlstart entpuppen sollte, kommt man nicht so billig weg. Dann kommt es zum Kriegsrecht wie in Frankreich, zu Attentaten wie in London, zu erheblichen Kosten für den Überwachungs- und Sicherheitsapparat. Dann hängt überall eine Kamera und das Auto fährt der Staat. Heulen und Zähneklappern gehen dann richtig los. Dieses Mal gibt es keinen billigen Ausstieg aus einem Irrtum.

Der Ausgangspunkt des intellektuellen Fernwehs ist der Zusammenbruch des deutschen Staates 1918. Wie schwer ist es für idealistische Wirrköpfe mit einer Niederlage umzugehen? Seit 99 Jahren steht Deutschland regelrecht Kopf. Die AfD hat ein positives Deutschlandbild. Aber die Grünen? Wir müssen die geistigen Tiefflieger loswerden.

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