Toprak kritisiert DITIB als Mittel der Einflussnahme Erdogans in Deutschland

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Von SWR2

Baden-Baden: Ali Ertan Toprak, der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland ist nicht überrascht, dass Imame des größten deutschen Islamverbandes, DITIB, mutmaßliche Anhänger der Gülenbewegung der türkischen Regierung gemeldet haben. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion hat die Bespitzelungen jetzt eingeräumt und als Panne entschuldigt. Präsident Erdogan macht die Bewegung des Predigers Gülen für den Putschversuch im Juli vergangenen Jahres verantwortlich.
DITIB ist nach Ansicht Topraks von Ankara instrumentalisiert. Toprak sagte im SWR-Tagesgespräch, wer mit DITIB zusammenarbeite, wie es Landesregierungen in Fragen des islamischen Schulunterrichts tun, der lege die Zukunft der deutschen Muslime in die Hände des türkischen Präsidenten Erdogan. Der türkische Islam werde immer nationalistischer und islamistischer. Toprak warnt in diesem Zusammenhang vor Folgen für das Zusammenleben in Deutschland. Es entstünden Gegengesellschaften, die aktiv und aggressiv gegen westliche Werte vorgingen. Ihn erschrecke die Hilflosigkeit deutscher Politiker, bekannte Toprak im SWR.

Wortlaut des Live-Gesprächs:

Rudolph: Ist der Umbau der Türkei eigentlich noch zu stoppen?

Toprak: Leider nicht, während unsere Bundesregierung das Türkei-EU-Abkommen feiert, schafft Erdogan endgültig die parlamentarische Demokratie ab und ein friedlicher Übergang scheint mit einer politischen Alternative momentan ausgeschlossen, leider.

Rudolph: Wie schwer ist es da eigentlich für Sie als CDU-Mitglied, zu ertragen, dass eben Ihre Partei, Frau Merkel, die EU, dass die weiter in der Flüchtlingspolitik an Erdogan als Partner festhalten?

Toprak: Ja, leider hat der Westen und vor allem die EU und Deutschland mit ihrer Appeasementpolitik vor allem 2015 nach den Wahlen in der Türkei diese Entwicklung in der Türkei verstärkt mit unterstützt, so dass Erdogan die Demokratie schneller abwickeln konnte. Ich habe auch von Anfang an diese Politik der EU und auch unserer Bundesregierung kritisiert.

Rudolph: Jetzt erklären Sie mir aber, warum es in der Türkei scheinbar so wenig Widerstand und Widerspruch gibt, so wenig Rebellion gegen Erdogans Kurs?

Toprak: Wir haben einfach lange zugeschaut und die demokratischen Kräfte in der Türkei leider allein gelassen. Mittlerweile sitzen ja die Oppositionspolitiker in Haft und die ganze Türkei ist gleichgeschaltet. Die Justiz, die Medien, der ganze Staatsapparat ist gleichgeschaltet und wir haben einfach viel zu lange zugeschaut, haben eine Appeasementpolitik betrieben und die Opposition leider allein gelassen. Die Opposition ist jetzt hinter Schloss und Riegel, deswegen traut sich niemand mehr, sich zu erheben.

Rudolph: Sie haben auch immer wieder vor Erdogans langen Arm gewarnt, der weit nach Deutschland hinein reiche. In der Kritik steht da schon immer DITIB, die Türkisch Islamische Union, der Anstalt für Religion als Mittel der Einflussnahme. Der größte deutsche Islamverband hat jetzt zugegeben, dass Imame der türkischen Regierung mutmaßliche Anhänger der Gülenbewegung genannt haben, die verpfiffen haben. Erdogan macht ja die Gülenbewegung für den gescheiterten Putsch verantwortlich. DITIB selbst erklärt nun, die Bespitzelungen seien eine Panne – kann es das sein, ein Versehen?

Toprak: Natürlich nicht, die DITIB versucht immer, alle Beispiele der Instrumentalisierung aus der Türkei immer als Einzelfälle darzulegen. Aber wir müssen wissen, wer mit DITIB zusammenarbeitet, legt die Zukunft der deutschen Moslems in die Hände von Erdogan. Die Moslems müssen sich religiös unabhängig von ihren Herkunftsländern organisieren und Deutschland hat leider in den letzten zehn Jahren sich nur auf die Zusammenarbeit vor allen Dingen mit DITIB konzentriert und hat es vernachlässigt, dass hier unabhängige moslemische Gemeinden entstehen und dafür müssen wir jetzt leider einen hohen Preis zahlen. Die Islampolitik, die Religionspolitik bestimmt zurzeit Erdogan leider.

Rudolph: Was halten Sie in diesem Zusammenhang denn davon, dass die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen an der Zusammenarbeit mit DITIB festhalten will?

Toprak: Ich finde das eine Katastrophe, dass man trotz der aktuellen Lage auch in der Türkei immer noch nicht wahr haben will, in was für einem Zustand sich die Türkei befindet und dass die DITIB ja auch als Auslandsorganisation von Erdogan auch für seine Außenpolitik, für seine Zwecke instrumentalisiert wird. Der türkische Islam wird immer islamistischer und nationalistischer. Das wird auch Folgen für das Zusammenleben hier haben, das ist nämlich die Basis für die Gegengesellschaften, die jetzt entstanden sind in Deutschland. Ich rede nicht mehr von Parallelgesellschaften, sondern von Gegengesellschaften, das heißt, aktive und aggressive Vorgehensweise, Agitation von moslemischen Gemeinden, die gegen unsere Werte hier agieren und das muss doch jeden Politiker endgültig aufschrecken. Ich bin erschrocken über die Hilflosigkeit der deutschen Politik in diesem Bereich.

Rudolph: Wenn wir über Stimmungen reden, lassen Sie uns auch darüber reden, wie sich möglicherweise die Stimmung in der moslemischen Community geändert hat, seit dem Berliner Anschlag. Der Islam-Rat beklagt da eine Feindseligkeit, die spürbar angewachsen sei. Wie erleben Sie das?

Toprak: Ja, aber diese Feindseligkeit ist doch keine Einbahnstraße. Ich habe ja gerade gesagt, dass der Islam hier in den Communities immer islamistischer und nationalistischer wird. Die größte Gruppe sind die türkischen Moslems und die Entwicklungen, wie gesagt, in der Türkei beeinflussen auch die türkisch-moslemische Community hier. Das führt dazu, dass alle politischen Entwicklungen in der Türkei auch sich hier widerspiegeln und die Stimmung ist sehr angeheizt. Es gibt keinen demokratischen Diskurs mehr. Die Stimmung ist angegiftet und die Moslems, die zum größten Teil auch Anhänger von Erdogan sind, sie denunzieren alle Nachbarn, Arbeitskollegen, die Erdogan kritisieren, die diese Entwicklung in der Türkei kritisieren. Das vergiftet natürlich das Zusammenleben hier.

Foto: Wikipedia/ Von Shoshone – Selbst fotografiert, Bild-frei, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=9043446

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