Michael Klonovsky: Linke Standards

Alexander Wendt hat auf seiner FacebookSeite eine kurze Replik zu Aiman Mazyeks Bemerkung veröffentlicht, die Leitkulturdebatte dürfe nicht dazu führen, „dass eine deutsche Vergangenheit, die es so nie gegeben hat, als romantisches Vorbild gesehen wird“. Denn so etwas führe zu einer „gefährlichen Ausgrenzungssemantik“.

Von Michael Klonovsky

Wendt sekundiert: „In der Tat: als erstes muß erst einmal die gefährliche Erinnerung an Zeiten beseitigt werden, in denen die Dortmunder Nordstadt noch nicht eine Kloake aus Schmutz und Kriminalität mit einem Ausländeranteil von 60 und einer Arbeitslosigkeit von 24 Prozent war, in der die Polizei auch in Neukölln und Wedding einigermaßen respektiert wurde, in der muslimische Jurastudentinnen nicht darum eiferten, als erste Referendarin mit Kopftuch in die Justizverwaltung einzuziehen und keine Schülerin in Niedersachsen das Recht durchboxte, vollverschleiert zum Unterricht zu erscheinen, in der das Oktoberfestgelände nicht abgezäunt war, Weihnachtsmärkte nicht von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht wurden und Silvesterfeiern nicht durch Polizeihundertschaften abgesichert werden mussten, Zeiten, in denen nicht ‚die Bedingungen unseres Zusammenlebens täglich neu ausgehandelt wurden (Özgus), in der Aiman Mazyek noch als Funktionär einer winzigen obskuren moslemischen Vereinigung gesehen wurde (…) Diese romantisch verklärten Zeiten, liebe Bürgerinnen und Bürger (…) diese Zeiten hat es nie gegeben. Es gibt nämlich überhaupt kein Gestern, sondern nur ein ewigwährendes Morgen.“

Der Mazyek-Satz ist linker Standard, dergleichen kann man seit Jahren in jedem Blatt von der Zeit bis zur taz lesen, aus jedem grünen oder roten Funktionärsmund sowie von progressistischen Professoren hören. Seit ca. 1968 findet in der bundesdeutschen Öffentlichkeit ein Krieg gegen die Vergangenheit statt, in den sich nun unser Muoslem-Funktionär tendenzkonform einschaltet. Die Vergangenheit soll als Flucht- und vor allem als Vergleichsraum beseitigt werden. Alle linkstotalitären Diktaturen seit 1789 haben diesen Krieg geführt, um sich selber als die Vollstrecker des Fortschritts darzustellen und ihr Monopol auf die Rechtleitung in die Zukunft einzuklagen. Erst wenn die Vergangenheit diskreditiert ist, kann die Gegenwart als alternativlos gelten. Der kommunistischen Heilslehre zufolge, wie sie unter anderem in der DDR verbreitet wurde, begann die wahre Geschichte erst 1917 mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, alles Frühere galt als primitive und kriminelle Vorgeschichte, als etwas marxlob endlich Überwundenes, und ein ähnlicher Impetus durchglüht die fromme Gemeinde der gegenwärtigen Denunzianten des Vergangenen, die sich als historische Sollbruchstelle zwischen Verwerflichkeit und Verheißung einen etwas späteren Termin ausgedacht haben.

Je schlechter jedenfalls das Gestern, desto besser das Heute, desto tolerabler dessen Übel, Untaten, Blödheiten und Kümmernisse. Deswegen wird die deutsche Historie ständig zu einer Unheilsgeschichte umgelogen, mit dem Dritten Reich als schlechthinniger Teufelsherrschaft, allen anderen Regimes als dessen Vorläufer resp. Wegbereiter und der Adenauer-Ära als diabolischem Nachhutgefecht, deswegen ist die Geschichtsdeutung ein Schlachtfeld, deswegen kann man heutzutage kaum einen Gedanken zur Vergangenheit äußern, der nicht im Handumdrehen politisiert und entlang der bekannten manichäischen Kategorien geheiligt oder verworfen würde.

Die Behauptung, wer die Geschichte nicht kenne, sei dazu verdammt, sie zu wiederholen, ist erstens Unsinn – Geschichte kann sich nicht wiederholen, weil sich die Ausgangsbedingungen ständig ändern – und zweitens progressistische Verleumdung – wieso hieße es sonst „verdammt“? Jede Generation betrachtet die Geschichte neu und schreibt sie zu ihrer Selbstvergewisserung nach ihren Kriterien um, das ist so normal, wie ein maßvolles Oszillieren zwischen Verklärung und Kritik normal ist. Die wichtigste Erkenntnis, die sich aus der Geschichtsbetrachtung ziehen lässt, besteht in der Einsicht in die eigene Relativität, in das Zwischenstufenhafte, historisch Bedingte und schon bald selber historisch Gewordene der eigenen Existenz. Kurz gesagt: Man lernt aus der Historiographie, die eigene Epoche für nicht allzu besonders und beispielhaft zu halten. Doch die Krone des Baums sollte sich der Wurzel bewusst sein – mit den treffenden Worten Odo Marquards: „Zukunft braucht Herkunft.“ Wer einen Mörder in der Familie hatte, wird nicht gleich den ganzen Stammbaum abhauen; wer es dennoch tut und damit moralische Überlegenheit für sich reklamiert, ist ein Verleumder, der bloß Interessen hat.

Vor 15 Jahren veröffentlichte der Historiker Jörn Rüsen ein Buch mit dem Titel „Kann gestern besser werden?“ Mehr als das: Es muss sogar besser werden.

https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

 

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