Die Magie des Rudels

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Duden - Foto: Wikipedia/ Von scanned by NobbiP - scanned by NobbiP, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11216096

Die Fußballer machen es uns vor, täglich: Einer tätowiert seinen Arm, am Ende der Saison haben fast alle anderen Rudelmitglieder ihre Arme tätowiert. Selbst bei den Frauen. Sieht vielleicht gewöhnungsbedürftig aus – stört aber im Grunde niemanden. Es sei denn, man bekommt diesen Arm täglich vor die Nase gehalten…

Ähnlich verhält es sich in den Nachrichten neuerdings mit dem Präsens. Die Journaille hat sich beinahe vollständig vom Imperfekt resp. vom Perfekt verbschiedet. Unbewußt, kritiklos, rudelmäßig.

Von Franz Wolf

Sagte und schrieb man früher noch richtig: „Er wurde vor 40 Jahren geboren, dann kam er mit sechs in die Schule“, so heißt es heute in den Nachrichten: Er wird vor 40 Jahren geboren.

Konrad Duden, der am 3. 1. 1829 in Lackhausen geboren wurde, Verzeihung, geboren wird, würde sich im Grab umdrehen! So er denn gestorben ist. Dies jedoch trifft gar nicht zu, denn Duden stirbt am 1.8. 1911 in Sonnenberg. Er starb nie, er stirbt nur. Vor 105 Jahren. Das klingt nicht so endgültig, nach Meinung der Journaille. Aber ist das auch die unsrige?

Mit Journaille werden jene Pseudojournalisten bezeichnet, denen die Wahrheit und der Wahrheitsgehalt ihrer Meldungen am A … vorbei gehen.

„Schiff sinkt, mehrere hundert Menschen sterben!“

Die Journaille erzählt uns somit, daß ein Schiff sinkt und weiß schon im Voraus, wie viele Menschen sterben werden. Das ist großartig!

Ja warum hilft denn da niemand? Diese Frage klingt in diesem Zusammenhang ziemlich naiv. Es hilft niemand, es kann niemand mehr helfen, weil die Nachricht mehrere Stunden oder Tage alt und die Formulierung damit absolut falsch ist. Es hätte heißen müssen:„Schiff gesunken. Soundsoviele Menschen starben.“

Dann wüßte der interessierte Leser oder Hörer: Oh Gott. Die sind alle tot! Die deutschen Nachrichten, ohnehin mit viel Vorsicht zu genießen, suggerieren jedoch: Etwas ist noch im Gange. Und so sinkt das Schiff tage-, ja wochenlang, und sinkt und sinkt, und währenddessen sterben die Menschen an Bord.

Der Lebenslauf eines dieser Journalisten könnte wie folgt lauten:

„Ich werde vor 35 Jahren geboren, nachdem meine Eltern heiraten. Vor 29 Jahren komme ich in die Schule, beim Turnunterricht breche ich mir den Arm. Es tut sehr weh. Nachdem ich vier Wochen lang den Arm in Gips trage, wird er wieder gesund. Vor 26 Jahren dann besuche ich das Gymnasium, darf die 8. Klasse wiederholen. Mit dem verbotenerweise ausgeliehen Wagen meines Vaters fahre ich in eine Schlucht, der Wagen wird beschädigt. Helfer retten mich“ usw. (Göttliches Deutsch, bar jedweder Zeitformen)

Ein Radiosender berichtete: Vor 76 Jahren überfällt Hitler Polen. Hätte der Text gelautet: In 2 Jahren überfällt Hitler Polen, man hätte sich mit der Grammatik arrangieren können. (Wird Hitler Polen überfallen) Aber: „Vor knapp 2000 Jahren bricht der Vesuv aus“ klingt nicht nur abenteuerlich, es ist auch blanker sprachlicher und grammatikalischer Unsinn. Und diese falschen, diese irreführenden Nachrichten liebt die Journaille. Sie erzählt uns alles, nur die Wahrheit nicht.

Wenn ein Mensch loszieht, um bewußt andere zu töten, dann wird er zum Mörder. So steht es im Gesetzbuch! Und wenn sich jemand bewaffnet, mit Munition versieht, um danach wahllos Menschen zu erschießen, dann wird aus ihm ein Massenmörder. Durch die Journaille wird er jedoch blitzschnell und automatisch zum Amokläufer.

