Psychoanalyse ist Hokuspokus

Von Wolfgang Prabel

„Warum Sie mit psychopathologisch gestörten grün-linken Gutmenschen nicht diskutieren sollten“. Unter dieser Überschrift erschien bei Tichy kürzlich ein spitzer Eintrag von Jürgen Fritz, der für einige Irritationen sorgte. Zeit, um etwas Öl auf den aufgewühlten Ozean der Gefühle zu schütten, damit sich die Wogen wieder glätten.

Fritz beschrieb die Gutmenschen mit Diagnosebegriffen eines Irrenarztes:

„Sie können Differenzierungen und Bewertungen von Menschen, die immer auch mit Negationen einhergehen, auch solche rein sachlicher Art, innerlich nicht ertragen, weil sie rein gefühlsgesteuert agieren und ihnen die Vorstellung, dass Menschen unterschiedlich, auch für die Gesellschaft unterschiedlich wertvoll, ja, viele sogar schädlich sind, unangenehme Gefühle bereitet und dies für sie der höchste und im Grunde einzige Maßstab ist, wie sich etwas anfühlt. Ganz wie beim Tier oder beim Kleinkind.

Grün-linke Gutmenschen meinen, wenn sie die Vorstellung unterschiedlicher Bewertungen, damit auch der Wertigkeit, mithin das Negieren von etwas zulassen, dass dann das Negative in sie hinein käme und da dies ihr Harmoniebedürfnis und ihr Bedürfnis mit allem verbunden, mit allem eins zu sein (Verschmelzungssehnsucht) und das eigene Ich aufzulösen, konterkariert, lehnen sie dies ab, was natürlich wiederum eine Negation darstellt, die ihnen aber nicht bewusst wird, da sie nicht denken, sondern primär fühlen.“

Es macht zwar Freude zu lesen, daß unsere Feinde krank sind, einige Argumente sprechen trotzdem gegen die Pathologisierung der Grünlinge. Zum einen ist die Psychoanalyse als „Wissenschaft“ ein verlottertes Kind der lebensreformerischen Jugendbewegung, wie die Grünen es selbst ja auch sind. Der Erfinder dieser Irrlehre war Sigmund Freud, der den Menschen so darstellte und beschrieb, daß er nicht Herr im eigenen Haus des Körpers sei, sondern seine Seele von bösen ödipalen Geistern in den Schläuchen des Körpers umhergetrieben würde. An 80 % der Psyche käme man garnicht heran, so tief läge sie im Dunkeln. Ein gerissener und geschickter Geschäftsmann, der auf seiner Couch wohlhabende PsychpathInnen an der Nase herumführte. Ein König der Traumdeuter. Freud ist ohne die gefühlsdusselige und wissenschaftsfeindliche Lebensreform seiner Zeit so wenig zu verstehen, wie die erste ökologische Welle um 1900 insgesamt. Denn Irrationalismus, also Ablehnung von Vernunft und grüne Ideologie waren von Anbeginn eineiige Zwillinge.

Reformkleider, biologische Anbauweisen, Ausdruckstanz, Kneippsandalen, Freidenkerei, Nacktkultur, Kraftkunstinstitute, Esoterik, Judenvertilgung, Vegetarismus, Euthanasie, Abstinenz, Reformhäuser, Menschenzucht, Lichttherapien, Simonbrot, Okkultismus, Blut- und Bodenkult, Natur- und Tierschutz, Germanenschwärmerei und die Nachrichten vom „Berg der Wahrheit“ sollten die Gebrechen der Gesellschaft nicht lindern, sondern heilen. Sicher, einige vernünftige Ideen waren auch dabei, der Reformismus endete jedoch expressionistisch als Exzeß in München-Schwabing: 1904 als „Was-tun-Leninismus“ und 1920 als 25-Punkte-Nationalsozialismus.

Achim Preiss stellte die Lebensreform in seinem Heft „Abschied von der Kunst des 20. Jahrhunderts“ zutreffend so dar:

„Als das geeignete Instrument zur Fortschrittsbeherrschung oder -unterwerfung erschienen Religionssysteme. Es gründeten sich zu diesem Zweck meist jugendoptimistische Vereinigungen, Bünde, Sekten, die alle an dem Entwurf einer neuen, nichtchaotischen Lebenskultur arbeiteten und die ein gemeinsames Feindbild hatten – den nur von Kommerz und Hochtechnologie angetriebenen Fortschritt. Die praktizierten Formen der neuen Lebenskultur zielten darauf, das Gefühl in die Lage zu bringen, den Verstand zu kontrollieren, die Vorherrschaft des Verstandes zu brechen, um damit die Vormacht der Technik zu beenden. (…) Um die große Popularität zu erreichen, entwickelte die Kultur- und Lebensreform unter Ausnutzung der frühen psychologischen Forschungsergebnisse eine auf Empfindungen, Nachempfindungen ausgerichtete Vermittlung. (…) So wurden nicht nur die zentralen Ideen des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Bedeutung und die Beweiskraft der Geschichte, der Entwicklung entmachtet.“

Kommt uns diese Analyse nicht auch wie eine schlüssige Erklärung unserer eigenen postfaktischen Zeit vor? Gelten für Merkel, Roth, Göring-Eckardt und Künast nicht auch nur noch gefühlteste Gefühle statt Argumente und Fakten?  Leben wir nicht in einer Periode des gestorbenen Rationalismus, ignorierter Tatsachen und der offensichtlichen Quacksalberei eines Schellnhubers?

