Michael Klonovsky: Nach oben hassen

Im Ankündigungstext von Hoffmann & Campe für ein im April erscheinendes Buch heißt es: „Niemand in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hasst virtuoser, fundierter und zugleich liebevoller als der Schriftsteller Maxim Biller. Mit der Kolumne »100 Zeilen Hass« begann er seine Karriere als Journalist beim Magazin Tempo, bevor er sich dann auch als Erzähler und Dramatiker einen Namen machte. Über 100 Mal begab er sich zwischen 1987 und 1996 Monat für Monat auf die Suche nach Wahrheit und Ehrlichkeit. (…) Erstmals erscheinen hier sämtliche Texte unverändert als Buch. Jede Kolumne ist ein pointierter Indizienprozess im Dienst nur einer Sache: dem Kampf für das Gute und gegen alles Schlechte.“

Von Michael Klonovsky

Ist das nicht drollig? Ob Biller in einem späten Anfall von Selbstironie diesen Zinnober selber verzapft hat oder doch ein Klappentextautomat des Verlags routiniert sein Programm durchzog, stehe dahin. Wichtig ist die Botschaft in Zeiten des von der Masi eifrig verfolgten Hate Speech: Hass ist völlig in Ordnung, wenn er sich gegen das Schlechte (= Böse = gegen rechts) richtet. Und dieses Kriterium hat Biller mit seinen Kolumnen willig und zur vollsten Zufriedenheit der Linksschickeria erfüllt. Billers Hassziele waren fast immer „rechts“, also kompatibel mit dem linken, „linksliberalen“, grünen Zeitgeist. Er lärmte nur lauter als die baumschulendicht stehende Konkurrenz und stach tatsächlich, bei aller Ähnlichkeit des Wuchses, nach einer Weile aus ihr hervor.

Ich entsinne mich seiner herzigen Formulierung, die Zerstörung Dresdens sei „hart, aber notwendig“ gewesen. Und die Soldaten mit dem roten Stern auf der Mütze gehörten ohne Wenn und Aber in die Kategorie „Befreier“. Wie umgekehrt Johannes Gross ein Kryptonazi war. Mochte Biller auch mal den Vegetarismus verspotten, geschah dies nicht ohne Hinweis auf jenen eines ehemaligen Reichskanzlers. Seine Kolumne hatte neben einer grundsoliden Aversion gegen alles traditionell Deutsche nur ein Motiv: Er begehrte den Applaus der Gesinnungsschickeria, er wollte sich nach oben hassen. Das ist nicht schön, aber Brauch und in einem gewissen Sinne legitim. Außerdem ist die Prosa der Geltungssüchtigen oft besser als die der Bescheidenen. Biller besaß durchaus Talent, seinen Hass, wie fingiert der auch gewesen sein mag, in Worte zu setzen.

Zugleich war die Berechenbarkeit seiner Meinungsbeiträge samt der ebenfalls berechenbaren Reaktionen darauf so legendär, dass immer wieder Versuche angestellt wurden, die gewaltige Lücke zu schließen, die der zunehmend schmerzlich Vermisste im kippenden Ökosystem der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit hinterlassen hatte, nachdem ihm in den späten 1990ern die Puste für regelmäßige Hassbekundungen ausgangen war. (Vielleicht hat Biller als Jude auch zu kapieren begonnen, worauf die weitere Forcierung des brennenden deutschen Selbsthasses, in den er so munter Öl zu gießen verstand und der sich zuletzt in der hysterischen Bewillkommnung zum Teil hochaggressiver und auch hochaggressiv antisemitischer Analphabetenmassen und Fanatikerkohorten manifestierte, eines nicht mehr allzufernen Tages hinauslaufen werde.) Spiegel online etwa installierte gleich vier oder fünf Klone mit dem elaboriertesten Bonsai-Biller Georg Diez mittenmang. Auch der aktuell in der Türkei im Gefängnis sitzende Journalist Deniz Yücel meldet periodisch seinen Anspruch auf die Planstelle des gehätschelten Spitzenhassers an, etwa als er 2011 auf die Sarrazin-Debatte Bezug nehmend in der taz schrieb: „Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!“ – „Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gescheitert sind, (…) übernehmen die Deutschen nun also selbst.“ – „Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“ – „Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? (…) Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? (…) Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“

Selbstverständlich ist das keine Volksverhetzung, sondern nur Satire. Volksverhetzung wäre es, wenn der Schreiber ein „Rechter“ und das beschimpfte Kollektiv keine „Köterrasse“ wäre. Wie das Hamburger Landgericht entschieden hat, kann eine Mehrheit wie die Biodeutschen keineswegs kollektiv beleidigt und von einem Deutschtürken, sofern er nicht Akif Pirincci heißt, auch nicht volksverhetzt werden. (Und mal unter uns: Wenn sie nicht mehr die Mehrheit stellen, ist es auch nicht mehr nötig, oder?)

Keinesfalls will ich den Anschein erwecken, ich empfände einen türkischen Knast als angemessenen Aufenthaltsort für unseren Deutschlandhasser. Yücels Verhaftung hat nichts zu tun mit seiner durchaus AKP-kompatiblen Deutschen-Aversion.

http://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

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