Die Rede, die der AfD den Weg zum Erfolg zeigt

Jörg Meuthen hat aus der Krise einen Sieg gemacht

Von Wolfgang Hübner

Man soll ja vorsichtig damit sein, die Rede eines Politikers schon einige Stunden nach dem Vortrag als „historisch“ zu klassifizieren. Aber für die kommende politische Kraft in Deutschland, die AfD, war die Rede von Jörg Meuthen in einer entscheidenden Stunde fürwahr historisch: Es war die richtige Rede zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Tonlage mit den richtigen Aussagen. Nach langen Querelen, verbunden mit unguten personellen Zuspitzungen, hat der Mann, der so gar nicht dem verbreiteten Negativbild eines Politikers entspricht, in einer knappen halben Stunde die vor dem Zerreißen stehende Partei nicht nur geeint, sondern sie auch mit der Begeisterung geimpft, die sie für die bevorstehenden Wahlen braucht.
Wie hat Meuthen das geschafft? Um diese Fragen zu beantworten, soll Ablauf und Inhalt der Rede näher analysiert werden: Anfangs ist Meuthen um Beruhigung der im Vorfeld so erhitzten Gemüter seiner Parteifreunde bemüht. Aus der Erfahrung des Ablaufs früherer Parteitage vermittelt er die Zuversicht, dass auch am Ende der Kölner Zusammenkunft ein positives Resultat stehen werde. Dann setzt er sich mit dem AfD-Buch einer „Spiegel“-Journalistin auseinander, die Angst als Kitt der Partei ausgemacht haben will. Meuthen weist mit Recht darauf hin, dass Parteimitglieder Mut statt Angst haben müssen und auch haben, um sich offen zur AfD zu bekennen. Jeder im Saal hatte ja gerade erst beim Weg in diesen wieder einmal erlebt, welcher Hass und welche Gewalttätigkeit den Teilnehmern des Parteitages seitens der politischen Feinde entgegenschlugen. Damit packte der Redner den Saal erstmals emotional.
Meuthen argumentierte, nicht Angst, sondern Sorge – Sorge um das Vaterland Deutschland – bewege die AfD. Und er verteidigte den innerparteilichen Streit, weil dieser die Vitalität der AfD zeige. Er verwies mahnend auf die fehlende Streitkultur in den etablierten Parteien. Ironisch nennt er den Hundertprozent-Kandidaten der SPD „Kim Jong Schulz“, unter Anspielung auf den nordkoreanischen Diktator. Allerdings beschwört Meuthen auch die Einigkeit in der Partei im Wahlkampf, also direkt nach dem Parteitag. Sein Appell an alle in der AfD, eigene „Befindlichkeiten“ im Interesse der gemeinsamen Sache zurückzustellen, war dann der erste Seitenhieb in Richtung von Frauke Petry, konnte aber auch als ernste Mahnung an den Höcke-Flügel verstanden werden. Deshalb war dieser Appell wirksam.
Realistisch und authentisch war Meuthens Hinweis, er fühle sich in der eigenen Stadt manchmal als Deutscher wie ein Fremder. Diesen Eindruck können inzwischen Millionen Deutsche, besonders in den Großstädten, nachvollziehen. Daran ändert der zu erwartende Wutschrei der Multikultifanatiker überhaupt nichts. Spätestens mit dem Bekenntnis, das eigene Land als Erbe und Verpflichtung für die Nachkommenden zu schützen und zu verteidigen, hatte Meuthen nicht nur die Herzen im Saal gewonnen. Das gelang ihm übrigens ohne die fragwürdigen Formulierungen in der Dresdner Rede von Höcke, die dieser bekanntlich inzwischen auch öffentlich bedauert hat. Erst – und bestimmt nicht zufällig – am Ende seiner Rede erklärte der AfD-Politiker den Versuch von Petry und anderen für grundlegend falsch, mit dem sogenannten „Zukunftsantrag“ eine Spaltung von „Realos“ und „Fundamentalisten“ zu provozieren.
Mit dem begeisterten Jubel großer Teile der Delegierten hatte Meuthen damit nicht nur die Mehrheitsmeinung in der Partei formuliert, sondern Petrys Niederlage in dem von ihr selbst gesuchten Machtkampf besiegelt. Seine Versicherung, es könne keine Koalition mit den jetzigen dominierenden Figuren in den etablierten Parteien geben, stieß auf ähnliche Zustimmung im Saal. Die Ovationen der meisten Delegierten nach der Rede entsprangen einer spontanen positiven Reaktion. Sie hatten nichts mit den inszenierten Ritualen nach Merkel- oder Schulzreden zu tun. Meuthens großer Auftritt in Köln beendete jegliche Spekulation über eine mögliche, von vielen politischen Feinden erhoffte Spaltung der AfD. Zugleich eröffnete diese Rede der Partei den Weg in einen geschlossen geführten, erfolgreichen Wahlkampf.
Damit hat sich der immer etwas unterschätzte Professor der Volkswirtschaft aus Karlsruhe in einer knappen halben Stunde selbst zur eigentlichen Führungsfigur der AfD gemacht. Da er nicht für den Bundestag kandidiert und folglich auch nicht einer der beiden Spitzenkandidaten werden konnte, ist er umso besser in der Lage, der AfD endlich das vermittelnde und beruhigende Zentrum zu geben, das sie braucht. Das muss nicht für alle Zeiten so bleiben, zumal Meuthen (und mehr noch Alice Weidel) nicht unbedingt zu den Sozialpatrioten gezählt werden können. Doch unter den gegenwärtigen Umständen ist ein Parteiführer mit untadeliger bürgerlicher Vita und glaubwürdiger bildungsbürgerlicher Ausstrahlung goldrichtig für die AfD.
Wenn es noch Zweifel gegeben haben sollte, ob diese Rolle nicht besser mit Frauke Petry besetzt wäre, dann sind diese seit dem Wochenende ausgeräumt: Wer beobachtet hat, wie verkrampft, ja abweisend die bisherige Spitzenperson der Partei auf die Rede Meuthens reagierte, was sie danach vor laufenden Kameras sichtlich frustriert von sich gab, kann zu keinem anderen Schluss kommen: Petry hat hoch gepokert, aber auch hoch verloren. Das mag menschlich auch tragische Züge haben, politisch war das notwendig. Wenn die Krokodilstränen der Einheitsfront der AfD-Feinde über Petrys Scheitern getrocknet sind, wenn sich das Gezeter über den angeblichen Sieg der „Rechtsnationalen“ in Köln als gezielte Falschmeldung erwiesen hat – dann ist die AfD längst auf dem Weg zu dem Erfolg, der Deutschland noch nicht rettet, den Deutschland aber braucht.

Foto: Screenshot/ Youtube

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