Panikreaktionen – Sieferle auf Platz 1

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Ein mutiger Verleger: Götz Kubitschek (Foto: Privat)

„Das Buch im Haus nebenan“, schrieb Ray Bradbury in seinem Roman Fahrenheit 451, „ist wie ein scharfgeladenes Gewehr.“ Er hat recht.

Wer doch noch irgendwie an der Macht des bedruckten Papiers zwischen zwei Buchdeckeln auf der einen und an der Dummheit hysterischer Reaktionen bei geistiger Herausforderung auf der anderen Seite zweifelte, ist heute wieder einmal eines Besseren belehrt worden: Finis Germania, das bei Antaios erschienene Bändchen aus dem Nachlaß des Kulturphilosophen Rolf Peter Sieferle, steht seit Stunden auf Verkaufsrang Nr. 1 bei amazon (obwohl es nicht direkt, sondern nur über Zweitanbieter bestellt werden kann).

Der Grund dieser für unseren „Kleinverlag“ (wikipedia) außergewöhnliche Platzierung ist die Aufnahme von Finis Germania in die Empfehlungsliste „Sachbücher des Monats“, in der Sieferles Destillat seltsamerweise nicht Platz 1, sondern nur Platz 9 erringen konnte. Selbst der 1. Rang in dieser Liste hätte die Absatzzahlen nicht wesentlich gesteigert – zu erwartbar, zu langweilig, mit zuviel Konsenswärme erfüllt ist diese Liste, und das Prozedere ihres Zustandekommens selbst verweist schon auf eine langweilige Institution.

Da darf also jedes Jury-Mitglied Punkte vergeben für Bücher, die es empfehlen möchte. Es findet keine Vorauswahl statt, keine Diskussion, kein inhaltlicher Streit – das Ganze ist ein unengagiertes, mithin erwartbares Teilstückchen einer mit sich selbst und ihrer Selbstbestätigung beschäftigten linksliberalen Kultur-Nomenklatur.

Man nahm dort das Votum „Sieferle, Platz 9“ kommentarlos hin: Kein Juror interessiert sich ernsthaft für das, was ein anderer empfahl, denn der eine Schluck Wasser gleicht dem anderen – sinnlos, davon zu kosten. Das sind Profis der Klappentextlektüre, diese Leute, und was sie selbst entdecken oder empfohlen bekommen könnten, paßt ohne anzukanten durch ihren engen Meinungskorridor wie die Rollatoren der Greise durch den Flur eines Altersheims.

Also mußte ein linksradikaler taz-Autor die „Juroren“ mit der Nase drauf stoßen, ein Autor übrigens, der mal vor unserer Haustür in Schnellroda herumstand und genau wußte, daß er ebenso wie jeder andere geistig Bedürftige seinen Bettelsack aufspannen und – in unserer Küche sitzend – ein bißchen von jener echten Lesebegeisterung und -freiheit abbekommen würde, die vor allem Ellen Kositza vom ersten Satz an ausstrahlt.

Die taz also, die alte Tante mit den verläßlichen Minenhunden, von denen Andreas Speit der berechenbarste ist (dicht gefolgt von Liane Bednarz und Volker Weiß): Man kann sich blind, wirklich blind darauf verlassen, daß diese Leute – geil auf jede Zeile, die sie zu ihrem Lebensinhalt absetzen können – jedes unserer Themen, das eigentlich keines ist, zu einem machen. In gewissem Sinne gehören sie zum Team, aber das beste: Wir müssen sie nicht bezahlen.

Es folgten FAZ und Südeutsche, dann der NDR, und heute der ganze Rest. So gehen Rechnungen auf, und deswegen drucken wir auch erst nach, seit Speit, der Großmeister des vermasselten Keulenhiebs, in der taz die Kugel in den Automaten schnellen ließ. Der Sachbuchliste selbst wegen hätten wir noch nicht einmal eine Absatzbeule wahrgenommen.

