„Der blaue Bock“, Teil III

Heute der dritte Teil der JouWatch-Serie „Der blaue Bock“ – die satirische Fabel zur Bundestagswahl:

Im Gasthof „Zum Wilden Eber“ steppte an diesem Abend ebenfalls der Bär. Die Schnapsdrossel und der Schluckspecht hingen an den Lippen des Zapfhahns und zwitscherten einen nach dem anderen, aber auch die übrigen Gäste waren völlig aus dem Schneckenhäuschen. Der Spaßvogel schmiss einen billigen Witz nach dem anderen, zwei Suppenhühner servierten vegane Gemüsebrühe, in einer dunklen Ecke neben der Toilette knutschte gerade ein gestiefelter Kater mit einer Schmusekatze herum. Eine Gruppe Hornochsen hatte sich rund um eine kleine Tanzfläche postiert und feuerte die Zimtzicke und die Plantschkuh an, die beim Fingerhakeln, Armdrücken und im Kopfnusskampf ihre Kräfte messen wollten.

Oh ja, durch das Stadtfest auf dem Marktplatz, das den Wahlkampf eingeläutet hatte, waren sie alle ganz heiß geworden. Die Rampensau und der Ohrwurm hatten ihr Bestes gegeben und eine Bühnenschau abgeliefert, dass selbst der stoische Vogel Strauß den Kopf aus dem Sand gezogen hatte.

Dass die Party den bevorstehenden Wahlkampf einleiten sollte, schien dagegen im „Wilden Eber“ nur die wenigsten zu interessieren. Auch, dass sich unter das feiernde Stimmvieh eine ganze Menge Knallfrösche gemischt hatten, war niemandem aufgefallen. Nicht einmal, dass einige unter ihnen keinen Kopf mehr hatten, weil der ihnen vorher abgebissen worden war.

Das Stimmvieh war auch jetzt im „Wilden Eber“ so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Anwesenden, Wolfgang Schaf und seine Gang, gar nicht bemerkten, als diese durch die Schanktür traten.

Wolfgang Schaf reckte seine Schnauze in die Höhe, schnupperte kurz die abgestandene Luft, bahnte für sich und seine Kumpel einen Weg durch die tobende Meute und gelangte so zu einem der Nebenräume, die rechts hinter dem Tresen, für die ganz besonderen Gäste, reserviert waren.

Im schummrigen, rauchvernebelten Licht hockte die berühmt-berüchtigte und ziemlich wild gewordene Hammelherde und spielte Schafskopf.

Wolfgang Schaf schaute jedem der Kartenspieler einmal tief in die Augen und nickte dann zufrieden.

„Ich glaube, hier sind wir richtig“, sagte er und stellte den Kartenspielern seine Mitstreiter vor, die sich aber für die Truppe nicht weiter zu interessieren schienen.

„Was willst du mit diesen Irren?“, fragte der Floh im Ohr seinen Wirt.

„Um in den Wahlkampf zu ziehen, benötigen wir eine Partei. Und eine Partei benötigt Mitglieder und Funktionäre. Und wer könnte dafür am besten geeignet sein, als diese wild gewordene Hammelherde hier?“

„Ein Sack Flöhe, vielleicht?“, feixte der Floh im Ohr.

„Lass den Quatsch“, moserte die Eintagsfliege. „Unser Chef hat einen guten Riecher bewiesen. Eine echte Rasselbande, diese Hammelherde! So etwas steht einer jungen, aufstrebenden Partei gut zu Gesicht. Außerdem muss mal Leben in die Bude des Bürgermeisters. Die Luft ist dort schon viel zu dick geworden. Die Hammelherde nehmen wir auf jeden Fall mit, die wird uns noch wertvolle Dienste erweisen.“

Das war das Stichwort für den Angsthasen. Er zog den Kartenspielern die Hammelbeine lang und lenkte die Aufmerksamkeit auf den Redner, sodass dieser endlich sein Anliegen vorbringen konnte.

„Liebe Freunde!“, begann Wolfgang Schaf seinen ersten Vortrag vor so einem großen Publikum. „Es ist an der Zeit, unser Dorf wieder aus dem Schlamassel zu ziehen, in das die etablierten Parteien es hineingezogen haben. Das aber schaffe ich nicht allein, dafür benötige ich tatkräftige Mitstreiter. Ich versichere euch, es lohnt sich. Für jeden gibt es nach dem Sieg einen lukrativen Posten im Bürgermeisteramt.“

Nachdem ihm der Angsthase ein Glas Wasser gereicht hatte und Wolfgang Schaf noch einmal jeden Einzelnen, der nun begeistert blökenden Hammelherde, fixieren konnte, fuhr er mit seiner Ansprache fort.

