Max Erdinger: Das große Affentheater

Üblicherweise ist es so, daß ich den Nachrichtenticker aufrufe, um mir einen Artikel meiner Lieblingsfeinde beim SPIEGEL, der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung herauszupicken, den ich dann zum Gegenstand meiner Medienkritik mache. Heute habe ich schon zwei gelesen, drei weitere kurz überflogen und komme zu dem Schluß, daß keiner in der Sache daneben liegt, sondern daß sozusagen die Sache selbst danebenliegt. Es geht um das „Zukunftstreffen“ der beiden Unionsschwestern CDU und CSU in München. Den Schulz im Hinterkopf,  erklärte Horst Seehofer die Unaussprechliche zu einer hervorragenden Kanzlerin, mit der zusammen man nun auf jeden Fall die Bundestagswahl gewinnen werde.

Von Max Erdinger

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/parteien-und-kandidaten/bundestagswahl-2017-die-nervoese-muenchner-republik-14859533.html

http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/gipfeltreffen-von-cdu-und-csu-der-zwangsfrieden-von-muenchen/19354906.html

Zitat: >“Torsten Albig ist Ministerpräsident in Schleswig-Holstein und hat sich in seiner Partei einmal sehr unbeliebt gemacht mit der Feststellung, solange die Kanzlerin Merkel heiße, könne sich die SPD einen Kanzlerkandidaten sparen.“ < – Zitatende.

Das ist der Punkt. Als Bürger dieses inzwischen sehr merkwürdig gewordenen Landes kann es einem herzlich egal sein, ob Merkel zukünftig einen roten Sack haben wird und Schulz heißt. Weil das so ist, kommt einem auch das ganze schlaue Journalistengeschnatter zu der Frage, ob sich Horst und Angela jemals mögen werden, reichlich überflüssig vor. Daß Seehofer bei dem „Zukunftstreffen“ in München, für das nicht umsonst die Bezeichnung „Versöhnungstreffen“ vermieden wurde, auf bestimmte Reizwörter verzichtet und sich beispielsweise den Begriff „Obergrenze“ verkneift, zeigt wieder einmal in aller Deutlichkeit, worum es in deutschen Bundestagwahlkämpfen geht – und worum nicht. Um die richtige Politik geht es nicht. Es dreht sich alles um parteipolitische Nabelschau und um Strategien zum eigenen Machterhalt. Es bestätigt sich einmal mehr, was der Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim vor Jahren schon treffend beklagte: Der Staat ist zur Beute der Parteien geworden.

Meine Medienkritik läßt sich deshalb sehr kurz zusammenfassen. Keiner der Autoren tut das, wozu er sich eigentlich berufen fühlen sollte, nämlich, dieses „Zukunftstreffen“ als das anzuprangern, was es tatsächlich gewesen ist: Ein Treffen, bei dem es um die Zukunft von Parteien – und nicht um die Zukunft des Landes geht. Es ist einfach uninteressant, erklärt zu bekommen, welche  wahltaktischen Überlegungen hinter welcher Äußerung Seehofers oder Merkels stehen. Für den Untergang der Titanic spielte es nach dem Rammen des Eisbergs keine Rolle mehr, wie der Kapitän hieß. Vorher wäre es vielleicht wichtig gewesen. Das Treffen in München bestätigt lediglich, daß Seehofer so lange mit auf der Pfründenbrücke stehen will, bis Merkel den Eisberg gerammt hat. Weil es nämlich egal ist, ob Merkel in Zukunft Schulz heißt. Der Eisberg bekommt in jedem Fall seinen Rammstoß. Und wenn die Kollision schon unausweichlich ist, dann kann man bis dahin auch selber die Kapitänsheuer beziehen, anstatt sie an die parteipolitische Konkurrenz abzutreten.

Anzuprangern wäre also gewesen, daß die Zukunft dieses Landes auf jeden Fall in den Händen von Leuten liegen wird, denen diese Zukunft egal ist. Seehofer ist völlig klar, daß eine sehr überschaubare Zukunft mit Merkel und gegen Schulz in etwa dasselbe ist, wie eine Zukunft mit Syphillis gegen den Hodenkrebs. In der CSU gilt: Lieber reich und krank, als arm und gesund. Fundamentalopposition gegen entweder Merkel oder Schulz kommt nicht infrage, obwohl das der einzige Weg wäre, die CSU langfristig wieder als glaubhaft dastehen  zu lassen. Was die deutsche Presse zu diesem Thema – so weit ich mir das angesehen habe – abgeliefert hat, ist irrelevantes Politentertainment im Range einer Spielberichtserstattung von der Bundesliga. Panem et circenses. Meinemeinen reicht es seit jeher, zu wissen, daß die Bundesliga gespielt hat und daß es Ergebnisse gegeben hat. Wie die im Einzelnen ausgefallen sind und welche genialen Trainertricks dafür ursächlich sind, daß sie ausgefallen sind, wie sie ausgefallen sind, hat mich noch nie interessiert. Fußballbundesliga ist wie deutsches Parteiengezänk: Sie findet eben statt. Aber sie führt zu nichts, außer zum Saisonende und einem nächsten Saisonstart. Das Spiel bleibt immer dasselbe. Die Relevanz von Fußball generell gewinnt oder verliert aber nie etwas.

Im Grunde ist jeder Journalist, der sich an der großen Parteienzankshow wie ein Spielberichtserstatter beteiligt, ein Sandmännchen. Wenn das Sandmännchen dran gewesen ist, wird es Zeit für die artigen Kinder, zu Bett zu gehen. Mir steht dieses Theater bis Oberkante Unterlippe. Für mich als Bürger macht es wirklich keinen großen Unterschied, ob Merkel in Zukunft rote Eier hat und Schulz heißt oder nicht. Und da bin ich wahrlich nicht der einzige. Journalistenaufgabe wäre es nach meiner Überzeugung, diese ganze etablierte Politentertainertruppe mitsamt ihrer miserablen Demokratieshow als das anzuprangern, was sie ist: Die reine Volksverarschung.

Wandere aus, solange es noch geht!
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