Nazi, Rassist, Radikaler: Wer ist Steve Bannon?

Als Steve Bannon, der ehemalige Chefredakteur von Breitbart.com, kurz nach der Wahl zum Chefstrategen in Donald Trumps Weißem Haus ernannt wurde, war der Aufschrei unter linken Demokraten groß: Elizabeth Warren nannte ihn „jemand der mit Rassisten verkehrt„, Nancy Pelosi nannte ihn einen „white supremacist„. Howard Dean sah in ihm gar einen „Nazi“. Belege für diese reflexartigen Unterstellungen haben wir keine gefunden, Stefan Molyneux rechnet in diesem Video ausführlich damit ab. Doch wer ist der Chefvordenker des mächtigsten Landes der Welt wirklich?

Von unserem US-Korrespondenten Collin McMahon.

Bannon selber hat sich mit öffentlichen Aussagen im Wahlkampf und danach auffällig zurückgehalten. Er ist einer, der lieber im Hintergrund agiert. Doch durch seine veröffentlichten Reden und Zeit als Dokumentarfilmproduzent können wir eine eindeutige Philosophie von „Trumps Hirn“ ausmachen, wenn man sich denn die Zeit nimmt, genauer hinzuschauen.

Stephen Kevin Bannon wurde 1953 im Navy-Stützpunkt Norfolk, Virginia in einer irischen Arbeiterfamilie mit demokratischen und Gewerkschaftswurzeln geboren, diente in den 70ern sieben Jahre in der Navy und machte seinen MBA an der renommierten Harvard Business School 1985. Er arbeitete bei Goldman Sachs im Investment-Banking, kam dann nach Hollywood und gründete 1990 eine eigene Investmentfirma, die unter anderem für den Verkauf von Castle Rock Entertainment an CNN-Begründer Ted Turner verantwortlich war. Aus diesem Deal erhielt er Rechte an fünf TV-Serien, darunter dem künftigen Megaerfolg Seinfeld. Dank dieses Sechsers im Lotto wurde Bannon einflussreicher Filmproduzent.

Er produzierte 18 Filme, unter anderen mit linken Ikonen wie Sean Penn oder Julie Taymor, aber auch konservative Dokumentarfilme über Ronald Reagan, Sarah Palin, den radikalen Islam oder die Occupy-Bewegung. Bannon lernte dadurch die anarcho-libertäre Tea Party und ihren Chefblogger Andrew Breitbart kennen, eine Grassroots-Bewegung, die sich in offener Revolte nicht nur gegen die Obama-Regierung, sondern auch gegen das republikanische Establishment und die Washingtoner Eliten befand. Als Breitbart 2012 plötzlich an Herzversagen starb, übernahm Bannon die Chefredaktion von Breitbart.com, das zum konservativen Gegenpol zu linken Nachrichtenportalen wie Huffington Post oder Salon.com wurde. Zu dieser Zeit lernte er auch Donald Trump kennen, der häufiger Gast in seiner Online-Radiosendung war.

Als die Establishment-Medien sich 2016 feindselig auf die Kampagne von Donald Trump stürzten, war Breitbart.com fast die einzige Nachrichtenquelle, die nicht offen Trump-feindlich war. Nicht einmal das konservative Flaggschiff Fox News, das für die traditionelle republikanische Partei stand, stand hinter dem Außenseiterkandidaten aus New York. Bannon war maßgeblich an der Idee für eine Collegetour von Breitbartredakteur Milo Yiannopoulos verantwortlich, dem exaltierten, schwulen, englischen, katholisch-jüdischen Helden der jungen Campuskonservativen. Milo machte sich 2016 in Vorlesungen landauf, landab daran, mit Spontiflair und schwulem Panache die Gewissheiten der alten Linken genüsslich zu zertrümmern. Milo, Breitbart und Bannon werden in künftigen Geschichtsbüchern als die intellektuelle Speerspitze der Trumprevolution gelten.