Und sollte man die Verirrungen der lebensreformerischen Grünen wirklich mit psychoanalytischen Werkzeugen durchleuchten, welche die Lebensreform letztlich selbst geschaffen hat? Systematische Erkenntnis läßt sich so schwerlich erzielen. Der Forschungsgegenstand und die Methodik einer Analyse sollten grundsätzlich nichts oder möglichst wenig miteinander zu tun haben.

Nicht nur methodisch, auch praktisch gibt es Bedenken gegen eine Pathologisierung politischer Eselei. Wenn man die Zerfallsprodukte des Nationalsozialismus und des Stalinismus untersucht, stellt man fest, daß Körperschaften, die nach außen jahrzehntelang völlig fanatisiert und monolithisch wirkten, innerhalb von Tagen fast rückstandslos in ihre Spaltprodukte, in die einzelnen Teilnehmer dieser ideologischen Ausflüge zerfallen sind.

Meine Mutter sah im Mai 1945 in Berlin „Alte Kameraden“ der Nationalsozialisten mit der roten Armbinde rumrennen, kaum daß die Rote Armee eingerückt war. Aktuell berichtete die WELT über den Landtag in Schleswig-Holstein:„Die erste Auszählung ergab, wenig erstaunlich, dass 115 der untersuchten Abgeordneten Mitglieder der NSDAP gewesen waren. Zwischen 1950 und 1971 stellten die so Belasteten annähernd oder sogar mehr als die Hälfte aller Landesparlamentarier.“ Die meisten Nationalsozialisten waren nicht krank, sie stemmten notgedrungen den Wiederaufbau.

Ich selbst habe 1989 wie elektrisiert zugesehen, als 2,3 Millionen Stalinisten binnen zweier Monate auf 0,3 Millionen zusammenschnurrten. In fast jedem Aschenkübel lagen weggeworfene Parteibücher. 80 % der vermeintlichen Fanatiker stellten sich im Nachhinein als Karrieristen, Opportunisten und gekaufte Kreaturen heraus. Wenige Hunderttausende gingen zu Hause in die innere Emigration oder machten in der PDS weiter. Die erprobten Praktiker der Macht tauchten in Ministerien, Vereinen, Körperschaften, in Kreis- und Stadtverwaltungen wieder auf, um das Hohelied der Demokratie zu singen.

Nach 1945 und nach 1989 konnte man mit den meisten Anhängern der Jugendbewegung also irgendwie ins Gespräch kommen. Die Verbohrtheit und Verstocktheit konnte man ihnen fix austreiben, indem man ihnen die gewohnte materielle Existenzgrundlage entzog und neue Angebote machte.

Ein einziger Genosse machte mir nach dem Zusammenbruch des Stalinismus wirklich Sorgen. Es war ein Professor der sozialistischen Betriebswirtschaft, der auf einem großen Platz wochenlang verwirrt und desorientiert herumlief, während er irgendwas vor sich hin murmelte. Der einzige wirklich ernste Verdachtsfall für eine seelische Verstimmung.

Warum soll das mit den derzeitigen Gutmenschen anders sein? Ich bin sicher: Wenn man ihnen die Fördergelder und GEZ-Gebühren aus der Hand schlägt, normalisieren sich 80 % sofort und suchen sich einen neuen Wirkungskreis. Geschätzt 20 % werden frustriert vor sich hinbocken, wie früher einige Erznazis und Erzstalinisten. Einmal sah ich in Berlin einen Antifanten, der am Rande einer AfD-Demo schrecklich wütete und rumschrie. Die Adern und die Augen waren rausgetreten und ich dachte: Gleich fällt er vor Empörung tot um. Er glaubte wahrscheinlich echt an den Schwachsinn, den die Journalisten ihm erzählt hatten. Aber so ein „ehrlicher“ und „überzeugter“ Fanatismus, der unter Mißachtung der eigenen Gesundheit an die körperlichen Grenzen geht, ist relativ selten.

Die stark wechselnden Wahlergebnisse sprechen ihre eigene Sprache. 1990 flogen die Grünen aus dem Bundestag, 2016 aus dem Landtag von Meck-Pomm. Es gibt kein Naturgesetz, daß Anhänger der Grünen sich massenhaft auf Dauer vom rechten Weg abbringen lassen. Weil sie eben nicht krank sind. Einer meiner ersten Internetfreunde ist so ein Abtrünniger:

Die Gutmenschen sind nicht krank, sondern sie machen nur genau das, wofür Frau Dr. Merkel, Frau Hendricks, Frau Schwesig und Herr Maas sie bezahlen. Man sollte das Gespräch mit ihnen suchen und/oder sie als käufliche Söldner des Zeitgeistes verhöhnen. Es sind in der Masse wirklich keine Kranken, sondern vom Staat künstlich geschaffene Kreaturen. In der Materialwissenschaft würde man sagen: Ihre Verformung ist reversibel.

Psychoanalyse ist lebensreformerischer Hokuspokus. Wer sie benutzt, macht sich angreifbar. Das hat die letzte Woche gezeigt. Tichys Einblick ist ein Debattenblog. Da müssen auch „Freudsche Versprecher“ erlaubt sein. Insofern war es etwas feige den Eintrag zu löschen. Richtig wäre es gewesen, Gegenpositionen einzustellen.

Mehr zum Thema Lebensreform, Psychoanalyse, Leninismus und Nationalsozialismus in „Der Bausatz des Dritten Reiches“.

http://www.prabelsblog.de/2017/01/psychoanalyse-ist-hokuspokus/

Foto: Wikipedia/ Von – – Photo prise sur un paneau indicatif en face de l’amphi Charcot, à l’hôpital de la Salpêtrière, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7459428

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