Manchester: Das rhetorische Schatzkästchen der politischen Klasse

Max Erdinger Foto: JouWatch

Die Zahl der Todesopfer des Terroranschlags von Manchester gestern ist auf 22 gestiegen. Die Trauer der Hinterbliebenen ist groß, die Zahl der Schwerverletzten hoch. Die politische Klasse kramt routiniert in ihrem rhetorischen Schatzkästchen und mimt Empathie. So unvermeidlich wie der nächste Anschlag sind nämlich auch die Lippenbekenntnisse westlicher Politiker, wenn der Terror wieder einmal zugeschlagen hat. Die ZEIT lieferte heute eine Sammlung der sprachlichen Perlen, die ein Verantwortungsloser irgendwann einmal in die Schatulle vor den Säuen geworfen haben muß.

Von Max Erdinger

Zitat ZEIT: >US-Präsident Donald Trump sprach den Angehörigen der Opfer seine „tiefste Anteilnahme“ aus. Der Attentäter habe Jagd auf „unschuldige Kinder“ gemacht, sagte er. „Boshafte Ideologie“ müsse ausgelöscht werden.< – Zitatende

„Put your money where your mouth is.“ – Das ist ein altes englisches Sprichwort, das so viel heißt wie: „Mache, was du sagst.“ Was hat Donald Trump vor dem Anschlag gesagt und bevor er nach Saudi-Arabien gereist ist, um sich dort feiern zu lassen und einen 100 Mrd.-Dollar-Waffendeal abzuschließen? – Wolfram Weimer von n-tv weiß es:

Zitat n-tv: „Saudi-Arabien bezahlt Isis“. Das twitterte Donald Trump vor seiner Wahl zum US-Präsidenten. Im Wahlkampf wetterte er gegen das saudische Königreich als einen Paten des islamistischen Terrors. Und Trump hatte – was nicht immer der Fall ist – recht. Ermittlungen des US-Kongresses, Inside-Reportagen, Geheimdienstberichte und Forschungsstudien haben die tiefe Verstrickung des saudischen Königshauses in den internationalen Islamismus belegt. Wenn islamische Gruppen irgendwo als Gotteskrieger aktiv werden, können sie auf Netzwerkmillionen des saudischen Königs Salman hoffen“ – Zitatende.

Mehr über Saudi-Arabien wusste Rainer Hermann in der FAZ vom 28.11.2015

Zitat FAZ: „Saudi-Arabien exportiert vor allem zwei Produkte: Erdöl und Islam. Das saudische Erdöl ist das Schmiermittel für die Weltwirtschaft, der saudische Islam aber ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte das Königreich begonnen, seinen rückwärtsgewandten und intoleranten Islam zu exportieren. Rückwärtsgewandt ist er, weil er sich am Vorbild der ersten Muslime orientiert und dazu den Koran buchstabengetreu auslegt. Und intolerant ist dieser Islam, weil er alle Anhänger anderer Auslegungen zu „Ungläubigen“ erklärt, die bekämpft werden müssen. Die Vertreter dieses wahhabitischen Islams sehen ihn seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert als die einzige wahre Form des Islams an – und als die einzig wahre Religion überhaupt.

Das Ergebnis ist verheerend. Seit einem halben Jahrhundert wird die saudische Missionsoffensive Jahr für Jahr mit Milliarden Petrodollars finanziert. Sie richtet sich gegen den religiösen Pluralismus in der islamischen Welt – gegen gemäßigte und säkulare Sunniten ebenso wie gegen Anhänger des Sufismus und Schiiten, gegen Nichtmuslime sowieso. Diese saudische Offensive schuf den theologischen und ideologischen Nährboden für den heutigen Terror im Namen des Islams. Zwar finanziert das Königreich Saudi-Arabien die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nicht direkt; denn der IS hat der saudischen Monarchie den Krieg erklärt. Das Königreich ist aber der Schöpfer dieses Ungeheuers, denn der IS ist die besonders gewalttätige Fortsetzung des wahhabitischen Islams.“ – Zitatende.

