Die „Zeit“ und die Realität

Die Medienkritik: ZEIT (Foto: Collage)

Journalisten gehören zu der Sorte Mensch, der gerne über etwas schreiben, von dem sie keine Ahnung haben. Von der Realität weit entfernt, hocken sie auf ihren bequemen Redaktionsstühlen, schauen hier und da mal aus dem Fenster und meinen dann, uns die Welt erklären zu können.

Solche Typen „arbeiten“ natürlich auch bei der „Zeit“ und wenn sie dann mal mit der Realität konfrontiert werden, sind sie schockiert und überfordert, auch wenn diese Realität direkt vor ihrer Haustür stattfindet.

Von Thomas Böhm

Ein gewisser Sebastian Kempkens war nun ausgezogen, um den Auftritt des türkischen Außenministers in Hamburg zu beobachten – und siehe da, er kam völlig genervt in die Redaktion zurück und jammerte gar fürchterlich.

Er hatte etwas getan, was in Deutschland eigentlich ganz normal ist und auch keine schlimmen Folgen nach sich ziehen müsste. Eigentlich:

…Während all das passiert, denke ich an meinen Kollegen Deniz Yücel, der in der Türkei im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri sitzt. Ich habe früher als Reporter für die taz.am wochenende gearbeitet, daher kenne ich Yücel flüchtig vom Flur. Inzwischen ist er Korrespondent der Welt und in der Türkei angeklagt wegen „Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung“. Dabei hat er einfach seinen Job gemacht. Allein die Untersuchungshaft kann bis zu fünf Jahre dauern. Hier, im Garten des türkischen Konsuls, spielt Deniz Yücel keine Rolle. Ich hatte nichts anderes erwartet, aber jetzt ärgert es mich. Der türkische Außenminister spielt sich als Demokrat erster Stunde auf, und die Leute hier jubeln ihm dafür auch noch zu.

Kurz entschlossen nehme ich eins der Blätter, die um mich herum in die Luft gehalten werden. „Evet Hamburg“ steht darauf, Hamburg sagt Ja zum Referendum, soll das heißen. Auf die Rückseite schreibe ich: „FREE DENIZ“. Ich möchte meine Meinung kundtun, zumindest still an Deniz Yücel erinnern…

Wie naiv kann man eigentlich sein. Wusste der arme Reporter nicht, dass er sich bereits auf türkischem Hoheitsgebiet befand?

Und so kam das, was kommen musste, nachdem er den Zettel „Free Deniz“ hochhielt:

Es dauert ungefähr drei Sekunden, bis eine junge Frau neben mir gelesen hat, was ich geschrieben habe. Sofort schreit sie: „Ein Provokateur, ein Provokateur!“ Der Junge, der mir das Plakat gegeben hatte, reißt es mir aus der Hand. Von hinten hauen Männer mit ihren Türkei-Flaggen auf mich ein, dann kommt ein Mann, packt mich und schubst mich in die Menge. „Raus hier“, sagt er. Aber um mich herum ist es voll und jemand schubst mich zurück, ein anderer schlägt mir ins Gesicht, meine Brille fliegt runter.

Sekunden später stehe ich am Ausgang. Ich habe sehr schlechte Augen, ohne Brille sehe ich die vier, fünf Männer um mich herum nur schemenhaft. Sie drängen mich an die Mauer des Konsulats. Ich sei als Journalist reingelassen worden und mache jetzt hier Propaganda, wirft mir ein Ordner in Lederjacke vor. „Verpiss dich von hier, oder dir passiert was“, zischt ein Mann neben ihm. „Du verdankst es Erdoğans Menschlichkeit, dass du noch lebst“, ein anderer. Je länger es dauert, desto aggressiver wird es, also durchbreche ich die Mauer und stolpere davon.

http://www.zeit.de/hamburg/politik-wirtschaft/2017-03/mevluet-cavusoglu-tuerkei-wahlkampf-recep-tayyip-erdogan-deutschtuerken-hamburg/komplettansicht

Tja, mein lieber Herr Kempkens, so läuft das nun mal im heutigen Deutschland. Aber Sie sind auf einem guten Weg. Machen Sie weiter so.

Zum Beispiel könnten Sie mal nach Berlin-Neukölln reisen und dort eine Moslemin bitten, ihr Kopftuch abzustreifen, damit Sie ihre Haare bestaunen können.

Oder sie besuchen eine Moschee und knabbern vor dem Eingang genüßlich an einer Currywurst herum.

Es gibt viele Möglichkeiten für investigative Journalisten, an der aktuellen Realität zu schnuppern. Trauen Sie sich ruhig!

 

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