Wofür steht Bannon also? Philosophisch orientiert er sich an den Schriften des konservativen irischen Philosophen Edmund Burke, der sich 1790 in seinen Reflexionen über die französische Revolution gegen die revolutionäre Umwälzung wandte, die zwingend zu neuer Tyrannei führe. Burke plädierte dagegen für Fortschritt durch Erhalt und Entwicklung überlieferter Traditionen. „Die Gesellschaft ist ein Vertrag zwischen denen, die jetzt leben, den Toten, die ihnen vorangegangen sind, und den Nachgeborenen, die ihnen folgen werden.“ Dieses Weiterreichen von Errungenschaften wird durch revolutionäre Umstürze wie die Französische Revolution und die 68er-Studentenrevolte unterbrochen, es folgt ein Rückfall in die Barbarei und Beliebigkeit.

Bannon orientiert sich also in seiner Sicht zurück auf die Werte, die unsere westliche, demokratische Welt einst groß gemacht haben, die nun in den 50 Jahren seit 1968 von allen Seiten angegriffen werden. Anhand seiner Skype-Rede im Vatikan 2014 und seinen Dokmentarfilmen lassen sich diese Werte relativ genau definieren: Kapitalismus, Patriotismus und christlich-jüdische Werte.

Kapitalismus: In seinem Dokumentarfilm „Generation Zero“ prangert Steven Bannon anhand der Finanzkrise 2008 den „Sozialismus für die ganz Armen und ganz Reichen“ an. Einerseits werden illegale Einwanderer, Sozialtouristen und Hartz-IV-Mütter alimentiert und belohnt, andererseits werden – wie im Falle der Bankenrettung – die oberen Zehntausend ebenfalls von Staat verhätschelt und beschützt. Gewinne werden privatisiert, Verluste werden der Allgemeinheit aufgebürdet. Der irische Arbeitersohn Bannon sieht sich dagegen als Kämpfer für die arbeitende Mittelschicht. Obwohl er auf der Harvard Business School war und bei Goldman Sachs gearbeitet hat, ist sein Denken stark von hemdsärmeligen, antielitärem Gedankengut geprägt, das sich gegen die „Davos-Partei“ und die abgehobene Elite richtet. Es ist ein prokapitalistisches Klassenkämpfertum, das sich auch bei Occupy Wall Street, Bernie Sanders oder der SPD Nordrhein-Westfalen blicken lassen könnte, und bildet das Fundament für Donald Trumps erstaunlichem Siegeszug im Ruhrpott Amerikas, dem Rust Belt der alten Industriestaaten zwischen Pittsburgh und Detroit.

Christlich-jüdische Werte: Der Kapitalismus ist in dieser Weltsicht kein Ausbeutungsmodell, sondern der größte Garant für Wohlstand und Nächstenliebe seit Menschengedenken. Die Arbeitsethik der protestantichen Religionen bildet das Fundament für das Entstehen des Kapitalismus, der in dieser Weltsicht in keiner anderen Kultur der Welt hätte entstehen können. Adam Smith, der erste Wirtschaftswissenschaftler, war in erster Linie christlicher Moralphilosoph, und definierte den segensreichen Effekt des freien Marktes in The Wealth of Nations: Während gelenkte Wirtschaften wie das absolutistische, dirigistische Frankreich oder der moderne Sozialismus zwangsläufig an ihrer Inflexibilität scheitern, zwingt uns der freie Markt, pragmatisch zu handeln und unserem Gegenüber etwas zu bieten, das er auch wirklich haben will. Der freie Markt zwingt mich, zuallererst daran zu denken, was der andere von mir braucht, während der Sozialismus mich dazu erzieht, etwas zu fordern, das ich noch gar nicht verdient habe. In dieser christlich-ethischen Sichtweise ist der Sozialismus reiner Egoismus und der Kapitalismus der Garant für Pluralismus und größtmöglichem Wohlstand aller. Ohne christliche Kultur und Werte kann der Kapitalismus jedoch zum Raubtierkapitalismus werden, vor allem wenn die korrupten Eliten wie im Fall der Lehman-Krise oder der EU sich mit der Politik verbünden, um an der Allgemeinheit vorbei zu regieren und zu profitieren. Bannons christliche Moral sieht sich als Wertegefüge, nicht als religiöser Fanatismus. Er verteidigt die Trennung von Staat und Kirche und sieht Religionsausübung als Privatsache. Christlich-jüdische Moralvorstellungen bilden jedoch für ihn das unersetzliche Rückgrat der Aufklärung und der westlichen Welt.

