In der SPIEGEL-Falle

Claus Hecking vom SPIEGEL wähnt Geert Wilders an einem Ort, wo ihn noch nicht einmal die islamischen Terroristen vermutet hätten, die ihm nach dem Leben trachten: In der Trump-Falle nämlich.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/niederlande-geert-wilders-sackt-in-wahlumfragen-ab-a-1136946.html

Von Max Erdinger

Robert Kennedy Jr. sagte diese Woche, Donald Trump sei dabei, der großartigste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten zu werden. Für Trumps erste, etwa einstündige Rede im Kongress gab es stehende Ovationen, auch von Demokraten. Stephen Bannon hatte zuvor schon für Begeisterungsstürme gesorgt, als er schnörkellos erklärte, der Rückbau des Staates sei Ziel Nummer eins der neuen amerikanischen Regierung. Es sieht ganz danach aus, als befände sich Trump in den USA auf dem besten Weg, beliebt zu werden.

In den Niederlanden ist dem Vernehmen nach Geert Wilders beliebtester Politiker. Zwei Wochen sind es noch, bis dort gewählt wird. Da wird es höchste Eisenbahn für den SPIEGEL, ein letztes Mal für ein bißchen undemokratische Stimmungsmache zu sorgen, auch wenn man beim SPIEGEL mit Berichten von Wahlumfragen in den USA noch im Herbst letztes Jahr grotesk daneben gelegen hat. Man weiß es nicht: Vielleicht gibt es ein ehernes Gesetz, welches besagt, daß die Veröffentlichung grottenfalscher Wahlprognosen für die USA automatisch zu goldrichtigen Prognosen für die Niederlande führt. Wahrscheinlich  sollte man aber ganz einfach wenigstens kein zweites Mal in die SPIEGEL-Falle tappen. Allzu oft hat sich bereits herausgestellt, daß SPIEGEL-Leser akurat vom Falschen mehr wissen. Immer öfter wissen sie nämlich hinterher besser als alle anderen, wie weit daneben ihr Leib- und Magenblatt vorher gelegen hat. Jedenfalls wartet Claus Hecking mit einer steilen These auf: Wilders sitzt in der Trump-Falle, meint er. Seine Nähe zu Trump würde von den Niederländern nicht goutiert werden. Boh!

Zitat: „Monatelang hat Geert Wilders die Umfragen in den Niederlanden angeführt. Zwei Wochen vor der Wahl droht dem Rechtspopulisten die Puste auszugehen. Sein Problem: die Nähe zu Donald Trump. ( … ) Der Rechtspopulist Geert Wilders muss zwei Wochen vor der Wahl in den Niederlanden um seinen sicher geglaubten Sieg fürchten. Im heute veröffentlichten „Peilingwijzer“ der Universität Leiden, der die Umfragen der sechs größten Meinungsforschungsinstitute zusammenfasst, rangiert Wilders mit seiner rechtsgerichteten Partei voor de Vrijheid (PVV) erstmals seit Monaten nur noch auf Platz zwei.“ – Zitatende.

Der „Middleman“: Im Amerikanischen nennt man einen Zwischenhändler so. Der Zwischenhändler für Hecking ist die Universität Leiden mit ihrem „Peilingwijzer“. Wenn der SPIEGEL, so wie letztes Jahr mit den USA, wieder daneben liegt, kann er hinterher behaupten, die Universität Leiden sei der Lügenbeutel, dem man auf den Leim gegangen ist. So ein „Middleman“ ist schon nützlich für spätere Verantwortungszuweisungen. Was fragt man sich  sofort, wenn man etwas von einem „Peilingwijzer“ der Universität Leiden liest? Meinereiner fragt sich beispielsweise, ob man tatsächlich eine Universität braucht, um eine Zusammenfassung der Ergebnisse von Wahlumfragen der sechs größten Meinungsforschungsinstitute zu erstellen. Die müssen schließlich zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sein, wenn man versucht ist, eine Zusammenfassung zu erstellen. Wären alle unisono zum selben Ergebnis gekommen, hätte man sich die universitäre  Fleißarbeit von Gelehrten für Zusammenfassungen jedweder Art nämlich sparen können.

Daß es diesen „Peilingwijzer“ gibt, bedeutet also, daß von den sechs Wahlprognosen einige oder alle daneben liegen. Man muß schon SPIEGEL-Leser sein, um sich dafür zu interessieren, wie die Zusammenfassung von etwas Falschem aussieht. Genau das tut er, der SPIEGEL-Leser, solange es eine schöne Zusammenfassung ist. Eine schöne Zusammenfassung ist für den SPIEGEL-Leser eine, die das bestätigt, was er ohnehin gerne meint und findet. Daß der typische SPIEGEL-Leser Trump und Wilders am liebsten den Eisbären zum Fraß vorwerfen würde, ist nun wahrlich kein Geheimnis. Hecking bedient also die Kundschaft, mehr nicht. Das ist gut für den SPIEGEL und für sonst niemanden. Analoges gilt übrigens für die Süddeutsche Zeitung oder die ZEIT. Das sind alles Publikationen, die ihren Lesern nach dem Maul reden, weil es wirtschaftlich das Vernünftigste ist. Würde die Süddeutsche zum Beispiel titeln, alle Welt sei positiv von Trump überrascht, – zack – schon wäre die Hälfte aller Abonnenten weg. Wenn man nämlich eine Kundschaft hat, die sich eh schon im Alleinbesitz von Moral, Anstand und Durchblick wähnt, unterläßt man es tunlichst, ihr zu widersprechen. Man bedient sie eben.

Es ist daher auch von keinerlei Merkwürdigkeit, daß es Hecking vom SPIEGEL nicht in den Sinn kommt, die Veröffentlichung von Wahlumfragen („Sonntagsfrage“) eimal ganz grundsätzlich auf ihre Kompatibilität mit den demokratischen Grundsätzen einer freien und geheimen Wahl hin zu untersuchen. Das hätte nämlich nahe gelegen. Wenn sechs Meinungsforschungsinstitute zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen, daß es eine universitäre Zusammenfassung des Falschen braucht, um dem SPIEGEL-Leser zu verklickern, was er diese Woche besser zu wissen hat als alle anderen, dann liegt doch die starke Vermutung nahe, daß jedes der sechs Institute umfragetechnisch einer eigenen Präferenzagenda gefolgt sein muß. Mithin wäre das also zu subsumieren unter „Wählerbeeinflussung“, nicht unter „Leserinformation“. Der Mensch ist bekanntlich ein Herdentier. Macht man ihn glauben, dieses oder jenes sei Ansicht der Herde, beeinflußt man ihn schon. Meinereiner ist deshalb schon lange der Ansicht, daß mit der undemokratischen Veröffentlichung von Wahlprognosen Schluß sein muß. Gewählt wird am Wahltag – und zwar frei und geheim.

 

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