Chuck Norris, Martin Schulz und Donald Trump: Willkommen im großen Mainstreamkino

€

Die heutige Strahlendosis aus der Fake-News-Galaxie ist besonders hoch, ein wahrer GAU. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich meine die Mainstreammedien, die sonst gerne den Eindruck erwecken, nachrichtlicher Lug und Trug sei eine exklusive Angelegenheit digitaler Hasswüteriche im Internet. Nein, die idiotischen, lückenhaften, absichtlich unvollständigen und verbogenen Nachrichten, die ich hier kurz aufliste, stammen ausnahmslos aus dem ertablierten News-Universum, das gerade angesichts des fliehenden Publikums einen umgekehrten Urknall erlebt und in sich zusammenbricht. Wie anders soll man fortgesetzte zweistellige prozentuale Leser- und Auflagenverluste deuten?

Von Marcus Gärtner

Den Bock schießt wieder einmal der FOCUS ab. Die Online-Ausgabe berichtet von einer neuen Studie, die belegen soll, dass das Home Office krank mache. An diesem Befund lässt das Magazin schon im Vorspann keinen Zweifel, auch wenn es zugesteht, dass die Meinungen zu möglichem Fluch oder Segen der Arbeit im Büro der eigenen vier Wände durchaus geteilt seien. FOCUS fasst die Ergebnisse der Studie so zusammen:

„Alle Mitarbeiter, die nicht die ganze Zeit im Büro arbeiten, waren anfälliger für Krankheiten. 42 Prozent der mobilen und der Home-Office Arbeitnehmer leiden unter Schlaflosigkeit. Bei Mitarbeitern, die fest im Büro arbeiten, liegt die Quote nur bei 29 Prozent. Auch für Stress sind Arbeitnehmer, die keinen festen Arbeitsplatz haben oder Home-Office machen, anfälliger. Mit 41 Prozent liegt der Wert um 16 Prozent höher als bei Büroarbeitern. Problematisch ist ebenfalls die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit.“

Zwei Dinge finde ich an dem Bericht unmöglich: Erstens, als Quelle der Studie wird zwar die Internationale Arbeitsorganisation ILO genannt, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Doch über die Nähe dieser Organisation zu den Gewerkschaften, die nachvollziehbarerweise Erwerbstätige gerne unter ihrem Schirm hätten – was sich bei Festanstellung, also Arbeit in der Firma, besser bewerkstelligen ließe – wird nichts gesagt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund macht das aber auf seiner Webseite durchaus deutlich, und zwar mit den folgenden Worten:

„Deutsche GewerkschafterInnen arbeiten bei der ILO kontinuierlich an der sozialen Gestaltung der Globalisierung mit.“

Zweitens: Ich habe in den 28 Jahren meiner Arbeit als Journalist 70% der gesamten Zeit von zuhause aus gearbeitet und war die meiste Zeit sehr zufrieden, angefangen von der Chance, mit meiner Frau und dem Hund morgens Gassi zu gehen, bis hin zu den zwei bis drei Stunden, die man jeden Tag nicht in den Staus der Rush Hour zubringt, über freie Arbeitseinteilung und übliche Vorteile wie dem, keinen „Chef“ zu haben. Natürlich gibt es da Einschränkungen: Man muss um Aufträge kämpfen, lebt phasenweise in Unsicherheit was die Honorare angeht. Aber krank gemacht hat mich das Heim-Office nur einmal, in der asiatisachen Finanzkrise, als ich im Spitzenmonat Januar 1998 215 Beiträge verfassen, oder im Rundfunk sprechen musste. Danach brachte mich meine Frau mit einem Migräne-Schock ins lokale Krankenhaus in einem Vorort von Kuala Lumpur. Die Honorar-Abrechnung für den Monat hat mich aber schnell geheilt.

Viel Stress gab es auch während der Finanzkrise 2008, als mein Einkommen aus kreativer Arbeit um 80% einbrach und ich mich mit dem Bloggen neu erfinden musste. Ansonsten hätte ich schon täglich einen Liter Scotch zum Lunch trinken müssen, um wirklich krank zu werden.

Fazit: Völliger Quatsch, diese Studie. Das weiß ich auch von vielen Freunden und Bekannten, die ebenfalls im Home Office arbeiten.

Zweites Beispiel, ein Thema, das Tichy´s Einblick am Montag aufgriff, eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Monika Lazar im Bundestag. Die Antwort förderte zutage, dass im vergangenen Jahr hierzulande genau 91 Anschläge auf islamische Einrichtungen registriert wurden. Das muss man sehen im Vergleich zu 2.800 Angriffen auf christliche Einrichtungen allein von Januar bis September. Das war sowohl in absoluten Zahlen als auch prozentual ein Mehrfaches der Beschädigungen, Schändungen und anderen Attacken auf islamische Symbole und Einrichtungen. Aber wir wissen alle, worüber dennoch am meisten und mit den emotionalsten Schlagzeilen berichtet wurde.

