3 x Höcke, die Debatte geht weiter

Weil das „Höckedrama“ exemplarisch für vieles ist, was in der AfD gerade läuft, führen wir hier die Debatte weiter. Heute mit Beiträgen von Wolfgang Prabel, Burkhardt Brinkmann und Martin E. Renner

Die Suche nach der Metaphysik deutscher Bosheit

Von Wolfgang Prabel

Es ist mal wieder soweit: Die Medien und einige Linkspolitiker interpretieren einen Satz von Björn Höcke. Da die Redakteure sich immer wieder der Kindergartenpraxis der nicht begründeten Schuldzuweisung aus dem Ärmel heraus bedienen, und der Staatssicherheitskader Diether Dehm geklagt hat, wird über die Anschuldigungen gegen Höcke selbst und deren Beweiskraft nun ein Gericht entscheiden. Möge die blinde Justizia walten.

Zur Frage der Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz: Es ist für jeden Liberal-Konservativen eigentlich unehrenhaft, von der Spitzel- und Denunziantenpartei SPD (näheres bei Don Alfonso in der FAZ am 13.1.2017, weiteres bei Tichy und Achgut) nicht beobachtet oder denunziert zu werden. Die Beobachtung ist das Gütesiegel, daß man etwas taugt. Ohne dieses Siegel muß man eigentlich vor Scham im Boden versinken. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist in der thüringischen AfD immer geführt worden, es gibt einen Antisemitismusbeschluß und Neueintritte werden seit längerer Zeit diesbezüglich befragt. Wenn der Thüringer Verfassungsschutz in Aktion treten will, so sollte er lieber den Jenaer Bürgermeister von der SPD durchleuchten, der in der Bewegung des Antiisraelismus immer wieder aktiv war.

Der ausgebrochene Streit um das Holocaustdenkmal ist ein Anlaß den Schuldkult zu beleuchten. Es geht Höcke um das Holocaustdenkmal als solches, und nicht um den Holocaust. So kann man es aus vorhergehenden Reden erschließen. Es geht um den Kult und nicht um die Schuld.

Man stelle sich mal vor, in Ankara stünde ein Denkmal für die ums Leben gekommenen Arrmenier. Oder in Paris eins für die Ermordeten der Bartolomäusnacht, hilfsweise für das Massaker in der Vendee. Am Eingang zum Forum Romanum steht der Titusbogen mit der Darstellung römischer Soldaten, jüdischer Sklaven sowie der Beute aus dem Jerusalemer Tempel: Sehen kann man die goldene Menora, die Silbertrompeten und den Schaubrottisch. Statt des Titusbogens könnte in Rom eine Leistungsschau der italienischen Betonbauer mit Symbolkraft stehen. Nicht nur wegen des jüdischen Kriegs, sondern auch wegen der Vernichtung zahlreicher keltischer Stämme. Zum Beispiel der Belgier. In Moskau müßte ein Denkmal für das Massaker von Nowgorod von der eigenen Schande künden.

Diese in Beton gegossene Selbstbefragung ist jedoch woanders als in Berlin nicht durchsetzbar. In Paris schämt man sich fragwürdiger Kollateralschäden der Revolution überhaupt nicht. Der Tag des Sturms auf die Bastille wird jedes Jahr mit militärischem Pomp gefeiert. Über die Guillotine und die Vendee geht man großzügig hinweg. In Rußland feiert man Stalins Sieg trotz der einhergegangenen Demokratiedefizite, Genickschußanlagen und Konzentrationslager. Und aus London wird jedes Jahr „Trouping the Colour“ übertragen, obwohl die Hauptwaffen unserer englischen Freunde in den Kolonien nicht nur Messer und Gabel waren. In der Türkei ist die leiseste Selbstkritik einfach undenkbar.

Weil man von den Siegern der Geschichte Selbstkritik vernünftigerweise nicht verlangen kann (und mit Rücksicht auf den Weltfrieden auch nicht verlangen sollte) kann man mit der eigenen Geschichte auch unbefangener umgehen.

