Mühsamer Fuß-Marsch nach Aleppo: Politische Säuberung & gescheiterte Basis-Demokratie

Von Billy Six

„Ich habe seine Berichte nicht gelesen – bin aber trotzdem dagegen“, sagt ein syrischer Migrant und beginnt zu weinen. Seine Kameraden und er halten es nicht länger aus, in meiner Nähe zu sitzen – und verziehen sich ans andere Ende des beengten Essensraums der Grundschul-Sporthalle von Teupitz (Brandenburg). Es ist ein Hexenkessel; der jüngste Höhepunkt zwischenmenschlicher Eskalation und destruktiver Gruppen-Dynamik beim „zivilen Marsch für Aleppo“, der letzten Montag auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mit etwa 300 Personen gestartet ist. Trotz zügiger täglicher Wanderung von 15-20 Kilometern durch diesige Dezember-Landschaft und Nieselregen bei Höchst-Temperaturen von drei Grad sind immer noch rund 70 Teilnehmer übrig geblieben. Eine bunte Mischung unterschiedlicher, interessanter Menschen. Ein Hauch von Forest Gump – nur mit Gesinnungs-Test. Jene uns allzu gut bekannten „aufgeklärten und gebildeten“ linken Gutmenschen haben bei spezieller Reiz-Einwirkung Probleme, sich im Griff zu halten. Bei ihnen mangelt es, was sie stets von anderen einfordern: Toleranz und Gelassenheit.

– Auch Linke brauchen Feinde und Identität –

Nur drei Minuten dauert die Prüfung zu meiner ersten Aburteilung; pikante Infos hinter vorgehaltener Hand an meine Interview-Partner, offenkundig um bisheriges Video-Material noch mit falschem Lächeln löschen zu lassen … dann folgt die öffentliche Vorführung vor versammelter Mannschaft. Zuvor hat ein Ungenannter per Telefon darüber informiert, dass der Pudelmützen-Mann aus der Zeitung ein gewisser Billy Six sei – ein gefährlicher „Spion“, „rechts-radikal“, „Flüchtlingsfeind“, „Putin-nah“, „islamo- und homophob“. Der altbekannte linke Baukasten an Vorwürfen – in unseren verrückten Zeiten offenbar Orden für all jene, die sich noch einen klaren Kopf bewahrt haben. Die weltgewandten Veranstaltungs-Führer Thomas und Anna Alboth (38, 32) als sächsisch-polnisches Ehepaar mit zwei kleinen blonden Töchtern ließen Gutes vermuten. Dies, weil sie schon beim Start betonen, sich für keine der Bürgerkriegs-Parteien vereinnahmen lassen zu wollen. „Miteinander reden – das ist das Wichtigste in der Welt“, so Anna am Mikrophon.

Nicht nur geredet, sondern heftig gestritten wird dann schon in der ersten Nacht – in einer Mahlower Turnhalle. Eine Gruppe Syrer will die grün-weiß-schwarze Nationalfahne des alten Syrien (1930-58, 1961-63), Symbol eines Teils der aktuellen Opposition, öffentlich zur Schau stellen – im Widerspruch zum Manifest, (nur?) „weiße Flaggen (zu) tragen“. Ihre emotionalen Vorträge bewegen das Plenum – in einer aufgezwungenen Abstimmung votiert es per Handzeichen fast einstimmig dafür … doch am Folgetag annulliert die Führung „das Stimmungsbild“ im Alleingang … und betont später, das Votum nie favorisiert zu haben. Wütend reist die Hälfte der 18 Syrer ab; schon am zweiten Tag scheint alles aus. Verunsicherung liegt in der Luft. Erst am Abend wird der Wind in offener Aussprache gedreht. Nun sind die Teilnehmer doch der Meinung, dass es ohne diese Fahne besser sei. Es sind ausschließlich Emotionen, die den „Gruppenwillen“ prägen. Typisches Rudel-Verhalten. Ein spannender gesellschaftspolitischer Mikrokosmos – allein dafür hat sich die Teilnahme schon gelohnt.

– Abstimmen ohne Hintergrund-Wissen –

Obwohl (ungeplant) zur Abstimmung gebeten, waren die meisten Mitläufer nicht informiert, wie gespalten das syrische Volk tatsächlich ist … dass nur ein Drittel (hauptsächlich sunnitische Muslime) klar gegen Assad ist, ein anderes Drittel (hauptsächlich Alawiten, Christen, Drusen, ein Teil des sunnitischen Mittelstands) ihn unterstützen – und das entscheidende Drittel (im Wesentlichen ebenfalls Sunniten) abwartet, um auf der Seite des Siegers zu stehen.

Eine junge deutsche Blondine setzt sich dennoch als Sprecherin ihrer syrischen Freunde in Szene: Nur wegen sieben Monaten Aufenthalts in Syrien habe ich kein Recht, darüber zu sprechen – sondern nur (ihre anwesenden) Syrer … denn die wüssten es besser. Es? Inhalte wurden gar nicht thematisiert. Erneut wurde nur ein Stimmungsbild in die Welt gesetzt – von wortgewaltigen Einzel-Akteuren: „Du bist nicht willkommen“, „Ich mag Deinen YouTube-Kanal nicht“, „Wir müssen ein Zeichen gegen Russland setzen“. In einem beengten Raum mit geschätzt 40 Billy-feindlich eingestellten Leuten, wenigen moderierend Eingreifenden und Einigen, die schweigen – da geht es heftig zur Sache!

– Demagogie als letztes Mittel –

„Ich fürchte, Du kannst Dich hier nicht mehr sicher fühlen“, flüstert mir ein junger Mann aus Polen anschließend traurig zu. Er wünscht, ich könnte bleiben. Gerade in kleinen Runden haben sich nämlich immer spannende Gespräche ergeben – ganz im Sinne der Erfinder. Doch mit der zuletzt vorgetragenen frei erfundenen Behauptung, es gäbe das Risiko, dass ich die Teilnehmer auch beklauen könnte … und der Drohung von sieben Aktivisten, den Marsch zu verlassen … ziehe ich selber die Konsequenzen – und reise ab. Es ist jetzt, als hätte ich eine Art Mal auf der Stirn. Die Veranstalter waschen ihre Hände derweil in Unschuld … schließlich habe ja das Kollektiv gesprochen, und ich wäre „freiwillig“ gegangen. Chefin Anna Alboth bedauert die Entwicklung dennoch aufrichtig; betonte auch mitten im Aufruhr, selbst kein Problem zu haben, mit mir vor der Kamera zu sprechen.

Der Initiative bleibt ein wichtiger Kern beizumessen: Das Flüchtlingsproblem ist vom Kopf zurück auf die Füße zu stellen … endet das Gemetzel in Syrien, sind auch die Deutschen endlich wieder aus der moralischen Geiselhaft befreit, „die Welt retten“ zu müssen. Im besten Falle könnten die Wanderer das türkisch-syrische Grenzgebiet erreichen – und dort echte Flüchtlingshilfe betreiben.

Bereit, im Schlafsack draußen in der nass-kalten Dunkelheit zu nächtigen, fasst sich ein verantwortungsbewusster Teilnehmer ein Herz, und fährt mich zurück in die Nähe von Berlin. Eine starke Geste!

http://civilmarch.org/de/ (Veranstalter)

http://www.deutschlandfunk.de/syrien-krieg-solidaritaets-ma… (Artikel zum Start)

https://www.information.dk/…/…/marchen-moeder-lokale-tyskere(dänischer Bericht zum „Problem-Billy“)

Foto: Billy Six

Wandere aus, solange es noch geht!
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