Gedenktag mit Tücken

Foto: Wikipedia/ Von Andreas Trepte - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=737769

Von Thomas Böhm

Wenn ich die KZ-Gedenkstätte Buchenwald leiten würde, wäre es mir ein Anliegen, besonders diejenigen, die den Holocaust leugnen, die Ewiggestrigen, die Neonazis und all die anderen Antisemiten, die immer noch oder schon wieder in unserem Land herumkriechen mit einem kräftigen Tritt in den Hintern nach Buchenwald zu befördern, damit die Bilder des Grauens ihnen den Wahnsinn aus den Hirnen treiben können. Und zwar gerade dann, wenn eine Gedenkfeier stattfindet!

Nur Leute in die Gedenkstätte zu lassen, die sich sowieso der Schuld bewusst sind, wäre mir zu wenig. Von daher ist für mich die Reaktion der Mitarbeiter aus Buchenwald ein Rätsel. Die „Thüringer Allgemeine“ berichtet:

Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald hat dem umstrittenen Chef der Thüringer AfD-Landtagsfraktion, Björn Höcke, Hausverbot erteilt. Höcke wurde kurz vor 14 Uhr von der Polizei bei der Zufahrt zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus gestoppt. Mitarbeiter der Gedenkstätte händigten ihm das schriftliche Verbot aus…

Die Gedenkstätte begründete diese Maßnahme mit dem Stiftungszweck. Buchenwald sei ein Ort der Trauer und des Gedenkens, der durch Höckes Provokationen nicht gestört werden solle. Das Hausverbot war schriftlich vorbereitet worden. Erst ab 15.30 Uhr darf der AfD-Chef das Gelände wieder besuchen.

Mitarbeiter der Gedenkstätte waren an mehreren Zufahrten postiert. Polizeibeamte standen in Bereitschaft, falls Höcke dem Hausverbot nicht gefolgt wäre…

http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/KZ-Gedenkstaette-Buchenwald-Hoecke-kehrt-nach-Hausverbot-um-1368825214

Das ist zutiefst heuchlerisch, denn abgesehen davon, dass Herr Höcke vielleicht absichtlich oder unabsichtlich falsch verstanden wurde, wächst derweil in Deutschland eine Generation von Antisemiten heran, die mehr an die dunkle Vergangenheit Deutschlands „erinnern“ als jede Gedenkstätte.

Das belegt auch eine Meldung aus der „WAZ“:

Es ist ein wichtiger Gedenktag, der jedes Jahr am 27. Januar weltweit begangen wird. Es ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit.

Um an die Opfer des Holocausts zu erinnern, gibt es nun eine Aktion, an der sich auch das Weiterbildungskolleg Emscher-Lippe in Gelsenkirchen beteiligt. Dabei sollen Menschen weltweit Selfies machen, während sie ein Schild mit der Aufschrift „I Remember“ („Ich erinnere mich“) oder auch „We Remember“ („Wir erinnern uns“) in die Kamera halten…

Diese Aktion trifft auf dem Kolleg an der Middelicher Straße größtenteils auf Zustimmung, allerdings auch auf Kritik und Ablehnung.

Von 550 Studierenden haben 40 Prozent einen Migrationshintergrund. Viele Schüler kommen aus der Türkei, einige haben einen arabischen, der größte Teil einen muslimischen Hintergrund…

…Beispielsweise hätte an einer Tafel mal der Satz gestanden: „Fuck Israel, free Palestine“. Niemand wusste, wer ihn geschrieben hat…

…Kritik wird aber nicht nur anonym gezeigt, sondern im Umgang mit diesem Projekt auch sehr offen, sagt Beer. Als das Thema in den Klassen besprochen wurde, hätten einige muslimische Schüler offen gesagt, dass sie sich nicht an der Aktion beteiligen würden…

http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/muslimische-schueler-protestieren-gegen-holocaust-gedenk-aktion-auch-aus-angst-id209403921.html

Und gibt es irgendwelche Konsequenzen? Gibt es einen politischen Aufschrei? Natürlich nicht. Dabei gibt es wahrlich Schlimmeres als Höcke, wie die „Welt“ berichtet:

Die Zahl gemeldeter antisemitischer Vorfälle ist in Berlin nach Angaben der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 2015 sprunghaft angestiegen – um 34 Prozent. „Die genauere Datenerfassung zeigt das Ausmaß des alltäglichen Antisemitismus, dem Juden in Berlin ausgesetzt sind“, sagte Deidre Berger, Berlin-Direktorin des American Jewish Committee (AJC). Viele Juden fühlten sich angesichts steigender Übergriffe und antisemitischer Anfeindungen zunehmend unsicher. „Hinzu kommt Hasspropaganda auf Facebook, Twitter und in Leserkommentaren, denen man dauernd ausgesetzt ist“, so Berger…

https://www.welt.de/politik/deutschland/article153068965/Zahl-der-antisemitische-Vorfaelle-steigt-deutlich.html

Die Meldung im Focus spricht ebenfalls finstere Bände:

Nach dem brutalen Überfall auf einen Rabbiner in Berlin werden Warnungen vor zunehmenden Gewalttaten gegen Juden in Deutschland laut. „Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren – vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten“, sagte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, am Donnerstag. „Und leider sind es meist junge Migranten.“ Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Gideon Joffe, sieht ein Sicherheitsproblem für Juden in Teilen der Hauptstadt. „Ich würde heute einem Juden nicht empfehlen, in jedem Stadtteil Berlins mit einer Kippa herumzulaufen“, sagte er…

http://www.focus.de/politik/deutschland/angriff-auf-rabbiner-in-berlin-leider-muss-man-sich-heute-als-jude-unsichtbar-machen_aid_810215.html

Und das ist das wirklich Heuchlerische unserer „Gedenkträger“. Die toten Juden werden betrauert, die lebenden wirft man wieder den Antisemiten zum Fraß vor.

Foto: Wikipedia/ Von Andreas Trepte – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=737769

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