Das Märchen von den Sterntalern (frei nach den Gebrüdern Grimm)

In  einschlägigen Wissenschaftskreisen ist ein erhitzter Streit entbrannt über die Frage, ob Gutmenschentum lediglich als leichte Wahrnehmungs-Störung oder bereits als fortgeschrittener Zustand der Verblödung einzustufen sei. Dies aber lediglich am Rande – eigentlich wollte ich ja ein liebenswertes Märchen – sozusagen einen Gefährten unserer Kindheit – in einer, der kontemporären Realität angepassten Form wiedergeben.

 

Es war einmal ein Mädchen des Namens Michaela Germania, das lebte ehrlich von seiner Hände fleißiger Arbeit, war immer höflich und bescheiden und lebte in Eintracht mit all seinen Nachbarn. Ihre schwachen Seiten waren ihre Gutgläubigkeit und ihre Unfähigkeit „nein“ zu sagen, wenn man mit einem geeigneten Tränendrüsen-Drücker an ihr gutes Herz appellierte.

Eines Tages, als Michaela auf der Straße  fürbass ging und an nichts Böses dachte, begegnete ihr ein Mann von südländischem Aussehen, der zu ihr sagte: „Wenn du mir ein Plätzchen in deiner Wohnung einräumst, helfe ich dir bei der Arbeit in Haus und Garten und mache mich allgemein nützlich“. Michaela sagte zu und händigte dem Mann ein Duplikat ihres Hausschlüssels aus. Als sie aber abends müde von der Arbeit nach Hause kam, musste sie feststellen, dass der Gast inzwischen seine achtköpfige Familie dort installiert hatte. Seine Kinder tobten über Tisch und Bänke und zerbrachen Dinge oder warfen sie aus dem Fenster. Das Eingemachte im Keller war stark dezimiert und der Mann – zusammen mit Leuten, bei denen es sich offenbar um seine Vettern und Schwäger handelte – war dabei Michaelas Bett aus dem Schlafzimmer in den kalten Hausflur zu schaffen.

Geschockt irrte Michaela durch die Straßen, als eine zerlumpte, wenn auch durchaus wohlgenährte Frau sie anhielt und sagte: „Mein Name ist Graecia Hellada, ich habe in der Spielbank mein gesamtes Vermögen verzockt und, wenn mir nicht eine mitleidige Seele finanziell unter die Arme greift, werden ich und meine armen, armen Kinder Hungers sterben müssen“. Michaela, mitleidig wie sie nun einmal war, ging mit der Frau zum Geldautomaten um die Ecke, hob den größten Teil ihres Ersparten ab und gab ihn der Frau, die (mit einem Kommentar, der weder dankbar noch freundlich klang) schnell in der Nacht verschwand.

Wenig später wurde unsere Heldin von einer Gruppe Aktenkoffer tragender Herren in Nadelstreifen, mit Weste und Krawatte, angesprochen, die sagten: „Wir kommen aus Brüssel und sammeln für die ehrwürdige Europa Confoederata, die an Leukämie schwer erkrankt darnieder liegt und wohl bald ihren letzten Seufzer aushauchen wird, wenn sie nicht kräftige Finanzspritzen bekommt“. Und Michaela, gutmütig wie sie immer noch war, ging mit den Herren zurück zur Bank und gab ihnen den Rest ihrer Ersparnisse.

Und so ging es munter weiter – ein Bittsteller nach dem anderen trat mit einer Leidensgeschichte an unsere Heldin heran (da war  einer, der seine Felder nicht richtig zu bestellen wusste, ein anderer, der mit seinem Chef nicht klar kam, ein Dritter, der ob seiner Vorliebe für fremdes Eigentum aus seiner Heimat hatte fliehen müssen, und so fort)  und Michaela gab, da sie nicht anderes mehr hatte, nach und nach ihre gesamte Kleidung weg, bis sie schließlich im Hemd dastand. Im Original heißt es „nackt und bloß“, aber da dieser Beitrag möglicherweise auch von Angehörigen der, auf maximale Züchtigkeit gepolten islamischen Gemeinschaft (selbst der Anblick des unverhüllten weiblichen Haupthaars gilt als einer der Gipfel der Sünde) gelesen wird, möchte ich hier vorsichtig formulieren.

Ebenfalls gemäß der Original-Version der Brüder Grimm, hätten an dieser Stelle die Sterne, in der Gestalt von „lauter harten, blanken Thalern“, vom Himmel fallen müssen (man beachte: „Thaler“ – keine popligen Euros!). In unserer Version fallen leider nicht einmal argentinische Pesos vom Himmel – und so dürfte unsere Michaela wohl irgendwann, infolge akuten Nahrungsmangels und Unterkühlung den Löffel wegschmeißen.

Foto: Pixabay/CC0 Public Domain

Quo usque tandem