Früher habe ich aus außenpolitischen Rücksichten dafür plädiert, einige Tabus nicht in Frage zu stellen. Nachlesen kann man das in „Der Bausatz des Dritten Reiches“. Das bei Amazon verfügbare Ebook hatte ich 2004/2005 geschrieben. „Die ersten 50 Jahre nach 1945 gab es hinsichtlich der jüngeren Geschichte einige rote Linien, die nicht überschritten werden durften, und das war nicht immer schlecht so. Im neuen Jahrtausend werden diese historisch bedingten Tabus in einer gegenläufigen Tendenz in immer kleinere politische Reservate zurückgedrängt.“ Übrigens nicht von der AfD (die gab es damals noch garnicht), sondern insbesondere von Müntefering und Lafontaine („Lastttiere“, „Heuschrecken“, „Fremdarbeiter“…)

Das hatte ich 2005 aufgeschrieben. Jetzt haben wir 2017. Inzwischen ist der antiaufklärerische postfaktische Friedrich Nietzsche wieder zum Szenephilosophen der Linken geworden, auf Beweisbarkeit und Rationalität wird wie nach 1900 gepfiffen. Die Regierung übt über Public-Private Partnership (die im Bauwesen bekämpft wird) Medienzensur im Stil von Dr. Goebbels aus und regierungsnahe Schlägertrupps in der Tradition der SA stürmen teils mit Eisenstangen bewaffnet auf den Straßen und Plätzen. Das Grauen vor dem schaurigen Tabu gibt es nicht mehr. An seine Stelle ist Fuchteln mit der selbstgebogenen Moralkeule getreten.

1966 bis 1968 begann der schleichende ideologische Rückweg in die deutsche Vergangenheit: Im Gefolge der Studentenbewegung erfolgte die Wiederauferstehung der totgeglaubten Lebensreform.

Die Lebensreform, die zwischen 1890 und 1945 das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben geführt und bestimmt hatte, auf deren ideologischen Krücken die politisch Lahmen und Blinden in Deutschland jahrzehntelang gehumpelt waren, konnte durch das Wirtschaftswunder nicht auf Dauer einfach wegradiert oder in den Sumpf ewigen Vergessens abgesäuft werden. Alte Kader und junge Spontis ergriffen bei der ersten Gelegenheit, nämlich während einer ersten Abflachung der Wachstumskurve ab 1965, die Chance zum kulturellen roll back. Anders als im Kaiserreich und in der Weimarer Republik regte sich jedoch immer wieder auch ernst zu nehmender Widerstand gegen die Renaissance der Jugendbewegung und der Lebensreform. Die Lehre von der Erschaffung des Neuen Menschen blieb durch die Judenvernichtung, die Euthanasie, den verlorenen Weltkrieg und den Stacheldraht an der Zonengrenze diskreditiert. Viele kulturelle Erscheinungen der Jugendbewegung und Lebensreform wie zum Beispiel der Rassismus und der Antisemitismus konnten nur mit Mühe und Verfremdungseffekten wieder aufgegriffen werden, andere Erscheinungen wie Vegetarismus, Bodenkult, Naturschutz, antidemokratische Ressentiments und Expressionismus hatten es einfacher, weil neben Tätern und Mitläufern immer auch Verfolgte der NS-Periode vorgewiesen werden konnten. Emil Nolde war so ein Beispiel: Obwohl er Mitglied der NSDAP war, wurden seine Bilder als „entartete Kunst“ abgehängt. Noch heute hängt eine Nolde-Gedenktafel in Cospeda bei Jena. War eben der gute Nazi, weil er abstrakt gemalt hat.

Die Taktik derer, welche die belastete Lebensreform und den abgewirtschafteten Idealismus wiederbeleben wollten, war denkbar einfach: Erstens die Verfolgten des NS-Regimes würdigen. Zweitens die nationalsozialistischen Nachkriegswendehälse geißeln, drittens die Geschichte von hinten nach vorn neu schreiben: Beginn mit der bedingungslosen Kapitulation 1945 und Ende mit der Machtergreifung 1933. Es gab zwischen 1933 und 1945 viele Gegner und Opfer des nationalsozialistischen Schönheitsstaates, die Hitler vor 1933 auf die politischen Beine geholfen hatten.