„Du, mein lieber Leithammel, wirst Generalsekretär unserer Partei. Der Bock, den man zum Gärtner gemacht hat, wird Schatzmeister. Er darf auch seine Heckenschere behalten. Der Neidhammel wird Kassenprüfer, dem wird garantiert nichts durch die Lappen gehen. Das Opferlamm und der Sündenbock teilen sich die Posten des Pressesprechers und PR-Managers. Mögen sie sich gegenseitig geißeln, wenn sie einen Bock geschossen haben. Der Streithammel ist für die parteiinterne Kommunikation und für den Auftritt in den Sozialen Netzwerken verantwortlich. Das Unschuldslamm ernenne ich hiermit zum juristischen Berater. Der geile Bock darf als Frauenbeauftragter zeigen, was in ihm steckt. Der Rammbock wird mit meinem Angsthasen für ausreichend Sicherheit bei unseren Parteiveranstaltungen sorgen und das fromme Lamm kümmert sich um die Kontakte zur Dorfkirche. Damit ist unser Gründungsparteitag offiziell beendet.“

„Du hast es echt drauf“, raunte der Floh im Ohr dem Wolfgang Schaf zu. „Eine kluge Postenverteilung. Die kriegen sich bestimmt ständig in die Wolle und wir können ganz in Ruhe Politik gestalten.“

„Divide et impera! Teile und herrsche! Schon mal was davon gehört?“, flüsterte Wolfgang Schaf zurück.

„Schön und gut“, mischte sich die Eintagsfliege in das Zwiegespräch ein. „Aber unserer Partei fehlt es noch an Außenwirkung, an repräsentativer Ausstrahlung, an plakativen Aushängeschildern. Erst wenn wir die vorzeigen können, sind wir ein perfektes Team, das das Stimmvieh einwickeln kann wie ein Weihnachtsgeschenk.“

„Kein Problem“, antwortete Wolfgang Schaf. „Kommt mal alle mit! Ich weiß, wo wir die geeigneten Kandidaten finden.“ Der Anführer setzte sich wieder in Bewegung und der Kader folgte ihm aus dem Spielzimmer in den Schankraum zurück.

Hier herrschte immer noch großer Tumult. Die Zimtzicke und die Plantschkuh versuchten sich gerade im Schenkelklopfen und Backpfeifenschlagen. Die Hornochsen hatten die Einsätze erhöht und der Schluckspecht und die Schnapsdrossel waren auf Krawall gebürstet, weil der Zapfhahn Kurzurlaub genommen hatte.

„Hey, ihr beiden!“, rief Wolfgang Schaf den schlagfertigen Weibchen zu. „Wollt Ihr Eure Energie nicht mal in vernünftige Bahnen lenken?“

Erschöpft und von den vielen Kämpfen sichtlich gezeichnet, wackelten die Zimtzicke und die Plantschkuh gleichzeitig mit ihren Köpfen, was der Parteiführer als Zustimmung interpretierte.

„Na, dann – herzlich willkommen im Club! Ihr werdet unsere Maskottchen und könnt euch den Job des Unterbürgermeisters teilen.“

„Jetzt fehlt uns nur noch ein passender Name für unsere Partei“, bemerkte die Eintagsfliege.

„Wir wär’s mit Wolf’s Gang?“, schlug der Floh im Ohr vor.

„Einstimmig angenommen“, verkündete Wolfgang Schaf. „Dann sollten wir gleich morgen früh zum Amtsschimmel gehen, um unsere Partei ins Vereinsregister eintragen zu lassen.“

Die Hammelherde applaudierte brav, die Eintagsfliege grinste schelmisch, der Floh im Ohr musste husten und der Angsthase packte die beiden Kampfbräute am Kragen.

„Dann wollen wir unsere Vorzeigedamen einmal ein wenig auffrischen“, flötete er und schob die Zimtzicke und die Plantschkuh vor sich her in Richtung Ausgang.

In diesem Moment wurde die Schanktür aufgerissen und die Friedenstaube stolperte herein. Sie war von Kopf bis Fuß mit Blut verschmiert, ein Flügel hing schlaff herunter, am Hals hatte sie eine klaffende Wunde, die an den Rändern schon austrocknete. Sie schwankte noch einige Schritte, dann fiel sie auf die Bretter.

„Die Gottesanbeterin ist da und sie ist mitten unter uns“, röchelte sie noch. Das waren ihre letzten Worte, bevor sie gen Himmel fuhr – ohne noch einmal mit den Flügeln zu schlagen.

Die Gäste ließen den Spaß beiseite und stürmten muhend und piepsend nach draußen. Auch Wolfgang Schaf und seine Truppe verließen das Gasthaus, allerdings nicht ganz so panisch.

„Ich hatte mir so etwas schon gedacht“, murmelte der große Vorsitzende vor sich hin. „Irgendwas Schlimmes ist in Balzheim im Gange. Wird wirklich Zeit, hier im Dorf mal aufzuräumen und den Mist ans Tageslicht zu bringen, und wenn dieses noch so trübe ist.“

Hier der erste Teil:

http://www.journalistenwatch.com/2017/04/15/der-blaue-bock-die-jouwatch-serie-zur-bundestagswahl/

Hier der zweite Teil:

http://www.journalistenwatch.com/2017/04/16/die-jouwatch-serie-zur-bundestagswahl-der-blaue-bock-teil-ii/

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