Der Triumph der Megalomanie (oder: Was geschähe, wenn ?)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, einem verzogenen Kind gleich, hat seine, bereits zu „normalen“ Zeiten aggressive Rhetorik, angesichts der Ablehnung gewisser an die EU (bzw. einzelne Mitgliedstaaten) gestellten Forderungen neuerdings um mehrere Gänge hochgeschaltet und sprudelt gegenwärtig in einer Weise, die an ein außer Kontrolle geratenes Erdöl-Bohrloch (Fachsprache: „blow-out“) erinnert, eine Mischung aus Drohungen, Beleidigungen und verqueren Geschichtsbezügen. Ich möchte aus diesem kontinuierlichen Strom von Anmaßung und Absurdität lediglich einen kurzen Satz  herausgreifen, welcher deutlich zeigt, dass sein Autor geistig in einer Vergangenheit gefangen ist, in der die Türkei nicht ein auf der Schwelle zwischen Zweit- und Erstwelt taumelndes Staatsgebilde, sondern eine Weltmacht war, deren Herrschaftsgebiet sich von Tunis bis zum Kaspischen Meer und vom Sudan bis vor die Tore Wiens erstreckte, eine Macht vor deren militärischer Stärke die Staaten Europas zitterten und deren Wohlwollen sie demütig suchten.

Von quo usque tandem

Dieser eine Satz lautet: „Die Türkei lässt nicht von sich fordern – die Türkei fordert“.

Geschätzter Leser! Können Sie sich vorstellen, was geschähe, falls die EU, in einem Anfall völliger Realitätverkennung, einem Staat die Vollmitgliedschaft zugestehen würde, welcher unter der (bis dahin vermutlich absoluten) Herrschaft eines rückwärtsgewandten, auf Drohung und Gewalt als ausschließliche Instrumente der Diplomatie bauenden Megalomanen steht. (Es ist mir klar, dass ich Ihre Vorstellungskraft mit dieser Frage bis ans Limit strapaziere, aber lassen Sie es uns trotzdem versuchen.)

Etwa: Die Türkei „fordert“ von den EU-Entscheidungs-Gremien die sofortige Einführung eines verfassungsmäßig zu verankernden Sonderstatus – eine Art Neuauflage der historischen  Adelsvorrechte – für alle EU-Bewohner mit türkischen Wurzeln, ein Sonderstatus der gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Privilegien vorsieht. Oder etwa: Die Türkei „fordert“ die sofortige Schaffung von je einem, durch die türkische Regierung zu beschickenden Kabinettsposten in den Regierungen der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten. Die zusätzlichen Kabinettsmitglieder sind weder dem Parlament noch dem Volk des jeweiligen Staates verantwortlich, sondern empfangen ihre Weisungen ausschließlich von der türkischen Regierung. Oder etwa: Die Türkei „fordert“ die sofortige Inhaftierung einer Liste von bekannten Erdogan-Kritikern, in allen EU-Mitglieds-Staaten sowie deren Überstellung, zwecks Aburteilung, in die Türkei. Oder etwa: Die Türkei „fordert“ das sofortige Zugeständnis umfangreicher und außerordentlicher Wirtschafts- und Handelsvorteile sowie freien und unkontrollierten Zugang zu den Finanzressourcen der EU.

Man könnte den Faden der Horrorszenarien noch weiterspinnen, aber wir wollen es – im Interesse der Schonung des weniger hartgesottennen Teils der Leserschaft – bei obigen Beispielen belassen. Eines dürfte feststehen: Angesichts des Eindrucks von der Geistesverfassung des türkischen Machthabers, welches sein derzeitiger Berserkermodus vermittelt, liegen solche Szenarien durchaus im Bereich des Vorstellbaren.

Ungeachtet solch klarer Indizien eines Falles von rückwärts gewandtem Cäsarenwahnsinn sind in der europäischen Politik (in besonderem Maße in der deutschen) immer noch Stimmen zu hören, die fordern (auch hier wird „gefordert“) den grotesken Ausfällen des „wild gewordenen Handfegers“ in Ankara mit „Deeskalation“ zu begegnen.

Und, ungeachtet eben dieser Indizien, existieren  in der europäischen Politik (insbesondere in der deutschen) immer noch Kreise, die sich gegen einen sofortigen und vollständigen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sperren – einem Abbruch zumindest bis zu einem (im Augenblick unwahrscheinlichen) Zeitpunkt eines (wie auch immer gearteten) Ausscheidens des Lideri Erdogan aus der türkischen Politikszene.

Und, ungeachtet solcher Indizien, welche bereits seit geraumer Zeit erkennbar sind (wenn sie sich auch in jüngster Zeit merklich verstärkt haben), hat die EU (unter der entscheidenden Federführung der deutschen Bundeskanzlerin) mit der Türkei ein Abkommen geschlossen, welches die europäische Gemeinschaft (und – wiederum – in besonderem Maße Deutschland) für massive Erpressung seitens des Neroverschnitts in Ankara offen legt.

Albert Einstein hat einmal gesagt, dass er nur zwei Dinge kenne, die unendlich seien: den Weltraum und die menschliche Dummheit – und dass er inzwischen gewisse Zweifel hege, ob die Annahme der Unendlichkeit auf den Weltraum zutreffe. Die Essenz dieses Ausspruchs charakterisiert mit frappierender Treffsicherheit die vergangene und gegenwärtige Haltung gewisser realitätsferner europäischer (und, ich muss mich erneut wiederholen: in besonderem Maße deutscher) Kreise gegenüber dem „kranken Mann in Ankara“.

Foto: strassenstriche.net/ Flickr/ https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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