Die Zeit vor 1933 wäre fast keimfrei gewesen, das Verhängnis begann in der Weltwirtschaftskrise als Reaktion auf die Arbeitslosigkeit. So wird es unseren Schülern im Geschichtsunterricht eingeimpft. Ich wäre fast tot umgefallen, als ich einen Blick in das Geschichtsbuch meines Jüngsten warf. Höcke muß es in seiner Geschichtslehrerausbildung übrigens auch so gelernt haben.

In der Realität gab es im Spätkaiserreich schon die „Deutsche Reformpartei“ mit der vollen Programmatik der späteren NSDAP und diese Partei schaffte es regelmäßig in den Reichstag. Der erste Weimarer Wahlbezirk, in dem ich heute wohne, entsandte 1907 auch einen dieser Abgeordneten. In einer Beamten-, Zeitungs- und Theaterstadt war das also schon Mainstream.

Wer denkt, daß die anderen Parteien des Spätkaiserreichs und der Weimarer Republik ein „antifaschistisches“ Programm hatten, der irrt. Mainstream ist eben Mainstream, auch damals war es so. Die Mischehendebatte des Deutschen Reichstags 1912 bewies das. Außer beim Zentrum war Rassismus salonfähig, auch in der SPD. Bitte die Rede von Georg Ledebour (SPD) nachlesen. Die „liberalen“ Parteien nach 1907 (Zäsur war der Tod von Eugen Richter, der neue Parteivorsitzende Naumann war Gründer des national-sozialen Vereins gewesen) waren alle nationalsozialistisch angehaucht, Die SPD verzehrte sich in Euthanasiedebatten, die USPD als Abspaltung der Parteiintellektuellen war hochinfektiös, die KPD wurde von Ernst Thälmann systematisch und absichtlich entjudet. Es gab in den Zwanzigern eine konkurrierende KPD (O) mit den rausgeschmissenen und rausgeekelten Juden. Aus der Deutschnationalen Volkspartei wurde im Laufe der Weimarer Republik eine „Bewegung“ geformt, an der Spitze ein Journalist (Hugenberg). Die linkselitäre „Weltbühne“ schoß aus allen Rohren auf das Zentrum und die SPD, aber so gut wie nie auf KPD und NSDAP. Mussolinis Faschismus wurde immer wieder gelobt. Ein Weltbühne-Probe von 1926: „Demokratie heißt: Herrschaft jeder empirischen Mehrheit; wer wollte bestreiten, daß die Mehrheit des italienischen Volkes seit langem treu hinter Mussolini steht? […] Mussolini, man sehe sich ihn an, ist kein Kaffer, kein Mucker, kein Sauertopf, wie die Prominenten der linksbürgerlichen und bürgerlich-sozialistischen Parteien Frankreichs und Deutschlands und anderer Länder des Kontinents es in der Mehrzahl der Fälle sind; er hat Kultur.“

Linke und rechte Elitaristen, natürlich voran die Schreiberlinge der „Weltbühne“, schmarotzten gleichermaßen an Nietzsche. Nietzsches Gedanken bildeten den Auftakt einer Geistesreformbewegung: Philosophie, religiöse „Erneuerung“, ethische Reform und neue Weltanschauungstheorien. Immer wieder kam er auf das Thema, die damals noch fast unerforschte Psychologie zur Herrin der übrigen Wissenschaften zu machen. Der Übermensch, die Gesundheit, Schönheit, der Elitegedanke, der Boden, die Natur, das Blut und vor allem der Krieg wurden vergötzt.

Die Genese der Lebensreform gleicht nicht nur einem Baum, wo aus einem Ideenstamm durch Verzweigung immer ausgefeiltere und differenziertere Ideen herauswuchsen,  da neben dem nietzscheanischen Hauptbaum noch andere Bäume wuchsen, wie der des Okkultismus und der des Darwinismus. Ein verwilderter Garten mit mehreren Bäumen, die faule Früchte trugen, kommt der Realität jener bunten Vielfalt schon näher, auch wenn man annimmt, daß Sprosse von verschiedenen Bäumen auf andere aufgepfropft wurden. Am Schluß der Reformgeschichte ist ein Flussgleichnis angemessener, wo viele Reformbäche in Flüsse und die großen Flüsse in den braunen Strom oder den roten Fluß mündeten. Ab 1904 ergossen sich beispielsweise Nebenarme des Marxismus und des Nietzscheanismus in den Strom des Leninismus, der Leninismus verband sich ein Jahrzehnt später mit dem traditionellen orthodoxen Etatismus zum Stalinismus. Der völkisch-ökologische, der vitalistisch-biologistische, der zünftig-korporative und der rassistisch-teutonische Waggon wurden in einem ideologischen Rangierbahnhof zum NS-Zug zusammengestellt, dessen Lokomotive mit Juden gefeuert wurde und dessen Räder auf den Schienen des Jugend- und Schönheitskults sowie des Biologismus rollten. Es bedurfte eklektizistischer Konstrukte, um zu heterodoxen Systemen zu kommen. Gerade durch den Antiempirismus, den Kult des Willens und des Gefühls wurden diese Auswüchse des Zeitgeistes erst ermöglicht.