Drittens, die WELT präsentiert per Schlagzeile Martin Schulz als „Chuck Norris der deutschen Politik“, ein cooler Aufräumer, der so ziemlich alles vom Kampfkünstler bis zum Buchautor drauf hat, ein Mann, der laut seiner Fans  „einen Pulsar als Discokugel benutzt.“ Dass die Schlagzeile ein Zitat aus „Hart aber Fair“ wiedergibt, erfahren wir erst am Ende des Artikels. Aber das macht nichts. Dass der Chuck-Norris-Vergleich in der Schlagzeile ohne Anführungszeichen gebracht wird, hat die erhoffte Wirkung erzielt – und die Leser auf eine falsche Spur geführt.

Meine bescheidene Frage: Selbst wenn das halbwegs richtig wäre, was da über Schulz losgelassen wird: Bräuchte man wirklich so einen Aufräumer, um Merkel los zu werden? Natürlich nicht, wir brauchen nur eine höhere Wahlbeteiligung all derjenigen, die gründlich die Schnauze voll haben. Chuck Norris kann dann im TV bleiben, wo er sowieso von Tatorten, Bergdoktoren, Dschungel-Campern, aufgewärmten 60er-Filmen und Talkshows verdrängt wurde. Und das alles zu garantierten Eintrittspreisen im großen ARD und ZDF-Zwangskino.

Sehr bezeichnend finde ich heute in der Fake-News-, Propaganda- und Nebelkerzen-Liste der Mainstreammedien das hier von der FAZ: „Kanada verstärkt Polizei an der Grenze zu Amerika.“ Wer diese Schlagzeile in der Online-Ausgabe am Dienstagmorgen liest, sieht Horden, die sich von den USA aus aufgemacht haben und zu Tausenden die Grenze ins Ahornland überwinden.

Doch dann lernen wir, dass deren Zahl – die, die sich nach Quebec aufmachen – im Jahresvergleich im Januar von 137 auf 452 gestiegen ist! Und dafür einen Bericht in der FAZ? Für 452 Migranten, die von den USA kommend die kanadische Grenze nach Quebec überqueren und damit 0,15% der Neubürger eines Jahres in Kanada ausmachen?

Doch so lautet die Lagebeschreibung der FAZ im Net:

„Die kanadische Polizei verstärkt wegen der wachsenden Zahl von Asylbewerbern ihre Kräfte an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Sowohl die Grenzschutzbehörde CBSA als auch die Bundespolizei RCMP hätten mehr Personal in die Provinz Québec beordert, erklärten beide Behörden am Montag.“

Wow: Kräfte an der Grenze verstärkt! Grenzschutzbehörde und Bundespolizei mehr Personal in die Provinz beordert! Ein Aufnahmezentrum wird eingerichtet. Das hört sich ja fast nach einem kleinen Mongolensturm an, der da abgewehrt werden muss …

Man fragt sich, wie es eine Entwicklung wie diese, mit einer so unbedeutenden Zahl – und für Deutschland derart wenig relevant – bis in die Seiten der größten deutschen Wirtschaftszeitung schafft. Die einzige Antwort, die ich darauf nach wiederholtem Lesen des Artikels finde, ist diese – sie steht im ersten Satz des Vorspanns:

„ Aus Angst vor Restriktionen der neuen Trump-Regierung flüchten immer mehr Asylbewerber ins Nachbarland Kanada.“

Es geht also schlicht darum, dem Wüterich im Weißen Haus, Donald Trump, die tägliche Standpauke zu halten und das Publikum daran zu erinnern – als hätten es die Leser in Deutschland nach dem 596. Hinweis schon wieder vergessen – dass hier ein islamophober, egomanischer, der rundum segensreichen Globalisierung allergisch abgeneigter Hau-Drauf-und-mach-Schluss-Präsident weiterhin sein ausnahmslos schädliches Werk ausübt und damit internationale Konsequenzen heraufbeschwört. Vielleicht gibt es eine bessere Interpretation. Ich habe sie aber nicht gefunden.

http://klapsmuehle-online.de/chuck-norris-martin-schulz-und-donald-trump-willkommen-im-grossen-mainstream-kino

Foto: Wikipedia/ Von Lou Hernandez (U.S. Air Force) – Originally from [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2674849

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...