Der Brockhaus schreibt über Amok: Stark aggressiver Bewegungsdrang mit anschließender Amnesie, der beim Befallenen wutartige, wahllose Tötungsversuche auslösen kann.‘

Es gibt nur eine Deutung dafür und die heißt übersetzt: Ein Amokläufer weiß nicht was er tut! Insofern müßten auch jene Journalisten als Amokschreiber bezeichnet werden, denn auch sie wissen offenbar nicht, was sie da tun. Davon allerdings findet sich nichts im Brockhaus. Noch nicht.

Oder nehmen wir das Evakuieren. E-vakuieren bedeutet = in ein Vakuum verwandeln, die Luft herauslassen. Das tut man im allgemeinen mit einer Luftmatratze oder im übertragenen Sinne mit einer Gegend oder einer Stadt bzw. mit einem Gebäude, die man von Menschen leert. Die kann ich evakuieren. Oder eine Gummipuppe von Beate Uhse. Ich kann aber keine Menschen evakuieren, wie man es ständig bei ARD und ZDF und anderen maßgeblichen Sendern hören muß. Wer läßt denn schon aus Menschen die Luft heraus? Tschonnalisten

Wer also hat mit diesem Schwachsinn begonnen, uns alle Nachrichten im Präsens zu servieren? Zumindest die Überschriften. Denn schon in den nächsten Zeilen wird das Präsens auf wundersame Weise wieder verworfen und durch das Perfekt ersetzt. Während die Menschen in der Überschrift noch leben – denn wer stirbt, der lebt noch! – sind sie eine Zeile tiefer schon seit vierzehn Tagen tot. Das verblüfft doch ein wenig. Selbst in unserer schnellebigen Zeit.

Selbstredend kennen wir das historische Präsens, welches u.a. bei überlieferten Berichten aus chronologischen Gründen Verwendung findet.

„Es wird vorwiegend gebraucht, um das Erzählte für den Zuhörer lebendiger!! zu machen, so als ob es gerade passiert.“ Also servieren uns die Journalisten die Toten etwas ,lebendiger‘. Bloß nicht tot oder – toter. Am totesten? Es gibt nichts, was die entfesselte Journaille hemmt.

Wann wird sich der erste wieder besinnen auf korrektes Deutsch, wie es der ausländische Besucher lernt? Denn der zeigt dafür überhaupt kein Verständnis. Zu Recht. Wofür haben wir denn die Zeitformen, um uns präzise auszudrücken, wenn sie von den Maßgeblichen sträflich mißachtet werden? Entweder aus Unkenntnis, aus Ignoranz dem Hörer gegenüber oder aufgrund des so beliebten Rudelverhaltens. Nun ist aber das präzise Formulieren nicht gerade eine Domäne der Journaille.

Wer ein Journal verfaßt, darf sich als Journalist bezeichnen. Was hingegen macht ein Tschonnalist? So nämlich lautet die Berufsbezeichnung der meisten der schreibenden Zunft, werden sie nach ihrer Profession befragt. Diese fragwürdige Aussprache entstammt zweifelsfrei dem Amerikanischen, dem sich die meisten Tschonnalisten so innig verbunden fühlen. Besonders jene von ARD und ZDF! Wenngleich die korrekte Version anders klingt. Wen aber stört das schon.

SWR 1, Mittagsprogramm, die Sprecherin sagt: „So, bei diesen Temperaturen können die kids auch wieder ins Schwimmbad gehen.“

Meinte sie nun ihre oder unsere oder gar die Enkelkids? Angelkids. Verzeihung, grandchildren. So schnell tritt man ins Fettnäpfchen beim Versuch, aktuell zu sein. Oder aktueller. Was an sich schon Blödsinn ist, denn aktueller geht nicht. Aktuell bedeutet ‚jetzt, im Augenblick‘!

Dann muß aktueller ‚jetzter‘ bedeuten. Was aber meint der SWR, wenn er den aktuellsten Verkehrsbericht sendet? Superlativmanie, nichts anderes. Ich fürchte, ein Gang zum Psychiater wird jenen nicht erspart bleiben. Am jetztesten. SWR 1 berichtet demnach schon über Staus, die sich erst in der Zukunft einstellen, oder? Und das ist lobenswert. Dessenungeachtet stoppten und goten die Fahrzeuge zwischen Pforzheim und Heimsheim in einer Tour. Auch in Karlsruhe stop and go wohin man schaut. Ausgesprochen mit deutschen Akzent. Wundervoll. Und der LKW ist nicht etwa stehengeblieben, nein, mitnichten. Er ist liegengeblieben – obwohl er gar nicht umgefallen ist! Oder er ist stehengeblieben, danach hat ihn ein Tschonnalist umgeworfen und nicht mehr aufgestellt. Meldung, 4.1.16, SWR 1 BW: „Ein ICE ist in Emden gestrandet. (Nein, kein Wal, sondern ein ICE. Wahrscheinlich kam er über die Nordsee geschwommen) Danach ist er ohne umzufallen liegengeblieben. Meldungen für die kids von professionellen Nachplappereren.

