Das „Sieferle-Theater“

Und die Geschichte wiederholt sich (Foto: Wikipedia/ Von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5427687
Und die Geschichte wiederholt sich (Foto: Wikipedia/ Von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5427687

Die Causa Sieferle geht, wie gesagt wird, in die nächste Runde. Beginnen wir diesmal gleich mit dem vorläufigen Zwischenresultat: „Als ich vorhin ‚Finis Germania‘ bestellen wollte“, schreibt Leserin ***, „hieß es in beiden Buchhandlungen ’nicht lieferbar‘. Seltsam, oder?“ Ich würde eher sagen: folgerichtig. Aber – gepriesen sei die Restmarktwirtschaft – im Verlag kann man das eminente Bändchen nach wie vor ordern. Die Zwischenhändler freilich sind derzeit blank. Auf amazon kletterte „Finis Germania“, obwohl es dort nur secondhand angeboten werden darf, auf Platz 1. Und wer Sinn für Komik besitzt angesichts der Tatsache, welche Bücher hier und heute außerhalb des Samisdats nicht mehr verlegt oder auf dem üblichen Wege gekauft werden können, wird sich daran erfreuen, dass die Süddeutsche in derselben Ausgabe, in welcher sie zur Hatz auf das Sieferle-Buch und dessen Empfehler in der Sachbuch-Jury blies, unter der Spitzmarke „Zensur“ einen Artikel veröffentlichte, in dem der „Parthenon of Books“, ein „Tempel aus verbotenen Büchern“, zu einem „Mahnmal für die globale Meinungsfreiheit“ und einem „Höhepunkt“ der Kasseler Documenta erklärt wird (hier). Das nennt man, glaube ich, kognitive Dissonanz. Und das erklärt auch einen guten Teil der – natürlich bloß rein verbalen – Aggressivität, mit welcher deutsche Journalisten inzwischen agieren.

Von Michael Klonovsky

In der Jury für das „Sachbuch des Monats“ konnte man indes aufatmen: Der Maulwurf, der Unhold, jener Journalist, der Sieferles Buch zu empfehlen wagte, hat sich dank des wachsenden Nachstellungsdrucks zu erkennen gegeben und seinen Rückzug aus dem Gremium erklärt. „Redakteur des Spiegel gab rechtsextreme Leseempfehlung“, verkündete nicht ohne Triumph die FAZ. „Es ist Johannes Saltzwedel vom Spiegel, der auch schon Bücher über die Germanen veröffentlicht hat“, steuerte die Welt ihren Teil zur Aufklärung bei, um sodann einzuräumen: „Keiner der Juroren kann erfreut darüber sein, einer Jury anzugehören, von deren Arbeit sich öffentlich-rechtliche Stellen in Deutschland distanzieren müssen.“ Aber ein Komitee, das sich so schnell zu säubern versteht, bekommt gewiss eine zweite Chance. Kollektive Selbstverpflichtungen und strenge Verfahrenskontrollen werden dafür sorgen, dass eine weitere nicht erforderlich sein wird.

Nun kommt der FAZ-Journalist Jan Grossarth ins Spiel, der sich um das Renommee Sieferles schon erhebliche Verdienste erworben hat, denn der Kitzel der subversiven, gegen die Dekrete der Partei- und Staatsführung gerichteten, die Staatsicherheit auf den Plan rufenden Lektüre ist in weiten Teilen des Volkes plötzlich wieder en vogue. Grossarth sieht seine Weltsekunde des Wahrgenommenwerdens gekommen, weshalb er sich mit der Maximalforderung bläht: „Womöglich enthält das Buch strafbare Inhalte. Die begriffliche Verbindung von Auschwitz und ‚Mythos‘ weist eine Nähe zum strafbaren Ausdruck der ‚Auschwitz-Lüge‘ auf“ (hier). Strafverfolgung! Da beginnt doch die Cowpersche Drüse jedes Denunzianten vorfreudig zu nässen!

Allerdings ist zunächst einmal ein „Ausdruck“ namens „Auschwitz-Lüge“ nicht strafbar, sonst wäre unser journalistischer Ermittler ja selber dran. Sodann ist der Begriff „Mythos“ vom Terminus „Lüge“ ungefähr so weit entfernt wie der Kosename „Grossarth“ von einer unbegreiflich ungerecht verteilten Gottesgabe namens „Geist“ (aber, liebe Kinder, die FAZ war tatsächlich mal ein Intelligenzblatt). Und wie war das gleich mit dem „Gründungsmythos der Bundesrepublik“, den ein Joschka „Jockel“ Fischer… – egal. Gehen wir lieber nochmals in medias res, damit Sie, geneigter Leser, entscheiden können, ob es sich im Falle dieses FAZ-Autors um einen bedauernswerten Dummkopf handelt, der nicht imstande ist, Sieferles Texte zu verstehen und angemessen wiederzugeben, oder bloß um einen Lumpen.

