Nicolaus Fest: Die „Welt“ und die 1. Strophe

„Das war eine absolute Unverschämtheit und Frechheit, das absolut Allerletzte. Es war das mit Abstand Schlimmste, was mir im Leben passiert ist.“ Glückliche Andrea Petkovic. Irgendwelche Dramen, die über eine gerissene Schlägersaite hinausgehen, hat die deutsche Tennisspielerin offenkundig noch nicht erlebt, wenn die erste Strophe des Deutschlandliedes alle bisherigen Traumatisierungen in den Schatten stellt.

Von Nicolaus Fest

Auch ihre Kollegin Julia Görges habe zu weinen begonnen, Trainer und Funktionäre zeigten sich empört. So meldete es die WELT. Vielleicht sollten beide Heroinen wissen: Als sie geboren wurden, war die 1. Strophe noch Teil der offiziellen Nationalhymne der Bundesrepublik, und das unbeanstandet seit fast 40 Jahren. Auch in der Weimarer Republik war das gesamte Deutschlandlied Nationalhymne, auf Vorschlag und Betreiben des Sozialdemokraten und Reichspräsidenten Ebert. Im 3. Reich wurde zwar die erste Strophe gesungen, doch ‚Hymne der Partei’ und Ausdruck der nationalsozialistischen Gesinnung war das Horst-Wessel-Lied. Eben deshalb konnte die Bundesrepublik das ‚Lied der Deutschen’ wieder zur alleinigen Hymne ernennen. Erst 1991 reduzierten Helmut Kohl und Friedrich von Weizsäcker den Text eigenmächtig auf die 3. Strophe.

Doch nicht nur den Tennisspielerinnen und ihren Funktionären wäre etwas mehr Gelassenheit und Kenntnis zu wüschen. In einer Bildunterschrift bezeichnete die WELT die 1. Strophe des Deutschlandliedes tatsächlich als „NS-Kampfhymne“; später wurde dies kommentarlos geändert. Zwei Tage danach brachte die WELT dann einen längeren Artikel zur Geschichte der Nationalhymne.

http://nicolaus-fest.de

Foto: Youtube/ Screenshot

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...