Jürgen Stark: Sportjournalismus – Wenn der Blick hinter die Kulissen schmerzhaft ist

Machen wir uns nichts vor. Etliche der  so genannten Sportreportagen von angeblichen „Sportjournalisten“ sind mindestens eine Steilvorlage für intensives Fremdschämen. Vorrangig Interviews mit Fussballern lassen dabei oft genug Sinn und Zweck der Evolution fragwürdig erscheinen. Warum kam das Leben aus dem Meer um dann Handelfmeter, Eigentore und Abseitsstellungen zu produzieren, kommentiert von Millionären, die noch nie etwas von Subjekt, Prädikat und Objekt gehört haben?! Das Kauderwelsch irgendwelcher Ligalegionäre ist oft eher im Bereich der Lautmalerei oder des pennälerhaften Ich-sag-mal-was-ich-so-sagen-darf-ohne-vom-Vorstand-auf’s-Maul-zu-kriegen! Brav oder blöd – das richtige Milieu für den „kicker“ und die BILD Zeitung!

Von Jürgen Stark

Aber, oh Wunder, da bekommt doch tatsächlich die auflageneinsturzgefährdete BILD eine Story hin, die durchaus nachdenklich machen kann, Sinnhaftigkeit des modernen Massensports infrage stellt und auch sonst wie enormes Kritikpotential beinhaltet. Allerdings hat man sich hier frech den Ball vom Platz des Ballaballa-Magazins „kicker“ geholt und dann selber eingelocht. Ausgerechnet bei Bayern München, wo Fussball im Konzern (der sich Verein nennt) absolviert wird, wo nur Spitzensport mit Höchstleistung auf dem Programm steht, melancholisiert Trainer Carlo Ancelotti (57) im Interview vor sich hin – und drückt so manche Träne in den Rasen.

„Wenn mir heute jemand sagt, Sport ist gut für die Gesundheit, dann ist das nicht wahr.“ Rumms, tätärää und Tusch! Uli Hoeness winkt mit weisser Friedensflagge vom Dach an der Säbener Straße und heult irgendwas von „stimmt gar nicht, ich will nicht schon wieder in den Knast“, während Müller, Ribery und Co. sofort das Training abbrechen und ihre Spielermanager erregt anrufen. Der Vorstand der AOK und diverse Privatversicherer versuchten noch bis zum Abend einen Termin beim Verein zu bekommen; der Anrufbeantworter bei der Pressestelle des DFB kochte siedend heiß. Aber Ancelotti, nun ohne ernsthafte Abwehr in den Strafraum eingedrungen, wollte doch mindestens noch den Doppel-Goal, knallte nochmals tief ins Netz: „Ich war 20 Jahre Profi, heute kann ich nicht mehr laufen, mein Knie ist kaputt, auch mein Rücken.“ Tooooooor!

Winston Churchill machte sich auf seiner reichlich umnebelten Wolke sofort eine extragroße Havanna an und donnerte sich auf die Schenkel: „Hab ich zu Lebzeiten doch immer gesagt: Sport ist Mord, wollte mir keiner glauben!“

Nun könnte an dieser Stelle eigentlich der fundierte und seriöse Journalismus beginnen, fein recherchieren und eine Reihe unangenehmer Fragen stellen: Wird Sportinvalidität knallhart kalkulierend im Profisport in Kauf genommen und billigend toleriert? Sind die diversen Leistungszentren für Sport und sportlichen Nachwuchs, nicht nur im Fussball, Kaderschmieden für kaputte Knie, versenkelte Füsse und verkrachte Rücken? Wird hoch gespritzt und sonst wie medikamentös bemäntelt und gedopt, was andernfalls kaum zu leisten oder auszuhalten wäre? Ist Profisport ein einziger Angriff auf die Gesundheit der Teilnehmer bei gleichzeitigem Reibach diverser unsportlicher Kaufleute und Provisionshasardeure? Ist ein Spielergehalt eigentlich eine Art Schmerzensgeld und Vorschuss für die kommenden Jahre als angehender Krüppel und körperlicher Frührentner?

Ancelotti rennt ins Abseits, strauchelt und knallt lang hin: „ Man kann hart trainieren, muss aber dem Körper die Möglichkeit zur Erholung geben.“ Wurde da nicht der Hausmediziner von Vorgänger Pep Guardiola gefeuert, weil dieser die Stars des FC Bayern nicht schnell wieder für die Spiele der Gladiatoren „gesund“ schrieb?! Musste dieser Müller-Wohlfahrt nach verdienten Jahrzehnten beim Club nicht genau deshalb gehen?! Daran erinnern sich weder „kicker“ noch BILD. Warum auch, das wäre ja Journalismus….

 

 

 

 

http://www.bild.de/sport/fussball/carlo-ancelotti/sport-ist-nicht-gut-fuer-die-gesundheit-50025042.bild.html

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