Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht ….

Es gibt Grenzen für die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes

Eine der Psychologie wohlbekannte Erkenntnis ist, dass die Toleranz des menschlichen Geistes für Horrorszenarien Grenzen hat; irgendwann wird eine Schwelle überschritten und es kommt zum Riss. Im Nachfolgenden ein Beispiel, welches diese Erkenntnis wieder einmal unter Beweis stellt.

Unser imaginäres Szenario führt uns um 60 Jahre zurück in das Deutschland des Jahres 1957. Der Wirtschaftsmotor hat schon wieder dynamische Fahrt aufgenommen, die Bombenkriegslücken in den Städten sind größtenteils geschlossen, überall sind Baukräne präsent, die Anzüge schlottern nicht mehr, sondern sind teils recht prall gefüllt, im Handel sind in zunehmendem Maße Dinge zu haben, von denen man bis vor Kurzem nur geträumt hat und – last-but-not-least – die Deutschen finden mit Riesenschritten zum Selbstwertgefühl zurück.

Wir befinden uns im Sprechzimmer eines Psychiaters (auch das gibt es schon wieder). Der Raum ist  (wir befinden uns, wie gesagt, erst am Anfang des Wirtschaftswunders) einfach, (aber nicht mehr mit Stücken aus Opas Rumpelkammer) eingerichtet: Die obligatorische  Couch, ein Ohrensessel, ein Schreibtisch mit Telefon, ein Bücherregal mit Fachliteratur, Diplome sowie ein Bild des Altmeisters Freud an den Wänden.

Der auf der Couch liegende Patient, der einen aufgelösten, verstörten Eindruck macht, berichtet dem Seelenklempner eben, mit erregter Stimme: „Herr Doktor, ich habe Nacht für Nacht diese furchtbaren Alpträume! Ich kann so nicht weiterleben!“

Psychiater (beschwichtigend): „Wollen Sie mir Einzelheiten erzählen? Was geschieht in diesen Träumen? Aber bleiben Sie ruhig.“

Patient: „Einer der Träume handelt davon, dass deutsche Regierungen mit Geld- und Sachprämien Menschen aus Dritt- und Viertweltländern anlocken, die, aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus, ihrer fehlenden beruflichen Qualifikationen sowie der Hypothek der religiös-sozialen Strukturen ihrer Herkunftsländer, keine Möglichkeit haben, in unserem Land eine geregelte Existenz aufzubauen. Der Traum schwenkt dann regelmäßig zu einer deutschen Rentnerin – Alter so um die 80 – die sich auf ihrem Herd eine Dose Haustiernahrung zubereitet, weil ihre ausufernden Fixkosten, wie Miete, Heizung und Strom, ihr nicht mehr erlauben, richtiges Fleisch zu kaufen und weil die ihr – zumindest moralisch – zustehenden Rentenerhöhungen benötigt werden, um die staatlichen Sozialleistungen für die am Fürsorgetropf  hängenden Zuwanderer zu finanzieren“.

Psychiater: „In der Tat, eine ungewöhnliche – aber auch völlig abwegige – Vorstellung.  Aber fahren Sie doch bitte fort. Ist da noch mehr dieser Art?“

Patient: „Ich sehe das Staatsoberhaupt einer fremden Nation – möglicherweise handelt es sich um die Türkei – das sich fortwährend in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einmischt – ohne dass deutsche Regierungen darauf auch nur mit einem Augenzwinkern reagieren würden.“

Psychiater: „Auch hier wieder – ein völlig irreales Konzept.“

Patient: „Dann ist da der Traum, in dem ich sehe wie  eine – offensichtlich deutsche – Person von vier Männern südländischen Aussehens verprügelt und schließlich totgetreten wird. Der Traum setzt sich dann in einem deutschen Gerichtssaal fort, wo die vier Täter lediglich kurze Bewährungsstrafen erhalten. Der Richter scheint den Tätern großes Verständnis entgegenzubringen; ihre Tat wird unter dem Etikett “kulturspezifisch bedingt“ als weitgehend entschuldbar angesehen.“

Psychiater: „Eine Frage – nehmen Sie alkoholische Getränke im Exzess zu sich?“

Patient: „Ich trinke fast nie Alkohol! In einem anderen Traum werden zwei Polizeibeamte seitens der Medien massiv angeprangert und vollmundig verurteilt (und damit beiläufig ihre Karrieren vernichtet), weil sie ihre Dienstwaffen gezogen und in die Luft abgefeuert haben, als 20 südländisch aussehende  Jugendliche in, offensichtlich eine „Radikallösung“ anstrebender Haltung auf sie eindrangen.“

Psychiater (kratzt sich am Kopf, notiert auf seinem Schreibblock: „Fortgeschrittener Fall von Wirklichkeitsferne“.): „Haben Sie jemals mit irgend einer Art von Rauschgift experimentiert?“

Patient: „Nein, nie, warum fragen Sie? In einem weiteren, schrecklichen Traum gehe ich durch die Straßen eines Stadtteils meiner Heimatstadt, die ich aus meiner Jugend kenne. Die Straßen sind dergestalt verändert, dass ich glaube, nach Nordafrika oder den Mittleren Orient versetzt worden zu sein. In dem selben Traum tritt ein Jugendlicher – wieder von südländischem Aussehen – auf mich zu und sagt in drohendem Ton: „Scheißdeutscher, hau ab! Das unser Gebiet.“ Als ich hastig weitergehe, klatscht mir eine, aus einem Fenster geworfene volle Kinderwindel an den Kopf.“

Psychiater (wortlos, schreibt fieberhaft):  „Oh, oh.“

Patient (beginnt zu weinen): „Der schlimmste aller Träume handelt von einer etwas fülligen Dame, mit rundem Gesicht und grellgelb gefärbten Haaren, die vom mir verlangt, dass ich all diese Dinge zu lieben habe“.

Psychiater (steht auf): “ Bleiben Sie ganz ruhig sitzen; ich komme sofort wieder.“ Er verlässt den Raum, gibt nebenan seiner Vorzimmerkraft gewisse Anweisungen und kehrt zu seinem Patienten zurück. Dieser wird inzwischen derartig von Weinkrämpfen geschüttelt, dass eine Fortsetzung des Dialogs unmöglich ist; der Psychiater kann lediglich notdürftige Beschwichtigungsversuche unternehmen. Nach kurzer Zeit öffnet sich die Tür und drei Männer in weißen Kitteln treten ein. Zwei halten den, sich ob der Weinkrämpfe kaum sträubenden Patienten fest, währen der Dritte ihm mit geübter Hand eine Injektion in den Oberarm appliziert. Die Männer ziehen ihm dann eine Art Jacke an, deren Ärmel unten geschlossen und mit Bändern versehen sind, welche auf dem Rücken verschnürt werden können.

Psychiater (zu den Weißkitteln): „Ich empfehle strengste Isolierung in der Geschlossenen. Auf jeden Fall Gummizelle. Keine festen Gegenstände! Suizidgefahr!“

Unser Ausflug in die Vergangenheit (der ja wohl gleichzeitig Züge eines Dante’schen Infernospaziergangs aufweist) endet mit dem sich in der Ferne verlierenden Heulen einer Ambulanzsirene.“

Quo usque tandem

Foto: Autor

 

 

 

 

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