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Zum ernsteren Teil der Sache: Man möchte an Rolf Peter Sieferle Rufmord begehen. Der Gipfel dieses Versuchs ist derzeit bei Christian Schröder vom tagesspiegel zu sehen, aber wir werden noch andere Höhen erreichen. Schröders denunziatorische Bestandsaufnahme ist jedenfalls mit der Fotografie eines gewissen Lagertors illustriert – man muß zugeben: schwindelnder geht es kaum.

Das ist also der Ansatz, den Jan Grossarth von der FAZ und der einer eklatanten Aufsichtsunfähigkeit überführte Jury-Chef Andreas Wang wählten:

Denunzierung dessen, was auch durch sie erst ins Galoppieren kam. Die Verdrehungen im Einzelnen, wir zitieren Grossarth:

Auschwitz sei ein „Mythos“, welcher „der Diskussion entzogen werden soll“, schreibt Sieferle. Der Jury-Vorsitzende Andreas Wang hatte der „tageszeitung“ gesagt, „dass das Buch die Liste nicht gerade ziert“. Womöglich enthält das Buch strafbare Inhalte. Die begriffliche Verbindung von Auschwitz und „Mythos“ weist eine Nähe zum strafbaren Ausdruck der „Auschwitz-Lüge“ auf.

Zur Beurteilung dieser Spekulationen zunächst Sieferle im ausführlichen Zitat:

 Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das ihn schützende Tabu. Hat man nicht gar die „Auschwitzlüge“ als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht? Steht hinter dem Pochen auf die „Unvergleichlichkeit“ nicht die alte Furcht jeder offenbarten Wahrheit, daß sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einläßt? „Auschwitz“ ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden.

Das meint dasselbe, was Joschka Fischer meinte, als er von Auschwitz als dem Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland sprach: die tabubewerte, stiftende, großen historischen Erzählung, die aufgrund ihrer Dimension und Unvergleichlichkeit zu einem Mythos geworden sei. Der Unterschied: Wo Fischer diesen Mythos als sinnstiftend begrüßte und für die Bändigung des ewigen deutschen Täters als unverzichtbar erklärte, sieht Sieferle, das wird im Verlauf des Textes klar, in dieser Negativ-Erzählung nichts Stiftendes, sondern eine Totalinfragestellung des weiteren Weges eines (des eigenen) Volkes.

Darüber sollte man reden können, und es gibt Historiker, Politiker und Schriftsteller, die das taten und tun. Von einer geistigen Nähe Sieferles zu irgendeiner Form der „Auschwitzlüge“ wird man indes nichts finden können, es sei denn, man ist hinterhältig (Grossarth), panisch (Wang) oder ungebildet (Schröder) und setzt den Begriff „Mythos“ mit „Erfindung“, „Märchen“ oder eben „Lüge“ gleich.

Ein weiteres Zitat, wieder von Grossarth:

Im Jargon der Feinde der Weimarer Republik nennt Sieferle bürgerliche Parteien und Medien „Systeme ohne Werte, Ziele und Programme“. Migranten werden zu „Barbaren“. In Gänsefüßchen: „Auschwitz“. Die jüdischen Opfer: die „ominösen sechs Millionen“.

Wiederum Sieferle im Original, zunächst zu den Systemen. Grossarths Fetzchen ist herausgerupft aus einem schwierigen Kontext mit dem Titel „Politik und System“:

Politik gehört einer älteren Daseinsschicht an, geordnet in Hinblick auf Staat und Geschichte, kristallisiert in Staatsmännern, Führern und Ideologen. Es gibt in ihr Programme, Werte und Ziele. Gefordert sind Tugenden und Einsätze, die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten. Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.

System ist die Eigenschaft neu heraufziehender Ordnungen von höherer Komplexität, welche die Politik sukzessive verdrängen. Systeme organisieren sich ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme. Ihre einzige Maxime lautet: Freiheit und Emanzipation für die Individuen. Tugend und Opfer sind Anachronismen, Kriege bloße Konfliktkatastrophen, die es durch geschicktes Management zu verhindern gilt. Ordnung wird durch selbsterzeugte Zwänge der Objektivität geschaffen, nicht aber durch normierende Ausrichtung. Die Strukturen der Systeme sind für die Individuen so unentrinnbar wie ein Magnetfeld für Eisenspäne. Sie „wissen“ nichts davon, doch fügen sie sich den vorgezeichneten Bahnen. Die wichtigsten Vorgänge werden nicht gesteuert und sind kaum theoretisch faßbar.

