20 000 Meilen unter den Chemtrails – Warum der Fall Naidoo zu komplex für einen Nachwuchssatiriker und seine Anhänger ist

Wer sich die Kommentare unter Böhmermanns Machwerk „Hurensöhne Mannheims“ auf YouTube durchliest, könnte annehmen, das deutsche Volk besteht nur noch aus Politikwissenschaftlern und Staatsrechtlern. Gut, diese „Experten“ können zwar keine Zeile geradeaus schreiben, aber dafür gelingt es ihnen, fünf Fehler in einen Satz zu bauen.

Von Oliver Flesch

Exemplarisch nur ein Beispiel des Nutzers „Indigo“ (mitsamt seiner grammatikalischen Fähigkeiten): „Ich bin jetzt nicht mega klug… (Anmerkung Flesch: Ach was, ECHT? Wat ne Überraschung!) Manchmal muss man einfach auf intelligente Leute wie Jan Böhmermann hören… Ich meine, er kennt sich ja durch seine gesellschaftliche Stellung einfach besser aus in politischen Machtstrukturen. Er hat da mein vollstes vertrauen. Und die qualitativ hochwertigen Sender (Ard + ZDF) berichten ja auch überzeugend in genannten Themen. Meinungsfreiheit hin oder her aber bei diesen Verschwöhrungstheoretikern, die das System kritisieren, müssen neue Gesetze her die derartige Meinung diffamieren oder unter schwere Strafe stellen. Auch im internet wäre eine gezielte zensur sinnvoll finde ich. Ich meine wo wird das sonst noch hin führen?“

Uff. Wo fang ich an, wo hör ich auf? Am besten gleich hier. „Indigo“ ist eh nicht mehr zu helfen. Das Problem ist nur: so liest sich unter Böhmermännchens Liedchen jeder zweite Kommentar. Aber okay, so sind sie halt, diese Menschen, die so ein bisschen Pech beim Denken haben. Die brauchen den Führer Böhmi, der für sie mit- und vordenkt.

In der sogenannten Wahrheitsbewegung gibt es viele Spinner, zugegeben. Doch was von uns immer verlangt wird, zu differenzieren, schafft die Gegenseite einfach nicht. Da wird aus Naidoo in Böhmermanns Lied plötzlich ein Chemtrail-Gläubiger. Konsequenz: Eine Dame schrieb unter das Video: „Alles, was Jan singt, hat Naidoo tatsächlich gesagt!“

Lasst uns doch mal für einen Moment diesen ganzen „BRD-GmbH“-Quatsch vergessen und schauen, was dann noch übrig bleibt vom neuen Sommerhit „Marionetten“ der „Söhne Mannheims“ unter Federführung von Xavier Naidoo: Kritik am Weltsheriff USA. Punkt.
Moment Mal, Kritik an den USA? Kenn ich! Seit klein auf. Von den Linken. Die Linken waren doch die, die sich stets „Frieden“ auf die Fahne schrieben; deshalb mussten sie gegen die USA sein, weil die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges einen Krieg nach dem nächsten führten und führen.
Aber gut, hat sich alles gedreht: gegen Krieg und für den Frieden zu sein, gilt heutzutage als rechtspopulistisch. Das muss ich nicht verstehen, und hey: selbst wenn ich wollte: ich könnte es nicht verstehen, da sich Wahnsinn nicht erklären lässt.

Mal ein paar Fragen an die Menschen, die meinen, Xavier Naidoo sei von allen guten Geistern verlassen, seine USA-Kritik wäre unberechtigt:
– Haben die USA 1945 eine Atombombe auf Menschen abgeworfen?
– Haben die USA nach 1945 Kriege und militärische Operationen in dreistelliger Zahl geführt?
– Haben die USA ihren NATO-Partner Deutschland abgehört (und hört uns nach wie vor ab)?
– Haben die USA vom deutschen Boden aus (Rammstein) Drohnenkriege geführt (und führt sie nach wie vor)?
– Hat Präsident Trump kürzlich die „Mutter aller Bomben“ auf Afghanistan abwerfen lassen?
Hm? Ich antworte selbst, geht schneller: Ja. Ja. Ja. Ja: Und ja. Aber klar, gibt keinen Anlass für Kritik an den USA!
Ist Quatsch, merkt ihr nun hoffentlich selbst.

Aber längst nicht Grundschulabbrecher üben Kritik an Naidoo. Auch BILD-Kasper Nicolaus Blome (der sich einmal pro Woche von dem intellektuell haushoch überlegenen Jakob Augstein auf PHOENIX sinnbildlich in den Arsch ficken lässt) musste dringend was loswerden:
„Keine Entschuldigung für diesen Skandalsong“, so Blome und wettert geradezu poetisch weiter: „Aus jeder Zeile tropft das Gift“.
Gut, seine Meinung, können wir mit leben. Womit wir nicht leben können, sind Zeilen wie diese: „Wenn in einer Bundeswehrkaserne ein Hakenkreuz an die Toilettentür gekritzelt wird, reist die Verteidigungsministerin zur Inspektion an. Und bei Naidoo? Schulterzucken in der ach so engagierten Musikerszene. Ein Armutszeugnis. Geschichtsvergessen.“
Das ist nichts anderes als der Aufruf zu einer Hexenjagd. Blome verhält sich faschistoid. Das ist lustigerweise genau das, was er Naidoo vorhält. Eine Hexenjagd auf Naidoo hat ja schon einmal geklappt, wir erinnern uns: der Ausnahmekünstler durfte Deutschland nicht beim Grand Prix vertreten, Ergebnis: letzter Platz für Deutschland.
Passt. Wenn wir die Marionetten weiter werkeln lassen, wird Deutschland den letzten Platz belegen, immer und überall.

Foto:  Youtube/ Screenshot