Der IS gewinnt den Krieg der Kulturen

Foto: Screenshot/Youtube
Der Islam zerstört die Kultur (Foto: Screenshot/Youtube)

Der Islamische Staat bröckelt, wenn auch langsam. Es sind zwei Jahre vergangen, seit der damalige französische Präsident François Hollande versprach, „Wir werden Rakka bombadieren“. Früher oder später wird der IS sich auf ein kleines Gebiet beschränken und auch der Nachfolger von Abu Bakr al Baghdadi wird ebenfalls getötet werden. Trotz allem, wäre es ein großer Fehler, zu meinen, damit habe sich das Problem nach dreijähriger Schreckensherrschaft erledigt. Auch die Herrschaft des Nationalsozialismus dauerte einschließlich einem 5 Jahre andauernden Krieg insgesamt „nur“ 12 Jahre, trotzdem reichen ihre Auswirkungen auf Kultur und Politik bis in die heutige Zeit.

Von Marilla Slominski

Das gleiche wird für den Islamischen Staat gelten. Für seine kurze Herrschaft hat er mit seinem Terror und seinem Krieg zwischen dem Kalifat gegen den Rest der Welt anderen eine Menge erreicht.

Der IS hinterlässt schon jetzt eine beispiellose Terrorstruktur (277 Europäer starben auf europäischem Boden in den beiden vergangenen Jahren). Wird der IS in Mosul zurückgedrängt, erweitert er seinen Herrschaftsanspruch in Manchester. Der IS gewinnt seinen Krieg in Europa.

Der Aufstieg des ultra-linken Labour-Führers Jeremy Corbyn, der den „Krieg gegen den Terror“ für die islamischen Anschläge in Manchester und London verantwortlich macht, wäre noch vor sechs Monaten undenkbar gewesen. Sein Erfolg ist verknüpft mit dem jüngsten Blutvergießen auf britischen Straßen.

Im Westen hat der IS Parlamente in Ottawa, Cafés in Kopenhagen, Strände in Nizza, Sozialeinrichtungen wie San Bernardino, U-Bahnhöfe und Flughäfen in Brüssel, Popkonzerte in Manchester, Theater, Sportstadien, Restaurants und koschere Supermärkte in Paris, Kirchen in Rouen, Weihnachtsmärkte in Berlin und Einkaufszentren in Stockholm angegriffen. Nicht schlecht für einen. Keine schlechte Bilanz für ein „JV-Team“, wie Ex-US-Präsident Obama den IS nannte. („JV“ = Zweitliga Team Anm.d.Red.)

Der IS übt auf die Umma, die weltweite Gemeinschaft der Islamgläubigen, eine ungeheure Anziehungskraft aus: 30 000 Muslime aus der ganzen Welt, darunter 6000 aus Europa, folgten dem Aufruf, unter der schwarzen Flagge des Kalifats zu kämpfen. Der IS hat es geschafft, ein weltweites Netzwerk aufzubauen. Dschihadistengruppen wie Ansar Bayt al-Maqdis in Ägypten, Abu Sayyaf auf den Philippinen, Ansar al-Sharia in Libyien, Boko Haram in Nigeria, das Kaukasus Emirat in Russland, die Islamische Bewegung Usbekistans und andere haben dem IS ihre Gefolgschaft zugesichert.

Gleichzeitig ist der IS die reichste Terrororganisation der Geschichte. „Die islamischen Anschläge des 11.September kosteten eine halbe Million Dollar. Das macht der IS in sechs Stunden. Fühlen Sie sich angesichts dessen sicher?“ fragt der Berater des Weißen Hauses Sebastian Gorka.

Der IS ist zum bösen Virus geworden. Er flutet den Westen mit Bildern von öffentlichen Kopfabschneidungen von Journalisten, Massakern an Gefangenen, Märkte für Sex-Sklavinnen, Hinrichtungen von Schwulen. Menschen werden vor Publikum ertränkt, in Käfigen verbrannt und gekreuzigt. Bilder die Millionen Menschen weltweit sehen und die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingraben. „Der IS gewinnt den Krieg in den sozialen Medien“, schrieb Brendan Koerner in einem Artikel. Oftmals funktioniert das Böse.