Was hat es also mit der so lüstern präsentierten Verbindung von „Mythos“ und „Auschwitz“ bei Sieferle auf sich? Der Historiker hat geschrieben:

„Jede Geschichtskonstruktion ist das Werk einer Gegenwart, die damit bestimmte ideologische Ziele verfolgt, nach Sinn sucht oder konkrete Freund-Feind-Verhältnisse feststellen möchte. Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewißheiten ausgehen können. ‚Auschwitz‘ bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll. Dieser Mythos hat allerdings einen wesentlich negativen Charakter, da dasjenige als Singularität fixiert werden soll, was nicht sein soll. Daher trägt die sich auf diesen Komplex stützende politische Bewegung auch einen negativen Namen: Antifaschismus.“

Und: „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das ihn schützende Tabu. Hat man nicht gar die ‚Auschwitzlüge‘ als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht? Steht hinter dem Pochen auf die ‚Unvergleichlichkeit‘ nicht die alte Furcht jeder offenbarten Wahrheit, daß sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einläßt? ‚Auschwitz‘ ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden.“

Wo lugt hier die „Lüge“? Offenkundig einzig aus den Zeilen des Pressbengels.

Welcher stracks die nächste Unterstellung nachschiebt: „Die indigenen Deutschen müssen sich demnach dringend wehren. Sieferle schrieb, bevor er sich im Herbst 2016 das Leben nahm: ‚Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.'“

Im Buch beschreibt Sieferle den Übergang von „Politik“ im traditionellen Sinne zum heutigen vielverwobenen und -vernetzten und keineswegs nur Journalisten verwirrenden „System“: „Politik gehört einer älteren Daseinsschicht an, geordnet in Hinblick auf Staat und Geschichte, kristallisiert in Staatsmännern, Führern und Ideologen. Es gibt in ihr Programme, Werte und Ziele. Gefordert sind Tugenden und Einsätze, die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten. Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.
System ist die Eigenschaft neu heraufziehender Ordnungen von höherer Komplexität, welche die Politik sukzessive verdrängen. Systeme organisieren sich ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme. Ihre einzige Maxime lautet: Freiheit und Emanzipation für die Individuen. Tugend und Opfer sind Anachronismen, Kriege bloße Konfliktkatastrophen, die es durch geschicktes Management zu verhindern gilt. Ordnung wird durch selbsterzeugte Zwänge der Objektivität geschaffen, nicht aber durch normierende Ausrichtung. Die Strukturen der Systeme sind für die Individuen so unentrinnbar wie ein Magnetfeld für Eisenspäne. Sie ‚wissen‘ nichts davon, doch fügen sie sich den vorgezeichneten Bahnen. Die wichtigsten Vorgänge werden nicht gesteuert und sind kaum theoretisch faßbar.
System hat sich in den fortgeschrittenen ‚westlichen‘ Ländern weitgehend durchgesetzt.“

In zwei Absätzen löst sich die vermeintliche Aufforderung zum Opfertod, die, sofern von islamischer Seite erhoben, von diesen schreibenden Hasenfüßen verständnisvoll unbeplärrt bleibt, in Nichts auf. Was meinen Sie, geduldiger Leser: Ist der Herr Grossarth nun zu dumm, solchen Gedankengängen zu folgen (man hört ja so einiges über die Qualität der nachrückenden Journalistenjahrgänge, und was man zu lesen bekommt, o là là) –, oder ist er bloß niederträchtig?