Donald Trump kann sich seine „tiefste Anteilnahme“ und seine „unschuldigen Kinder“ folglich da hinstecken, wo die Sonne niemals scheint. Wer dem saudischen Königshaus den Allerwertesten pudert, sollte sich die nächsten 14 Tage krankmelden und eine Halsentzündung simulieren, derentwegen er kein Wort herausbringt. Trumps Glaubwürdigkeit bröckelt seit dem amerikanischen Luftschlag gegen Assads Truppen wegen eines vollständig gefakten Giftgasangriffs von Tag zu Tag immer mehr. Pfui Teufel.

Zitat ZEIT: >Premierministerin Theresa May drückte den Opfern ihr Mitgefühl aus. „Wir arbeiten daran, alle Details des Vorfalls aufzuklären“, sagte May.< – Zitatende.

Ja, Frau May, das interessiert uns jetzt am allerbrennendsten: Die Details des „Vorfalls“. Vorfall? – Geht´s noch? Vorfälle fallen halt vor, oder wie? Kein Mensch braucht die „Details des Vorfalls“. Die sind kein Stück interessanter als die Details aller bisherigen „Vorfälle“. Was wir brauchen, ist ein Katalog drastischer Maßnahmen zur Verhinderung künftiger „Vorfälle“. Das wäre interessant!

Zitat ZEIT:>Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zu dem Anschlag: „Mit Trauer und Entsetzen verfolge ich die Berichte aus Manchester. Es ist unbegreiflich, dass jemand ein fröhliches Popkonzert ausnutzt, um so vielen Menschen den Tod zu bringen oder ihnen schwere Verletzungen zuzufügen. Meine tiefe Anteilnahme gilt allen Opfern und Betroffenen sowie den Angehörigen in ihrer Trauer und Verzweiflung. Dieser mutmaßliche terroristische Anschlag wird nur unsere Entschlossenheit stärken, weiter gemeinsam mit unseren britischen Freunden gegen diejenigen vorzugehen, die solche menschenverachtenden Taten planen und ausführen.“ Deutschland stehe an der Seite der Menschen in Großbritannien.<-Zitatende.

Unbegreiflich, aha. Das heißt, Frau Merkel ist begriffsstutzig, resp. lernresistent. Es interessiert keine Sau, was Frau Merkel „unbegreiflich“ findet. Immerhin wird sie lesen können. Der IS hat in -zig Internetbotschaften gesagt, daß er den Westen angreifen und den Terror nach Europa bringen wird. Was ist daran so wahnsinnig unbegreiflich? „Unbegreiflich“ heißt hier nichts anderes, als daß Merkel partout nicht wahrhaben will, wie viele Leute es auf dieser schönen Merkelwelt gibt, die im Gegensatz zu ihr selbst keinen Wert darauf legen, den ersten Preis bei „Schöner Denken“ abzuräumen. Das ist es, was es heißt. Als ob es darauf ankäme, was Frau Merkel „unbegreiflich“ findet! Sehr begreiflich ist allerdings: Frau Merkel will dafür geschätzt werden, daß sie selbst das Widerwärtige am islamischen Selbstmordattentäter „unbegreiflich“ findet. So nach dem Motto: Schau, unsere Kanzlerin, die gute. So gut ist sie, daß sie es nicht begreifen kann. Ich werde jetzt mal persönlich. Worauf käme es denn an, Frau Merkel? – Genau, es käme darauf an, daß Sie endlich begreifen, wie unerheblich es ist, ob Sie die Unbegreiflichen begreifen können oder nicht. Es reicht völlig, wenn Sie begreifen, daß es die Unbegreiflichen gibt und daß sie zuschlagen werden. Nach welchem Begreifen haben Sie denn gesucht? Wollten Sie den Selbstmordattentäter verstehen? Wundern Sie sich, daß Sie ihn nicht verstanden haben? Ist es das, was Sie „unbegreiflich“ finden? Wollen Sie für besonders edel gehalten werden in ihrer Unfähigkeit, zu begreifen, daß es keine Rolle spielt, ob Sie einen Killer begreifen oder nicht? Ihr „unbegreiflich“ hieß beim Suppenkasper so: Ich esse meine Suppe nicht, nein, meine Suppe ess´ ich nicht. Wir wissen, wie das ausgegangen ist: Am fünften Tage war der Kasper tot. Und was Ihre Anteilnahme angeht: Sie mussten wegen Ihrer komplett durchgeknallten, völlig verantwortungslosen Politik, wegen Ihrer egalitaristischen Wolkenkuckucksträumereien („die Menschen“) schon derartig oft „Anteilnahme nehmen“, daß Sie vor Anteilnahme bald platzen müssten wie eine verwesende Preßwurst! Ah, gerade lese ich es nochmal: „Tiefe Anteilnahme“. So tief wie von Ihnen, ist noch kein Hinterbliebener jemals mit „Anteilnahme“ verarscht worden. Sie sind doch nur noch ekelhaft in ihrer ganzen egozentrischen Begriffsstutzigkeit! Sie sind der wandelnde Beweis dafür, daß in dieser Republik sogar der intellektuell Unterdurchschnittliche Kanzler werden kann, so er nur die richtigen Dinge „unbegreiflich“ findet. Abtreten! Weg! Raus! Zu den Grenztruppen! Aufräumen, putzen, Geschirr spülen, was weiß ich.

