Märchen & Information: „Papa, warum hast du so einen dicken Bauch?“

https://cdn.pixabay.com/photo/2014/05/15/09/09/mannequins-344676__340.jpg
Schwangerer Bundeswehrgeneral in Freizeitkleidung (Foto: Pixabay)

Kleine Kinder sind neugierig. Immer wollen sie eines Tages wissen, wo sie eigentlich herkommen. Weil man ihnen ungern eine Antwort vorenthält, beginnt die dann oft so: „Weißt du, als sich Papa und Mama einmal ganz fürchterlich lieb gehabt haben … die Blumen auch, und die Bienen …“

Von Max Erdinger

Das ist aber heute alles Schnee von gestern. Ein Aufklärungsbuch für Kinder ab zwei Jahren, erschienen in dem kleinen Verlag Atelier 9 3/4 beschäftigt sich mit der Frage, wie man neugierigen Kindern die Sache mit den zwei Bienerichen erklärt, die sich so derartig lieb gehabt haben, daß der eine einen dicken Bauch bekommen hat. Sie meinen, das geht nicht? Doch, es geht. Wenn der eine Bienerich ein Transpapa ist, dann geht das. Weil das aber nicht so oft vorkommt, ist auch der Verlag klein, in dem das Büchlein erschienen ist. Und weil das Aufklärungsbüchlein für das neugierige Rotznäschen mehr auf die fröhlichen Aspekte des Kinderkriegens abhebt, erspart es sich die Beantwortung einer noch nicht mal hypothetisch gestellten Frage, weil die Antworten erfordern würde, welche geeignet sein könnten, ein kleines Kind um den Nachtschlaf zu bringen: Wie kamen eigentlich Samen und Eizelle in Papas Bauch zueinander?

Man müsste Begriffe verwenden wie Krankenhaus, Geschlechtsumwandlung, Arzt, umständliche Eierbefruchtung – und solche Sachen eben. Das Kleinkind würde von dem Verdacht befallen werden, daß seine eigene Entstehung nicht einer besonderen Fröhlichkeit zu verdanken sein kann, sondern einem Dachschaden. Und da auch neugierige kleine Kinder eines Tages sterben müssen, kommt die Traurigkeit sowieso von ganz allein.

Fröhlich ist allein die Schwangerschaft, die erst lustig wird, wenn die „Zeugung“ vorbei ist. Größere Verlage können da leicht ausführlicher werden. Besonders fröhlich ist sie natürlich deswegen, weil es ein aufgewecktes Mädchen mit dem Namen Lotta ist, das der Texter Ka Schmitz fragen läßt. Logisch: Eine neugierige Lotta hakt nicht so genau nach wie ein kleiner Friedhelm Fürchtegott. Deswegen verzichten auch die Zeichnungen von Kai Schmitz-Weicht auf jegliche Darstellung von Beschwerlichkeit.

Die Schwangerschaft von Lottas Transpapa kommt daher, als sei sie die natürlichste und fröhlichste Sache der Welt. Ein schwerer Kritikpunkt an der Publikation ist natürlich, daß sie die Frage außer acht läßt, ob es bei den Moslems, den Sikhs und den Indianern auch kleine Lottas gibt, die von einem Transpapa zur Welt gebracht werden. Da muß man den Herren Schmitz und Schmitz-Weicht schon einen Vorwurf machen. Sie haben sich einfach um die Erklärung herumgedrückt, wer genau auf dieser kugelrunden Welt eigentlich mit Begriffen wie „durchgeknallt“, „polymorph pervers“ und „extremliberal“ zu beschreiben ist. Unter einem multikulturellen Gesichtspunkt ist das Aufklärungsbüchlein für die kleine Lotta deswegen eine regelrecht eurozentrische Publikation, um das böse Wort „nationalistisch“ zu vermeiden. Wahrscheinlich sollte der kleinen Lotta aber lediglich die Freude an Papas dickem Bauch nicht vergällt werden. Ein wenig Ausblendung anderer Völker und anderer Kulturen war da einfach unerläßlich.

Die beiden Schmitz-Papas hatten es aber auch nicht leicht mit ihrem schwierigen Unterfangen im kleinen Verlag 9 3/4. Meinereiner hat ja schon viele Aufklärungsbücher für kleine Lottas in großen Verlagen herausgebracht. Große Verlage sind solche, die Bücher für Männer mit steifen Gliedern und Frauen mit feuchten Mumus verlegen. Das sind nämlich die allermeisten. Und die allermeisten kaufen auch mehr Bücher als die allerwenigsten. Immer, wenn ich beim Verfassen meiner sehr beliebten Aufklärungsbücher zum Kapitel über Papas dicken Bauch komme, beginne ich mit den folgenden Worten: „Als sich dein Papa und der Braumeister einmal fürchterlich lieb hatten, kleine Lotta, kaufte dein Papa das ganze Bier, welches der liebe Braumeister für ihn in Flaschen abgefüllt hatte. Als dein Papa alle Flaschen leer getrunken hatte, wurde er fröhlich, ging nach Hause und fand dort deine Mama vor …“

Bisher war noch jede Lotta mit meinen Büchern zufrieden. Na ja, die kleinen Verlage haben es halt auch nicht so leicht.

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.