Daß Migranten zu „Barbaren“ würden, kann ich in Finis Germania nicht finden, die Auschwitz-Gänsefüßchen hingegen schon, siehe Zitat weiter oben, letzte Zeile. Die Gänsefüßchen kennzeichnen „Auschwitz“ als pars pro toto, nicht als zynisch ausgesprochene Zurückweisung.

Zuletzt: die „ominösen sechs Millionen“:

Worin kann die Lehre aus Auschwitz eigentlich bestehen? Daß der Mensch, wenn er die Gelegenheit dazu findet, zum Äußersten fähig ist? Wer dazu Auschwitz benötigt, möge dies daraus lernen. Oder daß in der technischen Moderne moderne Technik zum Massenmord eingesetzt wird? Wen dies überrascht, der möge es aus Auschwitz lernen. Oder ist es die schiere Zahl der Opfer, die ominösen sechs Millionen? Also etwas fürs Guiness-Buch der Rekorde? Aber Vorsicht, Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden!

Oder ist das wirklich Lehrreiche an Auschwitz der manifeste Zusammenbruch des Fortschrittsglaubens, also die Einsicht, daß so etwas „noch im 20. Jahrhundert“ geschehen konnte? Also die endgültige Ernüchterung, nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Gulag unwiderrufbar: Das „Projekt der Moderne“ ist ein für allemal gescheitert? Was seit jeher geschehen ist, wird weiterhin geschehen. Es gibt keine irreversible Entwicklung der Moral, nur ein ewiges Auf und Ab.

Mein Fremdwörterlexikon (Duden, Band 5) nennt mir als erste Bedeutung für ominös: „von schlimmer Vorbedeutung“, „unheilvoll“. So hat Sieferle das aufgeschrieben, so hat er es gemeint, aber klar: Grossarth, Wang und Schröder, die Seiltänzer unter den Sprachakrobaten, wissen es besser, und platzen mit ihrer Besserwisserei vor hunderttausenden Lesern heraus, ohne im Geringsten eine Vorstellung davon zu haben, was das für den Ruf und die Reputation eines große Denkers und eines Kleinverlags (wikipedia) bedeuten könnte.

Der Juror, der Sieferle auf die Empfehlungsliste setzte, wird im übrigen sehr schwere Tage vor sich haben. Er konnte diese feuilletonistische Putztruppe nicht kommen sehen. Hoffentlich überlebt er die Panikreaktionen beruflich.

Damit genug. Karlheinz Weißmann (Junge Freiheit) und Michael Klonovsky (acta diurna) sind die ersten, die zur Verteidigung Sieferles klare Worte gefunden haben. Und auf allen Portalen, selbst bei der ZEIT, sind drei bis vier Fünftel der Leserkommentare hämisch bis sarkastisch gestimmt über den Feuilletonversuch, aus Sieferle einen Hetzer und Extremisten zu machen. Dabei war er bloß in klarer Kopf und las nicht immer wie alle anderen um ihn herum an der Uni das bereits Bekannte.

Machen Sie sich selbst ein Bild. Sieferles Finis Germania bestellt man am besten hier, und sein Migrationsproblem (ebenfalls aus dem Nachlaß) hier gleich mit, damit wir dieses Gefecht gewinnen. „Das Buch im Haus nebenan“, ich zitierte Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 bereits, „ist wie ein scharfgeladenes Gewehr.“ Er hat recht. Und die Knarre ist diesmal auf das Feuilleton gerichtet. Es kommt damit nicht zurecht, es reagiert mit Panik. Ein Glück!

Wandere aus, solange es noch geht!
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