Stanley Payne hat die lebensreformerische Kulturkrise des Fin de siècle, aus der Leninismus und Nationalsozialismus entsprangen, vorrangig in den Kernländern Mitteleuropas ausgemacht: in Deutschland, Österreich-Ungarn, Norditalien und Frankreich. Ergänzen muß man Rußland, wo Symbolismus, Brutalismus, Funktionalismus und Jugendstil durch die vielen Imigranten (wie z.B. Lenin und Trotzi) eindrangen. Der deutschsprachige Raum litt an Nietzsche und der Jugendbewegung; in Italien waren Gabriele d´Annuncio und die Futuristen aktiv, Frankreich litt spiegelbildlich am Antirationalismus und Vitalismus a la Bergson, der „violence“ eines Sorel, am Kult der Erde und des Todes (Barrès) und am Bonapartismus als frühe Führerphantasie.  Deutschland, die Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns und Italien entwickelten faschistische, nationalsozialistische und rechtsautoritäre Regierungssysteme, in Rußland kam es zur elitaristischen Einmannherrschaft nach Lenins bereits 1904 entwickelter Theorie der „Partei neuen Typus“. Wir lästerten vor 45 Jahren in der Schule ab: „Partei neuen Typhus“.

Es ist verkehrt, den deutschen Reformismus als etwas Einmaliges in Europa darzustellen. Der italienische Futurismus war keinen Deut besser als der deutsche Expressionismus und der deutsche Nationalsozialismus war aus demselben Holz geschnitzt, wie der russische Bolschewismus. Deutschland ein Patent für das Böse anzuhängen, ist metaphysisch und antiaufklärerisch, leider aber auch bequem. Weil sich zu wenige gegen diesen absurden Geschichtskitsch wehren.

Sowohl was die Parteigeschichte betrifft, wie auch die heutige Programmatik, sollten alle vor der eigenen Tür kehren. Wenn ich die Programme von SPD und NPD, Grünen und NPD und AfD und NPD übereinander lege, komme ich bei SPD und Grünen auf mehr Treffer, als bei der AfD. Insbesondere die Energie-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Der Schuldkult hat in Deutschland auch ein Asymmetrieproblem. Die Völker Ostdeutschlands, also Sachsen, Thüringer, Mecklenburger, Sorben, Franken und Brandenburger haben die „Schuld“ mehr als abgesessen. 28 Jahre hinter Stacheldraht und ohne die Möglichkeit von Verwandtenbesuch. Ich hatte keine Naziverwandschaft in der Familie und habe die Einsperrung nur als ungerechte Demütigung und Zurücksetzung empfunden. Und ich habe mehr als 10.000 Tage lang beschlossen, die Schmach auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen.

2005 hatte ich geschrieben, daß es nicht immer schlecht war, rote Linien nicht zu übertreten. Weil es nach dem Krieg der Beruhigung internationaler Konflikte und der Runterkühlung nationaler Leidenschaften unserer Nachbarn diente. Inzwischen wird der Schuldkult aber immer mehr zum innenpolitischen Machtmittel. Deshalb ist es an der Zeit, ihn nicht nur in Frage zu stellen, sondern aktiv zu bekämpfen.

http://www.prabelsblog.de/2017/01/die-suche-nach-der-metaphysik-deutscher-bosheit/

Björn Höcke ist kein Historiker

Von Burkhardt Brinkmann

Jenseits der Frage, wie weit rechts er in der deutschen ideologischen Landschaft steht (die ich hier ausführlich thematisiert habe), gibt es einen tieferen Grund, warum die Alternative für Deutschland (AfD) gut beraten ist, Björn Höcke NICHT zu folgen: Weil er nämlich kein Historiker ist.