Vor wenigen Wochen wurde in Paris die Jüdin Sarah Halimi unter „Allahu Akbar“-Rufen von einem Muslim abgeschlachtet. Ein Fall, der kaum Erwähnung in den Mainstream Medien fand. Erst als einige französische Intellektuelle sich einschalteten und die Behörden aufforderten, die Tat  öffentlich als antisemitisch zu brandmarken, kam etwas Bewegung in den Blätterwald. Die Bedrohung durch den IS ist inzwischen so immens, dass selbst Koranexperten wie der französische Akademiker Gilles Kepel unter ständigem Polizeischutz leben müssen.

Das größte Vermächtnis des IS ist die Verwüstung von Kulturen und Menschen. Er war erfolgreich darin, ein weißes Blatt Papier zu kreieren, ein islamisches Jahr „Null“, in dem nach der Apokalypse die Geschichte neu startet, jungfräulich und rein. Das Kalifat wird den Nahen Osten mehr und mehr islamisch prägen, nicht nur durch Landnahme, sondern auch auf Grund der Demografie.

Der IS hat nichtislamische Gemeinschaften hinweggefegt, die nie mehr zurückkommen werden.  Viele christliche und jesidische Städte bleiben nach dem Morden und Schlachten leer, die Überlebenden wurden vertrieben und befinden sich im Exil.

Der IS hat es geschafft, die antike christliche Gemeinde von Mosul für immer zu zerstören.

Eine gerade veröffentlichte Studie des Wochenmagazins Plos Medicine stellte fest, das ungefähr 10.000 der ethnischen und religiösen Minderheit der Jesiden getötet wurden. 6.800 wurden gekidnappt, ein Drittel von ihnen wird immer noch vermisst.

„Die Zeit des Christentums im Irak ist vorbei“, sagt der anglikanische Vikar von Bagdad Andrew White. Das erste Mal in 2000 Jahren Geschichte ist es dem IS gelungen, dass die Kommunionsfeier in Nineveh abgesagt wurde.

Die Dschihadisten zerstörten die römischen Statuen und Artifakte von al-Salhiye, auch bekannt als Dura-Europos, dort steht die erste nachgewiesene christliche Kirche der Welt. Im April wurde dort das älteste Abbild Marias entdeckt.

Der IS zerstörte die antiken Stätten Mesepotamiens, von Nimrud bis Hatra. Die assyrische Tempelanlage Ziggurat, vor mehr als 2900 Jahren erbaut, existiert nicht mehr.

Der IS zerstörte die öffentliche Bibliothek von Mosul, in der 10.000 Schriften gelagert waren. Sie wurden verbrannt oder gestohlen.

Auch die Zeugnisse jüdischer Geschichte in Mosul – für immer verloren. Zerstört die Gräber von Set, Daniel und Jona.

Der IS zerstörte die erste assyrische Stadt, Khorsabad.

Das Juwel des Nahen Ostens, Palmyra, zerstört. Mit ihm der römische Baaltempel, eines der wichtigsten religiösen Bauwerke im ersten Jahrhundert nach Christus im Nahen Osten. Gesprengt vom IS am 30.August 2015, jetzt stehen nur noch seine Außenmauern.

Während das Kalifat alles plattwalzt, dessen es habhaft wird, reagiert Europa, als handele es sich bei diesen barbarischen kulturellen Schlachtfeldern lediglich um ein wenig schlechtes Benehmen, das nicht weiter beeindruckend ist.

“Warum, hat der IS im August 2015 den Baaltempel zerstört?“ fragt Professor Paul Veyne in seinem Buch über Palmyra. „Weil dieses Monument von der westlichen Welt geehrt wird. Unsere westliche Kultur hegt eine tiefe Liebe für zeitgeschichtliche Monumente, für die Geschichte anderer Völker und Kulturen. Und die Islamisten wollen zeigen, dass die islamische Kultur sich darin wesentlich unterscheidet. Sie haben mit der Zerstörung der kulturhistorischen Stätten klargemacht, dass sie unsere Bewunderung dafür nicht respektieren“, so Veyne.

Das ist der Grund, warum der IS nach Palmyra dazu übergegangen ist, Ziele wie Musikevents und andere Symbole für das westliche freiheitliche Leben ins Visier zu nehmen. Das zweitklassige „JV -Team“ mag Land verlieren, aber es gewinnt den Krieg der Kulturen. Dem Westen mag es gelingen, Rakka und Mosul zurückzugewinnen, aber ob er in der Lage ist, diese jetzt losgetretene zerstörerische Lawine aufzuhalten, die auf unsere Kultur Freiheit und Werte zurast, bleibt zu bezweifeln.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...