Wir können uns alle miteinander auf die Kanzlerin verlassen: Wenn morgen ich, mein Sohn, Ihre Frau, Ihre Kinder oder Ihre Freunde, von einer Nagelbombe zerfetzt, in einer riesigen Blutlache liegen – die Kanzlerin wird es wieder ganz und gar „unbegreiflich“ finden. Und wenn Merkel samt ihren Bodyguards die letzte ist, die in diesem Lande noch lebt: Sie wird es unbegreiflich finden. Ist das nicht tröstlich?

Zitat ZEIT: >Präsident Emmanuel Macron kündigte an, im Kampf gegen den Terrorismus weiter mit den Briten zusammenarbeiten zu wollen. Macron will zudem mit May wegen des Anschlags telefonieren.< – Zitatende.

Das ist nett von der Frau Macron, der ich heute mal kein bestimmtes Geschlecht zuschreiben will, um sie nicht in eine Schablone zu pressen. Sie will weiter mit Herrn May gegen den Terror zusammenarbeiten! Wir sind gerettet! Wer hätte gedacht, daß wir den Kampf gegen den Terror per Telefon gewinnen würden? – Niemand, stimmt´s? Frau Macron und Herr May wollen einmal miteinander telefonieren. Großartig! Heulen und Zähneklappern beim IS!

Zitat ZEIT: „Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon twitterte: „Herzzerreißende Nachrichten aus Manchester.“ Ihre Gedanken seien bei all denen, die durch diesen „barbarischen Angriff“ geliebte Menschen verloren hätten, und bei jenen, die verletzt worden seien.<-Zitatende.

Ich bin mir nicht sicher, ob jemand, der gerade sein geliebtes Kind verloren hat, besonders empfänglich ist für die Gedanken, mit denen eine ihm unbekannte schottische Premierministerin bei ihm ist. Ich glaube, eher nicht. Geschenkt, Frau Sturgeon!

Zitat ZEIT: >SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz äußerte sich so zu den „grauenhaften“ Nachrichten: „Wissen noch nicht viel, aber das Leid ist unfassbar. Meine Gedanken sind bei Opfern und Angehörigen“, schrieb er bei Twitter.<-Zitatende.

„Wissen noch nicht viel“ ist gut. Was gäbe es denn noch mehr zu wissen, Herr Schulz? Der IS hat sich zu dem Anschlag bekannt, ein Angehöriger der dynamitischen Glaubensrichtung hat sich in die Luft gesprengt und 22 Unschuldige mit in den Tod gerissen. Was wollen Sie denn noch wissen? „Unfaßbar“ ist allenfalls, daß Ihr Oppermann letzte Woche erst „das Kernanliegen der SPD“ entdeckt hat, die Innere Sicherheit nämlich. Das ist unfaßbar und außerdem ist unfaßbar, daß er glaubt, einen solchen Scheißdreck würde ihm irgendein potentielles Opfer von Merkels „Unbegreiflichen“ auch noch abnehmen. Das ist unfaßbar!