Damit meine ich nicht so sehr, dass er noch nicht einmal dort den historischen Fakten folgt, wo er leider in einer geistigen Dauerschleife hängt: Der Nazizeit und den damaligen Umständen.

Hier hat ein Moritz Hoffmann „mal versucht, nur einen Absatz der #Höcke-Rede von gestern zu korrigieren“ und als „kleine Geschichts-Nachhilfe für den Lehrer“ einige von Björn Höcke falsch dargestellte Fakten über die Bombardierung Dresdens richtig zu stellen (wobei man in einigen Fällen auch über Hoffmanns Sichtweise streiten kann).

Noch weniger meine ich, dass Höcke im rein technischen Sinne kein „Historiker“ sei: Natürlich hat er ein abgeschlossenes universitäres Geschichtsstudium absolviert.

Aber wenn man seine Rede in Dresden vor der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternativeanhört der liest, dann wird man feststellen, dass „Geschichte“ für ihn das ist, was es für die Jugendbücher (bzw. Jungenbücher) des 19. Jahrhunderts war: Die ‚Taten großer Männer‘ bzw. großer Geister. (Wobei es dahingestellt bleiben kann, ob auch Frauen einbezogen sind: Darum geht es hier nicht.)

Das ist eine hoffnungslos antiquierte Geschichtsauffassung, die schon damals obsolet war. Gerade im 19. Jh. entfalteten sich die historischen Wissenschaften, und Deutschland war darin zu jener Zeit vielleicht sogar führend.

Geschichte ist ein Entwicklungsstrom, und das kann man vielleicht am besten bei einem Geschichtsphilosophen lernen, der mir persönlich sehr viel bedeutet (auch wenn ich seine Lehren nicht sklavisch übernehme) – und den, paradoxerweise, wahrscheinlich auch Höcke sehr positiv bewertet: Oswald Spengler (hier sein Grab auf dem Münchener Nordfriedhof; gestorben ist er übrigens ausgerechnet am 8. Mai, 9 Jahre vor dem Tag der deutschen Kapitulation).

Geschichte ist dynamisch; sie wandert wie Magmaströme unterirdisch weiter und bricht dann mit vulkanischen Energien dort durch, wo sie die historische Zwangsläufigkeit (wie auch immer die bestimmt sein mag) explodieren lässt.
Das Athen der Antike hat Großartiges geleistet, aber dann wanderte das „Magma“ weiter nach Rom, Konstantinopel, Alexandria, Bagdad, Florenz, Paris, Wittenberg, Weimar usw.

Höcke glaubt (karikierend gesprochen) offenbar, wenn wir uns heute die Büsten von Deutschlands großen Geistern auf den Schreibtisch stellen, dann inspirieren die auch uns zu neuen großen Taten.
Tatsächlich würde das genaue Gegenteil eintreten: Eine Kultur, die ihre Geistesgeschichte monumentalisierend musealisiert, ist schon mausetot: Sie weiß es nur noch nicht.

Wir können versuchen, Bedingungen für kulturelle Entfaltung zu schaffen; aber die üppig subventionierte deutsche Theaterlandschaft schafft aus sich selbst heraus keine Komponisten, Musiker, Schriftsteller usw.
Und die Künstlersozialkasse beschert uns keinen neuen Dürer, Caspar David Friedrich, Max Liebermann, Emil Nolde usw.
Ja, wir haben noch einige zeitgenössische Künstler mit „Weltniveau“: Gerhard Richter z. B. Aber der ist nicht dadurch ein großer Maler geworden, dass er sein Nachtgebet abends vor einer Menzel-Statue verrichtet hätte. 😉

Gute Ausbildung ist eine Voraussetzung, für die der Staat sorgen kann. (Obwohl, historisch gesehen, die künstlerische Avantgarde eher nicht aus den Akademien kam. Heute mögen die freilich innovationsfreundlicher aufgestellt sein.)
Selbstverständlich müssen wir auch die historische Erinnerung wachhalten, wie das z. B. die Kunstgeschichte tut. Es mag ja auch sein, dass man als Maler oder Musiker auch heute noch von den Alten (wahrscheinlich eher indirekt, vielleicht sogar in der kritischen Auseinandersetzung) etwas lernen kann.