Wem praktisch jedes Argument fehlt, der braucht kollegialen Beistand. Die Autoren kommen und gehen, der Duktus bleibt derselbe. In einem weiteren und gewiss nicht dem letzten Artikel der „Zeitung für Deutschland“ zum Thema heißt es:

„‚Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurden von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden.‘ Ein typischer, ein antisemitischer Satz des späten Rolf Peter Sieferle.“ Schreibt diesmal Grossarths Kollege und seit heute sogar Kumpan Hannes Hintermeier, im FAZ-Feuilleton verantwortlich für „Neue Sachbücher“. Es ist derselbe miese Stil des aus dem Zusammenhang Zitierens, der einem Intellektuellen eigentlich peinlich sein müsste, aber offener Meutendruck und unterschwellige Existenzangst – ohne staatliche Finanzhilfen wird kaum eine dieser Gazetten die nächste Dekade überleben – fressen das Schamgefühl wahrscheinlich einfach auf. Im Übrigen belehrt die Lektüre des Babylonischen Talmud darüber, dass die jüdische Tradition diese Schuld, die ja gar keine ist – es wurde schließlich ein Gotteslästerer für ein todeswürdiges Verbrechen bestraft –, nicht nur anerkennt, sondern stolz auf sich nimmt, aber diesen Nebenkriegsschauplatz machen wir hier nicht auf, zumal nicht gegen Ungebildete. (Wer mehr darüber lesen will, möge sich zu meinem Eintrag vom 4. September 2016 durchscrollen.)

Bringen wir nun, der Hermeneutik ebenso verpflichtet wie der Moral, die zitierte „Stelle“ halbwegs in den Textzusammenhang – die gesamte metaphysisch-psychopolitische Spekulation ist zu lang, um sie hier in Gänze zu zitieren, aber Sie können das Buch ja beim Verlag – hier – bestellen. O-Ton Sieferle:

„Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist der säkularisierte Teufel einer aufgeklärten Gegenwart. Diese mündig und autonom gewordene Welt benötigt ihn als eben die Negativfolie, vor der sie sich selbst rechtfertigen kann. Insofern besteht eine hohe Affinität zwischen dem Deutschen und dem Juden, wie er in der christlichen Vergangenheit gesehen worden war: Das zweite große Menschheitsverbrechen nach dem Fall Adams war die Kreuzigung Christi. Diese Untat wurde zwar sogleich durch die Auferstehung und Erlösung wieder aufgehoben, doch hatte die Erlösung zumindest eine minimale Voraussetzung: den Glauben. (…)
Die Juden teilten selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben – wenn dies auch gewöhnlich in der Weise geschieht, daß derjenige, welcher von der Schuld oder ‚Verantwortung‘ der Deutschen spricht, sich selbst zugleich von dieser reinigt, da die Anerkennung der Schuld immer nur mit Blick auf die Verstockten, d.h. die anderen, ausgesprochen wird. Die Schuld Adams wurde heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden, müssen zum immerwährenden Mythos werden, um ihre Schuld zu sühnen. Der ewige Nazi wird als Wiedergänger seiner Verbrechen noch lange die Trivialmythologie einer postreligiösen Welt zieren. Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d.h. zu abstrakten ‚Menschen‘ geworden sind. Aber vielleicht braucht die Welt dann andere Juden.“

Zu erklären, was daran antisemitisch sein soll, würde sogar einen knalldeutschen Habitatsnazi überfordern, der sich vor 70 Jahre an der Jagd auf, Sie wissen schon wen, beteiligt hätte. Und erst recht den Herrn Hintermeier! Aber begründen ist ja unnötig. Man kann es, den Zeitgeist und seine Vollstrecker hinter sich wissend, auch durch Behaupten, Entstellen und Denunzieren erledigen. Dass der Sachbuchverantwortliche der FAZ allerdings, und sei es nur aus Kumpanei, unter seinem Namen folgendes drucken lässt:

„Dreißig Miszellen Sieferles hat der Verlag unter dem Titel ‚Finis Germaniae’ (sic!) zusammengekehrt, ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik, die nicht weiter erwähnenswert wäre, hätte sich das Büchlein nicht plötzlich auf der (…) Liste ‚Sachbücher des Monats‘ wiedergefunden“,

das ist in der Tat ekelhaft und vor allem aus der Froschperspektive eines Feuilletonisten, der nie einen eigenen Gedanken gedacht und nie einen Satz geschrieben hat, der nur ihm gehört, grotesk unangemessen. Vermutlich hat er nicht einmal das Buch gelesen und sich von seinem Kumpan sagen lassen, was er davon zu halten hat und was er zitieren soll. Ansonsten hätten wir es mit dem feuilletonistischen Pendant eines Sportredakteurs zu tun, der nicht in der Lage ist, eine Champions League-Partie von einem Spiel der A-Junioren zu unterscheiden.

***

„Und es war, als sollte der Ekel ihn überleben.“ (Nach Kafka).

Wandere aus, solange es noch geht!
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