Demographie-Legenden in Zeiten der Massenmigration (2)

Von Dr. Viktor Heese

Bestimmt die Zahl der Beitragszahler so entscheidend unser Rentenniveau?

Die umlagefinanzierte Rente in Deutschland wird hauptsächlich von fünf Faktoren bestimmt: der Höhe des Beitragssatzes (1), der Länge der Beitragsdauer (2), der Länge der Rentebezugsdauer (3), der Höhe des Durchschnittslohnes (4) und dem Verhältnis zwischen der Zahl der Rentner und der Zahl der Beitragszahler (5). Während der Gesetzgeber einige Parameter, wie das Renteneintrittsalter oder den Beitragssatz festlegen kann, hat er auf den demographischen Faktor (5) keinen Einfluss. Determiniert die Anzahl der Beitragszahler das Rentenniveau tatsächlich so entscheidend, wie behauptet wird?

Kernaussagen aus der Analyse von Bevölkerungspyramiden

 Bevölkerungspyramiden werden in der Demographie seit über 100 Jahren verwendet. Sie erlauben Aussagen zu gewinnen, wie alt eine Gesellschaft im Durchschnitt ist und wie sie sich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. Wertvoll sind die Erkenntnisse über die Generationsanteile an der Gesamtbevölkerung. Ein hoher Anteil von Leistungsträgern im Altersintervall 20-65 Jahre im Verhältnis zum Anteil der Auszubildenden und der Rentner ist ökonomisch günstig. Generell gilt, je breiter sich eine Bevölkerungspyramide nach oben öffnet, desto mehr Probleme bekommen eine Gesellschaft mit der Rentenfinanzierung. Dabei ist es zweitrangig, wie stark eine Gesellschaft geschrumpft ist. Wir gewinnen hieraus die erste praktische Erkenntnis: Es ist nicht problematisch, wenn wir Deutschen weniger, sondern wenn wir älter werden. Denn es ist egal, ob auf einen Arbeitnehmer ein Rentner bei einer Population von 60 Mio. oder bei einer von 80 Mio. Menschen entfällt.

 Die demographische Lage in Deutschland – wer verursacht die Rentenlücke?

Die interaktiven Bevölkerungspyramiden im Internet sind ein informatives „Spielzeug“ (Quelle: unten). Für den Zeitraum 1950-2060 kann der Nutzer dort 440 Bevölkerungspyramiden in vier verschiedenen Bevölkerungsmodellen abrufen, die sich bezüglich der Geburtenraten (1,4 bzw. 1,6 Kinder pro Frau), der zukünftigen Lebenserwartung und der Migrationszahlen (100.000 bzw. 200.000) unterscheiden. Weil die Statistiken die 1,5 bis 2,0 Mio. Migranten nicht berücksichtigen, sind die Aussagen leider nicht aktuell. Welche veränderten Aussagen die Masseneinwanderung der letzten beiden Jahre impliziert, wird im dritten Beitrag diskutiert.

Ein Blick auf die Zahlen in Abb. 1 und 2 erlaubt mehrere Schlüsse in Bezug auf die Tragfähigkeit zukünftiger Renten durch die zukünftige Leistungsgeneration zu gewinnen. Die Aussagen werden für den Leser verständlicher, wenn er sich vorstellt, 2060 wäre heute. Wir müssen dann nicht zwischen den heutigen und zukünftigen Rentnern unterscheiden. Alle Rechenvorgänge werden zusätzlich erleichtert, weil es de facto keine Inflation und Nullzinsen gibt und daher die Größen nicht auf- und abgezinst werden müssen. Die wichtigsten Aussagen lauten:

  1. Die Alimentation (Unterhaltung) der zukünftigen Auszubildenden wird 2060 nach Abb. 2 kein Problem darstellen, weil deren Anteil von 18% auf 16% bei einer auf 67,6 Mio. Einwohner geschrumpften Bevölkerungszahl, sinkt. Der „Überschuss“ von 2% kann zur Alimentation der Rentner eingesetzt werden.
  2. Die Rentenfinanzierung ist die große Herausforderung für zukünftige Sozialsysteme. Der Alterungsquotient (Anteil der über 65jährigen an der Gesamtbevölkerung) steigt von 21% in 2015 auf 33% in 2060 massiv an. Noch viel dramatischer entwickelt sich der Deckungskoeffizient (Wieviel Rentner hat ein Arbeitnehmer zu alimentieren?), der – nach Berücksichtigung obiger 2% – von 34,4% (21%/61%) auf 62,2% (33%/53%) zulegt.

 

 

  1. Bei sonst gleich bleibenden Bedingungen entsteht in den kommenden 45 Jahren s eine Finanzierungslücke – weiter Lücke genannt – von über 80% (62,2%/34,4%).
  2. Wollte man diese Lücke allein über die demographische Komponente schließen, müsste die Anzahl der Leistungsträger in der Generation 2 in 2060 ebenfalls um 80% höher sein, also absolut etwa 62 Mio. betragen. Die Einwohnerzahl Deutschlands betrüge dann fast 94 Mio. Personen. Nach der vorliegenden Bevölkerungspyramide ist das nicht der Fall.

Es kann jetzt lang diskutiert werden, welche der vorgenannten Steuerungsparameter, wann und wie stark angepasst werden müssten, um die Lücke zu schließen. Das tun die Medien und die Politik nur zu oft und verwirren den Bürger. Vielleicht machen sie es bewusst, um zu dokumentieren wie schwierig die Materie sei und es ohne sie, die Experten, das Finden einer Lösung unmöglich wird. Wirklich nichts für Otto-Normal-Beitragszahler?