Aber grundsätzlich muss unsere Kultur GEGENWARTS- und vor allen Dingen ZUKUNFTSorientiert sein. Dafür müssen wir z. B. das Abdriften unserer „Wissensgesellschaft in eine Glaubensgemeinschaft“ verhindern; wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass man „ein komplexes System [nicht] auf ein vorgegebenes Ziel … lenken oder wünschenswerte konkret beschriebene Verhältnisse herbeiführen“ kann. (Aber freilich ebenso, dass dieser Satz keine absolute Gültigkeit beanspruchen kann, sondern dass die Steuerungsfähigkeit auch vom jeweiligen technologischen Niveau abhängt.)
Romantisierende Vorstellungen von Geschichte bewirken eher, dass wir uns noch schneller feige das eigene Grab“ graben, als das nach der Geschichtsvorstellung von Oswald Spengler ohnehin passieren wird (aber vielleicht ja doch abwendbar ist? 🙂 ).

Auch wenn er selber eher ein (genialischer) Träumer war, hat Oswald Spengler doch Recht damit, dass wir nüchterne Realisten brauchen, Tatmenschen bzw. „Tatsachenmenschen„, die sich nicht in eine glorreiche Vergangenheit zurückträumen, sondern an einer großartigen Zukunft bauen. Dafür muss man den eigenen Platz, individuell wie als Gesellschaft, finden. Und natürlich die anderen Länder als gleichberechtigte Partner respektieren, nach dem Motto „I’m OK – You’re OK„.

Deutschland war mal, mehr oder weniger, eine Weltmacht.
Deutschland ist heute schon noch ein wenig mehr als nur ein Fliegenschiss auf dem Globus. Aber eben KEIN Gravitätszentrum mehr im Fortgang der abendländischen Geschichte und der Weltgeschichte.
Die Zeiten sind vorüber, die Zeiten sind vorbei:
Wo einst Sudeten gestanden, steht heute die Tschechei*. 🙂
Zum Beispiel.
*[Korrekt natürlich „Tschechien"; aber Reim musste sein. 😉 ]

Versuchen wir also, in unserem verbliebenen Raum unseren kleinen und bescheidenen Part in Europa (hier schon etwas größer) wie im Konzert der Weltmächte (eher klein) REALISTISCH zu spielen – soweit wir in diesem Machtgefüge überhaupt einen eigenen Spielraum haben.
Let’s make the best of it, muss das Motto sein, und nicht: Träumen wir uns zurück in vergangene Glorie. Das sind „Tempi passati“ – wie im ruhmreichen Rom, also auch in unserem Deutschland.

Franzosen und Russen gehört das Land. Das Meer gehört den Briten. Wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten“ hat Heinrich Heine gesagt.
Es wird Zeit, dass wir aufwachen und uns endlich in der Wirklichkeit einrichten.
Tun wir das nicht, baseln wir noch einmal mit der Nase in der Luft über die Erde, dann kann es uns passieren, dass wir zum 3. Mal in die Sch’e stolpern.
Muss nicht sein.

https://beltwild.blogspot.de/2017/01/bjorn-hocke-ist-kein-historiker.html

Catch as catch can.
Oder: Jeder gegen Jeden.

Von Martin E. Renner

Lieber Gott, sei so freundlich und wirf ein paar Eimer Verstand auf uns herab…

Dieser Artikel soll witzig anfangen und hat doch überhaupt nichts Witziges zur Grundlage. Im Gegenteil, es geht um die Causa Höcke und den innerparteilichen und öffentlichen Umgang mit (s)einer Rede. Es geht um die Aus- und Abgrenzung von Personen, um Macht- und Positionsgeschachere, um Rechthaberei, um Personelles und Charakterliches, um „Actio und Reactio“. Also um das ganze Spektrum menschlicher und politischer Niederungen und Felder.

Zunächst zur Rede.