Zitat ZEIT: >Oppositionsführerin im US-Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, sprach dem US-Verbündeten Großbritannien ihre Anteilnahme aus. Die Menschen müssten jetzt zusammenstehen. „Auch wenn noch viele Fragen offen sind: Wir werden niemals unsere unerschütterliche Überzeugung aufgeben, dass Hass uns weder beugen noch zerstören kann“, schrieb sie in einer Stellungnahme.<-Zitatende.

Das übliche Gelalle aus dem rhetorischen Schatzkästchen westlicher Politiker. Gemeinsam, zusammen, miteinander, zusammenstehen. Natürlich werden Sie als Angehörige einer bestens beschützten politischen Laberklasse niemals Ihre „unerschütterlichen Überzeugungen“ aufgeben. Warum sollten Sie auch? Unerschütterliche Überzeugungen geben schließlich diejenigen auf, die von Merkels „Unbegreiflichen“ und Trumps Terrorfinanziers das Lebenslicht ausgeblasen bekommen – und mit dem Licht auch jede Überzeugung.

Zitat ZEIT: >Kanadas Premierminister Justin Trudeau drückte sein Mitgefühl aus. „Die Kanadier sind durch die Nachricht des schrecklichen Angriffs heute Abend in Manchester geschockt“, schrieb Trudeau auf Twitter. „Bitte nehmt die Opfer und ihre Familien in eure Gedanken auf.“<-Zitatende.

How shocking! Die Kanadier sind geschockt. Wie glaubwürdig ist es eigentlich, daß jemand an Silvester geschockt ist darüber, daß ihm an diesem Tag – wie an den 364 vorangegagenen auch – die Milchflasche heruntergefallen ist? Wen schockt denn ein islamischer Terroranschlag noch? Niemanden! Noch nicht einmal mehr die rhetorischen Schockperlen der Säue schocken ihn noch. Aber seine Wut, die wächst allmählich ins Unermeßliche. Und ich weiß, wen das schocken wird.

Zitat ZEIT: >Die Bürgermeister von Paris und Nizza, die in den vergangenen Jahren Tatort schwerer Terroranschläge waren, äußerten sich ebenfalls über Twitter: „Heute steht Paris an der Seite Manchesters“, schrieb die Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt, Anne Hidalgo. „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien.“ Der ehemalige Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, sagte: „Solidarität mit den Einwohnern von Manchester.<- Zitatende.

Sind Sie Bürgermeister einer Stadt, in der Merkels „Unbegreifliche“ schon einmal ein Massaker angerichtet haben? Gut, dann sind Sie jetzt qualifiziert, jedesmal Ihren Senf dazu zu geben, wenn der IS unbegreiflicherweise zugeschlagen hat.

Und jetzt zur ZEIT selbst: Diese Sammlung höchst überflüssiger Statements aus dem rhetorischen Schatzkästchen der politischen Klasse – warum und für wen ist die überhaupt erschienen? Wer ist denn wirklich scharf darauf, alle paar Wochen immer wieder dasselbe Gelaber der absolut Unfähigen zu lesen? Wie muß jemand gestrickt sein, den es interessiert, was der Bundeshosenanzug zum x-ten Mal von „unbegreiflich“, „Anteilnahme“, „Trauer“ und „fest an der Seite stehen“ daherschwadroniert? Womit rechnet man denn bei der ZEIT, wenn man an den Leser denkt? – Genau: Man rechnet mit einem infantilen Untertanen, der hilfesuchend den Blick nach oben richtet, dorthin also, wo er seine „Führer“ wähnt, die ihm trostspendende Worte nach unten schicken. Es sind seine Vertreter. Er hat azeptiert, daß sie über ihm stehen. Der wird bedient, wenn er sowieso schon bedient ist. Politentertainment. Futter für den untertänigen Gaffer.

Wandere aus, solange es noch geht!
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