Ich bin da anderer Meinung. Es erscheint produktiver zwei neue Finanzierungsquellen in die Debatte zu werfen. Erstens: Welchen Beitrag ihres Vermögens könnten die Rentner zur Lückenschließung selber beisteuern? Dieser Punkt wird häufig hervorgehoben, wenn abwertend von der „Mär von den armen deutschen Rentnern“ die Rede ist. Zweitens: Warum schließt nicht der Staat die Lücke durch eine Erhöhung der Staatsquote? Dieser These wird erst gar nicht diskutiert, weil der unantastbare Generationenvertrag – jung sorgt für alt – wie eine „heilige Kuh“ behandelt wird.

Schließung der Rentenlücke durch den Einsatz des Rentnervermögens

Auch zum Vermögen unserer Rentner wird der Leser im Internet gute Graphiken finden. Abgesehen von den moralischen („stille“ Enteignung?) und juristischen Fragen (welche Rechtsgrundlage?), wird der Spargroschen unserer Senioren für die Schließung der Lücke leider nicht ausreichen. Als Beleg für diese Aussage kann eine vereinfachte Rechnung dienen: Ein deutscher Rentnerhaushalt verfügt ungefähr über ein Vermögen von 100.000 €, welches er zur Aufbesserung seiner Altersversorgung in 20 Jahren aufbrauchen könnte. Wahrscheinlich tut er es bereits, wenn er seine Kinder und Enkelkinder unterstützt.

Im Relation zum durchschnittlichen Einkommen eines Rentnerhaushalts von etwa 1.700 € monatlich brächte der „Vermögensverzehr“ eine Aufbesserung von knapp 25%, oder 400 € monatlich. Dieser Betrag von 25% hört sich in der heutigen Rentenwirklichkeit mit einem niedrigen Niveau und jährlichen Mini-Erhöhungen von 2%-3% fast phantastisch an. Denn unser Rentenniveau ist für ein hoch entwickeltes Land, wie Deutschland, eher „beschämend“. Österreicher, Schweizer und die meisten EU-Länder beziehen relativ und absolut höhere Renten als die Bürger des europäischen Champions. Viele westeuropäische EU-Nationen sollen zudem mehr Vermögen besitzen. Selbst unserer Politik beginnt die Rentenarmut als Problem zu entdecken. Wer sie ignoriert, verliert Wählerstimmen.

Schließung der Rentenlücke durch die Erhöhung (Senkung?) der Staatsquote?

Würden die Rentner ihr Vermögen voll aufbrauchen, könnte die Kluft von 80% „brutto“ auf „netto“ 55% verkleinert, aber nicht ganz geschlossen werden. Wer soll das restliche Minus tragen, wenn die „konventionellen“ Steuerungsinstrumente (1) bis (4) außer Acht gelassen werden?

Die Antwort ist banal: der Staat. Es ist zu erinnern, dass die fehlenden 80% erst 2060, also in 45 Jahren, eintreten. Auf den Weg dorthin bilden sich ansteigende „kleine Lücken“, die aus den Bevölkerungspyramiden errechnet werden können. Am Ende der nächsten Wahlperiode in 2021 beträgt das Defizit z.B. „erst“ 11% brutto.

Der „große Wurf“ könnte folgendermaßen aussehen: Bis zu einer Großen Rentenreform, die zum Ziel eine einmalige aber signifikante Niveauanhebung und die dauerhafte Finanzierung ohne Rentenlücken hätte, muss die Lücke vom Staat finanziert werden. Nicht die Politik sondern die Bevölkerung sollte in einer Volksabstimmung über die Inhalte der Rentenreform entscheiden dürfen, auch wenn der Lösungsfindung Jahre dauern sollte. Dabei müsste das Rad nicht neue erfunden werden, das schweizerische oder österreichische Modell stehen hier Pate.

Die Finanzierung der Rentelücke hätte eine einmalige Erhöhung der Staatsquote zur Folge. Sie lag 2015 in Deutschland bei 44% des BIP und damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Eine weitere Reduzierung der Staatsquote kann kein Selbstzweck sein. Die vorgenannte Lücke von 11% macht in absoluten Zahlen gerade 25 Mrd. € aus, die der Bund in die Gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müsste. Bei einem BIP von über 3.000 Mrd. € in 2015 würde die Staatsquote auf gerade 44,8% ansteigen. Der Durchschnitt der Eurozone liegt bei knapp 49%! Wer 30 Mrd. € für Migranten findet, darf eigene Rentner nicht vergessen. Ihre Warnung an die Politik kann nur heißen: Höhere Staatsquote für höhere Renten!

Die neoliberalen Gegner werden sofort Alarm schlagen. Steigende Staatsquoten hemmen doch die wirtschaftliche Entwicklung! Diese These lässt sich allerdings mehr theoretisch als empirisch belegen. Nach deren Lesart hätte, umgekehrt, eine niedrigere Staatsquote für zukünftige Rentner nur Vorteile: Sie würde mehr Wachstum und mehr Einkommen generieren. Beides sei wichtig für den Aufbau seiner privaten Altersvorsorge. Das ist Theorie. Die Riester-Rente erwies sich in der Praxis als ein Fehlschlag erwies.

Welche Antwort zur Staatsquote auch richtig sein mag, in den Analysen rund um das Thema Rentenniveau steht der demographische Faktor – und damit die Anzahl der Beitragszahler und der Rentner – nicht im Vordergrund. Beide Zahlen sind nur einzelne Schrauben im System.

Obige Ausführungen sind als Diskussionsbeitrag aufzufassen.

 

Foto: Pixabay/CC0 Public Domain

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