Ohne, dass ich mich im Detail verlieren möchte. Das Thema „Denkmal der Schande und die Verbrechen des Naziregimes“ ist selbstverständlich ein relevantes Thema in der allgemeinen politischen Diskussion und in der innerparteilichen Debatte. Ja, nicht nur erlaubt, sondern heute und auch zukünftig geboten. Deshalb ist dieses Thema ja auch im AfD-Grundsatzprogramm von Stuttgart abgehandelt und entschieden worden (Grundsatzprogramm Kapitel 7.4. Seite 33).

Sicherlich wäre es höchst wünschenswert, wenn diejenigen, die dieses Thema in Reden behandeln (und ich behandele dieses Thema bei vielen Vortragseinladungen) dann auch auf rhetorische Inszenierung und Intonation achten würden. Sorge trügen, dass der Vortrag schon rein äußerlich, sprachlich und stilistisch nicht an Vortragsreden der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnere.

Dann zum Hintergründigen.

Doch das ist das Äußerliche. Die Verbrechen des deutschen Naziregimes und der Umgang mit diesen sind wesentliche Elemente unseres heutigen deutschen Geschichts-, Gesellschafts- und Politikverständnisses. Es hat sich zu Recht eine positiv wirkende Erinnerungs- und Verantwortungskultur in unserer Gesellschaft entwickelt.

Allerdings gibt es hier zu Lande sehr erfolgreich wirkende politische Kräfte, vornehmlich linke Ideologen und Schüler der „Frankfurter Schule“, die, kulturmarxistisch basiert und motiviert, gesellschaftsverändernd agieren wollten und wollen.

Diese linken Agitatoren, denen es nicht zuletzt um die Auslöschung der christlichen Basierung der Fundamente unserer Kultur und unserer nationalen Identität geht, instrumentalisieren in fast allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens die 12-jährige Schande unserer Geschichte. Sie – durchaus einflussreiche Zeitgenossen in Öffentlichkeit, Parteien, Medien und Organisationen – wollen erreichen, dass wir uns nachgeborenen Deutsche ausschließlich als Erben dieser schändlichsten Phase unserer Geschichte verstehen. Sie wollen uns den Zugang zu den vielen „lichteren und helleren Momenten“ unserer Geschichte als Kulturnation verstellen. Sie wollen uns den Zugang zu unserem „Eigenen“ versperren.

Vielleicht auch deshalb, damit man das „Eigene“ nicht mehr erkennt, es vielleicht sogar abstoßen und nicht mehr durchdringen will und damit offener und aufnahmebereiter für das „(islamisch) Fremde“ werden soll.

Ein Phänomen, welches man durchaus als geplante und straff organisierte Etablierung eines „Schuldkultes“ bezeichnen kann. Doch ganz im Sinne der Siegermächte, die nach 1945 das Konzept der „Re-Education“ für die Besiegten in Deutschland realisierten.

Dazu Archibald McLeesh, der damalige Staatssekretär des US-amerikanischen Außenministeriums auf der Potsdam-Konferenz im O-Ton: „ Wir werden die gesamte deutsche Tradition auslöschen. Es ist das Ziel der Umerziehung, den Charakter und die Mentalität der deutschen Nation zu verändern, so dass Deutschland schließlich ein Leben ohne Überwachung gestattet werden könnte. … Wir werden einen Prozess in Gang setzen, an dessen Ende die deutsche „Self-Reeducation“ stehen müsse, die man auch Charakterwäsche nennen könnte.“ Vonnöten sei es auch, dass die Deutschen ihre Schuld anerkennen und sich öffentlich immer wieder zu ihrer Schuld bekennen.

Die 68-er Apologeten der Frankfurter Schule trieben diese Entfremdung der Deutschen vor ihren Wurzeln allerdings ein ganzes Stück weiter. Sie initiierten den erbitterten Konflikt der jüngeren Generation gegen die Elterngeneration, auch und nicht zuletzt durch die zielorientierte Inszenierung dieser Schuld. Die Väter und Mütter sollten als kollektiv Schuldige belangt und dadurch die Generationenkontinuität gebrochen werden. Alles mit dem Ziel, die Formung einer neuen Gesellschaft mit „neuen“ Menschen – einer sozialistischen Gesellschaft, versteht sich – zu ermöglichen.