Patriotismus: Um diese Werte zu verteidigen, die unsere Kultur erst möglich gemacht haben, braucht es Nationalstolz und Heimatliebe. Es sind in diesem Weltbild nur die globalen Eliten, die ein Interesse daran haben, billige Arbeitskräfte von anderen Kulturkreisen ins Land zu holen und die eigene Identität auszuhöhlen. Sie drücken damit die Löhne der Mittelklasse, die auch noch die Kosten dieser Zuwanderung zu tragen hat, für Unterbringung, Ausbildung und Plege der Neubürger. Die postnationalistischen Eliten verteufeln daher den Patriotismus des Normalbürgers als rückständig und rassistisch, damit er sich nicht wehren kann.  Ohne den moralischen Kompass unserer überlieferten Traditionen sind wir der völligen Bleibigkeit ausgesetzt, so dass Staat und Behörden sich mehr für die Rechte von Verbrechern, Radikalen, Berufsdemonstranten, Sozialschmarotzern, Terroristen und illegalen Einwanderen interessiert als für die eigene, zunehmend verzweifelte Bevölkerung. „Die Konservativen sehen die Einwanderer als billige Arbeitskraft, die Linken sehen sie als billige Wählerstimmen“, heißt es in einer anderen Bannon-Doku, „Border War: The Battle over Illegal Immigration„. Die Europäische Union mit ihrem Nullwachstum und Finanzchaos ist für Bannon das Paradebeispiel eines katastrophalen globalistischen Systems, das von einer elitären Politikkaste regiert wird, die dem Bürger keinerlei Rechenschaft mehr schuldig ist und nur mit moralischem Zeigefinger auf ihrer eigene Überlegenheit zu deuten braucht, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken. Anstelle dieser globalisierten „Davos-Ethik“ setzt Bannon die „vernünftigen“ Werte des Normalbürgers und die christlich-jüdische Moral. Menschen, die diese Werte nicht teilen, sollten nicht als Einwanderer ins Land gelassen werden, so Bannon. „Das sind keine Demkoraten im Sinne von Thomas Jefferson“, sagte er 2015 über die muslimische Masseneinwanderung nach Europa. „Die haben nun mal keine tausend Jahre Demokratie in ihrer DNA.“ Daher fordert er nicht nur einen konsequenten Einwanderungsstopp für solche, die die demokratischen Werte nicht teilen, sondern auch einen effektiven Kampf gegen den islamistischen Terror.

Wie geht’s weiter? In „Generation Zero“ zeichnet Bannon ein Bild der Zukunft basierend auf der Theorie der Zeitenwenden der Historiker Neil Howe und William Strauss. Nach diesem Modell verläuft die Geschichte der Menschheit zyklisch, in Phasen von etwa 80 Jahren oder einem Menschenleben. Alle 20-25 Jahre beginnt eine neue Phase: Nach jeder großen Krise kommt eine Hochphase menschlicher Entwicklung, eine kulturelle Blüte: Man denke an das Wirtschafswunder der 50er Jahre. Dann folgt das Erwachen, wenn diese Blütephase neue Impulse freisetzt und das Alte in Frage stellt – siehe die 68er. Danach kommt der Zerfall, wenn die Umwälzung aller Werte zu reinem Egoismus und Atomisierung der Gesellschaft führt – Beispiel 90er Jahre. Und als letztes kommt wieder die Krise, bei der die alten Werte wiederentdeckt und beschützt werden müssen. Laut Bannons Weltbild befinden wir uns jetzt in der Krise. Anders ausgedrückt: Harte Zeiten schaffen starke Menschen – starke Menschen schaffen gute Zeiten – gute Zeiten schaffen schwache Menschen – schwache Menschen schaffen harte Zeiten. Und dann geht es wieder von vorne los.

Das Schöne an diesem Modell: Irgendwann folgt immer wieder das Hoch.

Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump. Dies ist ein Auszug daraus.

Foto: meseo.com

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