Nun plappert der Deutsche ohnehin gern. Wie anders könnte es sonst zu Formulierungen kommen wie: Wolkenbruchartige Regenfälle!

Das war zwar genau wie ein Wolkenbruch, es fiel ebensoviel Wasser vom Himmel, aber es war kein Wolkenbruch. Es war nur so ähnlich… Regenähnlicher Regen.

Es stimmt auch nachdenklich, wie aus dem weiblichen deutschen Wort ‚die Geschwindigkeit‘ und der neutralen englischen Variante, dem ‚speed‘, das neudeutsche Wort: Der Speed wurde. Tatkräftig unterstützt von der Play-Station-Generation, die derzeit beim Duden das Sagen hat. Stop and go, kids und kein Ende mit dem Speed. Der Begriff des ‚Neudeutsch‘ wird meist dann ins Feld geführt, entschuldigend beinahe, wenn der Sprecher ein deutsches Wort mit aller Gewalt zu vermeiden sucht. Es entsteht der Eindruck, bei den Sprecherinnen und Sprechern löst dieses Geschwafel ein prickelnd Gefühl aus, welches den Schoß unkontrolliert feucht werden läßt… Regelmäßig. Anders sind derartige Entgleisungen kaum zu erklären. Das ist ein No-go!

Aus dem Emirat Kuwait, arabisch Kowait gesprochen, wird regelmäßig Kuweit, und von den Hartgesottenen Quwait (englisch gesprochen). Man erinnert sich an die latinisierte Welt, wo aus einem Kong fu tse (Kon–fu-tse) automatisiert ein Konfuzius wurde.

Weiteres Beispiel für die Halb-Bildung deutscher Lektoren und Übersetzer: Aus dem neutralen female und girl, Weibchen und Mädchen, wird nach der Übersetzung ins Deutsche selbstredend und automatisch ein ‚Femininum’.  „Nachdem das Weibchen zurück ist und seinen Bau betritt, säugt sie ihre Jungen.“ Oder „Das Männchen wittert, er hat etwas gehört!“  Zuweilen verschwimmen die Aussagen jener Profis sogar in einem Satz: „Das Weibchen bebrütet ihre Eier, danach geht es wieder auf Futtersuche.“ Ein Konglomerat aus Inkompetenz und Gedankenlosigkeit, nichts weiter. Und niemandem fällt es auf. Oder man sollte besser sagen: Niemanden interessiert es mehr. Selbst Nachrichtensprecher formulieren voller Überzeugung Sätze wie: „Das Mädchen war bei ihrer Großmutter.“ Bei wessen Großmutter? Aufgeschrieben von einem Redakteur, einem Tschonnalisten gar, und kritiklos heruntergelesen von einem mündigen Sprecher. Der Aufbau-Verlag, Berlin, publiziert ‚Die Päpstin‘ von Donna Woolfolk Cross, und der deutsche Übersetzer Wolfgang Neuhaus, ein Profi, ‚übersetzt‘ ohne Gewissensbisse: „Das Mädchen und ihr Bruder…“. Das nenne ich peinlich.

Siegfried Lenz‘ Fundbüro quillt geradezu über von derartigen Pronominaverirrungen. Und Hoffmann & Campe, verantwortlich für diesen Schwachsinn, versteht das Problem nicht und schiebt – als Lizenznehmer – alle Vorwürfe von sich.

Mit der Aussprache sind wir jedoch noch nicht am Ende, auch nicht mit der Kritik an den Verursachern. Kritik wird nicht geduldet, wenn die Sender auch Gegenteiliges behaupten. So hatte z. B. vor einiger Zeit ein Moderator des SWR1, Herr Wolfgang Heim mit dem schwäbischen Akzent, nach seinen eigenen Worten ‚den weltbesten Bergsteiger der Welt zu Gast.“ So etwas stößt sofort auf, diese Form des Pleonasmus ist absolut unzulässig; außer beim aktuellsten SWR 1. Eine sofortige E-Mail ins Studio mit Bitte um Berichtigung wurde (wird?) geflissentlich ignoriert und derselbe Fehler noch mehrere Male begangen. Wochen später dann hatte eben jener Moderator den weltbesten Magier der Welt zu Gast, danach den weltbesten Schnapsbrenner der Welt usw. Fazit: Nichts gelernt und dann beim SWR 1 gelandet.

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