Zu einer echten „kommunistischen“ Diktatur in Deutschland ist es letztlich nicht gekommen, obwohl die 68-er doch recht erfolgreich in ihrem „Marsch durch die Institutionen“ gewesen sind. Sozialistische Verwüstungen in allen Bereichen unseres „demokratischen und freiheitlichen“ Staatswesens umgeben uns.

Vieles von dem, was eine bürgerliche, freiheitliche, konservative und auch patriotisch gestimmte Gesellschaft ausmacht, ist durch diese links-kollektivistisch-internationalistisch denkenden und handelnden Agitatoren zerstört und wird weiter zerstört werden – bis wir stark genug sind, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Jetzt zum Wesentlichen.

Die AfD erkennt das oben Geschilderte als eines der Grundlagen ihres politischen Auftrages zur Veränderung unseres gesellschaftlichen Raumes. Und genau deshalb waren diese Passagen in der Rede inhaltlich richtig und notwendig und keinesfalls zur Unzeit, weil es den „richtigen“ Zeitpunkt für derartige Betrachtungen und Erläuterungen gar nicht geben kann. Niemals geben wird. Unsere Betrachtungen und Anschauungen werden immer im Gegensatz zu den Meinungsmonopolisten stehen. Und immer werden die Wächter der Political Correctness unsere Meinungen und Anschauungen in diesen „sensiblen“ Themenfeldern als außerhalb des uns zugestandenen Diskursraumes lokalisieren wollen.

Die Presse hat schnell und heftig reagiert und einen Sturm der Entrüstung provoziert. Dieser Sturm ebbte aber doch recht schnell ab und erwies sich als vergleichbar laues Lüftchen. Die Widerstandskraft scheint abzunehmen, da die Grundgewissheiten und Selbstindoktrinationen – auch der Medien – zunehmend ins Wanken geraten.

Die Reaktionen danach.

Einige unserer politisch Verantwortlichen haben sich durch unnötig lärmendes Distanzieren hervorgetan.

Aus Versehen oder mit Absicht?

Sie sind damit den politisch Hochmögenden und dem Establishment servil zur Seite gestanden. Sie haben diesen damit einen wertvollen Dienst erwiesen. Gaben sie doch dadurch Zeugnis, dass es so etwas wie „unbetretbare Felder“ auch im rationalen und eben nicht nur im moralisierenden politischen Diskurs geben kann.

Sollte es mit den Überzeugungen, dass die Alternative auch, wenn nicht sogar zuvörderst, „antithetische“ und „systemkritische“ Positionen zur Geltung bringen will, gar nicht so weit her sein? Hatten wir das nicht schon einmal, ein solches Problem? Welches dann in Essen glücklich und erfolgreich behoben wurde.

Oder war einfach nur die Gelegenheit so günstig, einmal auszutesten, wo man machtstrategisch im Wettbewerb der Personen steht? Doch ganz sicher ist, und das sage ich als jemand, der eher „Alle mitnehmen“ will und als jemand, der eher keinem am Rand befindlichen „Lager“ angehört. Diese Machtprobe hat Schaden hervorgerufen. An der Partei, an Personen und bei den Mitgliedern. Sie hat das Establishment gestärkt, weil dieses nunmehr genau gesehen hat, welche Diffamierungskarten sie zukünftig auszuspielen hat, um Unfrieden zu befeuern und potentielle Wählerschichten zu verunsichern.

Normalerweise denke ich nicht in Prozenten, die an Wahltagen zu gewinnen sind, sondern beschäftige mich eher mit politischen Analysen und metapolitischen Szenarien. Aber diese leichtfertig ausgelösten Querelen, die sich ja mithilfe verschiedener Aktionen hier in NRW weiter in unsere Parteigemeinschaft fressen wollen, werden nicht ohne Auswirkungen bleiben. Denn, interne Parteienstreitigkeiten können Wähler so gut leiden, wie – und das drücke ich jetzt einmal bewusst burschikos aus – einen Furunkel am Hintern.

Möglicherweise werden die weiter hinten platzierten Listenkandidaten in NRW, die genauso hart arbeiten müssen und werden, wie die weiter vorne platzierten Kollegen, dieses inszenierte Machtprobenkalkül dann bitter und teuer bezahlen.

Foto: Collage

 

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