Michael Klonovsky: Journalistische Bekleidungsvorlieben

Foto: Wikipedia/ Von Orange Tuesday - Own work, based on the rendering at [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7386524

Von Michael Klonovsky

Auf der Suche nach Informationen über den Islam in China stieß ich auf eine Trouvaille aus der Reihe Aufbewahren für alle Zeiten. Im Handelsblatt schrieb ein Gardegrenadier der Postaufklärung namens Finn Mayer-Kuckuk („Keine Namenswitze!“ hat mein journalistischer Leitplankenaufsteller H. Markwort immer geboten, und solcherart konditioniert, bremse ich mich submissest) unter der Überschrift „Wie China mit Muslimen umgeht“ am 11. Januar 2015:

„Ganz unabhängig von den potenziell fremdenfeindlichen ‚Pegida‘-Demonstrationen in Deutschland und dem extremistisch motivierten Terroranschlag auf eine Satirezeitung in Paris geht auch in China die Akzeptanz für den Islam derzeit deutlich zurück. In Fernost war es ein eher dilettantischer Brandanschlag auf das Tor des Himmlischen Friedens, der am Anfang des harten Kurses gegen die Muslime im eigenen Land stand. Im Oktober 2013 waren drei Uiguren mit einem Geländewagen unter das berühmte Mao-Portrait an dem Tor gerast und dieser war dann in Flammen aufgegangen. Außer den Insassen starben zwei Passanten. Die Sicherheitsbehörden nahmen das zum Anlasse, einen ‚harten Schlag‘ gegen den islamistischen Terror zu beginnen. (…) Nun kommt das Verbot von Schleier und Burka – Bekleidungsvorlieben, die auch in China eigentlich zum Privatleben gehören. Nicht so in Xinjiang. Schon seit Jahren bekommt dort offenbar keine Familie Sozialhilfe, in der die Frauen muslimisch korrekte Kleidung oder die Männer lange Bärte tragen. In der Gesamtbevölkerung ist die Toleranz für die Gängelei vergleichsweise hoch. Nach mehreren Anschlägen mit möglicherweise islamischextremistischem Hintergrund – beispielsweise auf den Hauptbahnhof von Kunming im März 2014 ist das Bedürfnis da, irgendetwas zu tun, egal was“ (hier).

Man sieht: Der deutsche Journalist schreibt immer nur über den deutschen Zeitgeist, egal welches Land zufällig in Rede und Beobachtung steht. Ob er auch FDJ-Hemd, Mao-Kittel und Sträflingsjacke zu den „Bekleidungsvorlieben“ zählt?

In der nordwestlichen Provinz Xinjiang leben mehrheitlich Muslime, vor allem Uiguren, die sich traditionell den benachbarten Turkvölkern verbunden fühlten, die zeitweilig im Südbauch der Sowjetunion eingemeindet waren (die Sowjets regierten auch permanent in diese Region hinein, aber das gehört nicht zum Thema) und heute korrupte und wirtschaftsschwache, aber unabhängige Staatsgebilde mit dem Islam als Staatsreligion sind. Die Volksrepublik China siedelte dort Han-Chinesen an, und diese große Minderheit hat dafür gesorgt, dass Xinjiang eine der reichsten chinesischen Provinzen geworden ist. Die muslimische Mehrheit dagegen lebt eher ärmlich, bringt aber hinreichend viele Angehörige hervor, die sich gottgewollt und überlegen fühlen. The same procedure as everywhere. Im Gegensatz zu den Muslimen beispielsweise in Europa können jene in Xinjiang mit einem gewissen Recht behaupten, annektiert worden zu sein. China wird die Provinz wohl irgendwann abstoßen, aber noch fühlt es sich zu stark dazu. Vielleicht ist es aber auch stark und fruchtbar genug, das Problem auf muslimische Weise zu lösen.

Foto: Wikipedia/ Von Orange Tuesday – Own work, based on the rendering at [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7386524

http://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

Wandere aus, solange es noch geht!
Finca Bayano in Panama.

.
Loading...