Demographielegenden in Zeiten der Massenimmigration (1)

Schrumpfende Bevölkerung führt zu Wohlstandsverlusten

 Von Dr. Viktor Heese

In Zeiten der Masseneinwanderung nach Europa wird argumentativ mit harten Bandagen gekämpft. Die Befürworter aus dem „Willkommenslager“ versuchen oft mit pseudowissenschaftlichen Demografiethesen die ökonomische Nützlichkeit der illegalen Einwanderung zu beweisen indem sie folgende Mythen verbreiten: ein Bevölkerungsrückgang gefährdet unseren Wohlstand (1), das Rentenniveau in Deutschland kann nur durch mehr Beitragszahler gesichert werden (2) und junge Migranten von heute zahlen unsere Rentenbeiträge von morgen und decken den Facharbeitermangel (3). In folgenden drei Beiträgen wird jede Einzelthese kritisch unter die Lupe genommen und mit empirischen und wirtschaftlichen Beispielen entkräftet. Um die nachfolgenden Argumente zu verstehen, ist kein Studium der Volkswirtschaftslehre notwendig. Der gesunde Menschenverstand reicht völlig aus.

Wie die These vom Wohlstandsverlust durch Bevölkerungsschwund begründet wird?

 Folgender Erklärungsansatz kommt hier zum Tragen: Weniger Staatsbürger bedeuten weniger Konsumenten. Es folgen Nachfrageausfälle, Produktionsstillstände, Entlassungen, Angstsparen und einigem Mehr, was die Wirtschaftsleistung kippt. Wann die Kettenreaktion zum Stillstand kommt, hängt vom Verhalten der Marktteilnehmer und den Konjunkturprogrammen des Staates ab. An der obigen Beschreibung des Abwärtstrends hat sich seit einundeinhalb Jahrhunderten so gut wie nichts geändert. Der langfristige Bevölkerungsschwund unterscheidet sich vom temporären Nachfrageausfall durch seine Dauerhaftigkeit – was die Sache verschlimmert. Zudem ist der Konjunktureinbruch erst der Anfang allen Übels, weil auch der Staat durch weniger Steuermittel die öffentliche Investitionen und Ausgaben (Schulen, Krankenhäuser, Kultur) kürzen muss. Die Leute haben im Endeffekt mehr Freizeit, aber auch mehr Angst vor der Zukunft. Summa summarum kommt es zur Absenkung der Lebensqualität.

Diese These soll unten am Beispiel des BIP-Pro-Kopf und anderer Wirtschaftindikatoren geprüft. werden. Ein kleiner Exkurs zur Einführung: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in absoluten Größen stellt die zentrale Kennzahl dar, welche die Leistungsstärke eines Landes misst. Das BIP-Pro-Kopf sagt demgegenüber aus, wie reich (arm) seine Bürger sind. Ein bevölkerungsstarkes Land wie Indien mit 1,3 Bill. Einwohner hat ein hohes absoluten BIP, seine Bürger sind aber bitter arm. Deutschland hat beides, hohes BIP und wohlhabende Bürger.

Was sagt die Empirie zur These vom bevölkerungsabhängiger BIP-Reduzierung?

Dem vorgenannten logisch klingenden „Untergangsszenario“ widerspricht die wirtschaftliche Realität. Steigendes BIP-Pro-Kopf ist in vielen Ländern mit rückläufiger Bevölkerungszahl der Normalfall (Abbildung). Von den Gründen die dieses erklären, wie der globale technische Fortschritt, Ausgleich durch die Auslandnachfrage überzeugt noch am meisten die These von der Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist flexibel und passt sich an den Strukturwandel durch den Abbau von Kapazitäten, die Verlagerung der Investitionsströme in andere Märkte und Branchen und die Umstellung auf andere Produkte an. Die Arbeitnehmer tun das ihrige und schulen sich um, wechseln den Arbeitgeber, machen sich zum Teil als Dienstleister selbständig. Die freigesetzten Arbeitskräfte wandern in die Zukunftsbranchen und das Angebot orientiert sich an der Nachfrage. Angebot und Nachfrage sind demnach keine starren Größen – das weiß jeder Zeitgenosse. Auch die Konsumenten stellen ihre Gewohnheiten um.

Der Wandel dauert zwar lange, verläuft nicht ohne  Blessuren (Insolvenzen, Arbeitslosigkeit), klappt aber meistens bei den Umstellungswilligen und den Fleißigen. Die Wirtschaftsgeschichte ist eine permanente Umstellung vom primären (Landwirtschaft), sekundären (Industrie) zum tertiären (Dienstleistungen) Sektor, in dem heute weltweit der Löwenanteil des BIP erwirtschaftet wird. Der Leser braucht sich nur an das Stichwort Digitalisierung zu erinnern, um festzustellen, wo wir gerade angekommen sind.

Wichtig für unsere Demographie-These ist: In einem dynamischen Anpassungsprozeß ist es möglich bei einer rückläufigen Bevölkerung ein steigendes BIP zu erwirtschaften.

Der empirische Befund

Quelle: https://www.google.com/publicdata/explore?ds=k3s92bru78li6

Seit 1981 lassen sich weltweit vier Länder-Kategorien mit unterschiedlich starkem Wachstum des  BIP-Pro-Kopf und der Bevölkerung finden. Für 2015 – 2020 liegen Schätzungen vor.

  1. die USA und die Schweiz zeichnet stärkstes BIP-Pro-Kopf-Wachstum und mäßiges Bevölkerungswachstum durch qualifizierte Zuwanderung aus. (In der Schweiz hat sich durch die Masseneinwanderung die Lage zuletzt verschlechtert). In diese Gruppe passt gut Norwegen herein.
  2. eine rückläufige (Japan) oder stagnierende (Deutschland) Bevölkerung machen deutlich, dass sie nicht die Voraussetzung für steigendes BIP-Pro-Kopf sein können. So macht eine schrumpfende Bevölkerung die Deutschen nicht ärmer. Fast alle osteuropäischen EU-Staaten mit einer stagnierenden Einwohnerzahl entwickeln sich besser als wir und holen zu uns kräftig auf.
  3. BRIC-Staaten, wie China und Brasilien mit mäßigem Bevölkerungswachstum machten in den vergangenen vier Jahrzehnten einen riesigen BIP-Sprung, was primär durch die wirtschaftlichen Reformen und niedrige Basis bedingt war.
  4. schließlich bilden Indien und Pakistan das Schlusslicht, weil sie stark überbevölkert sind. Ihnen hilft hohes BIP-Wachstum nicht. Mit dem Pro-Kopf-BIP von unter 5.000 USD in 2015 bleiben sie in der Kategorie der armen Entwicklungsländer. Zu dieser Gruppe können mehrere Dutzende afrikanischer Staaten dazu gezählt werden.

Andere Wohlstandsindikatoren (HDI) berücksichtigen das Bevölkerungswachstum nicht

 Nicht BIP allein bedeutet Wohlstand. Wie der Wohlstand gemessen werden soll, ist umstritten. Da sich die Experten auf einen allgemeingültigen Indikator nicht geeinigt haben, könnte die Bedeutung der Messzahlen an ihrer Popularität gemessen werden. Hierzu einige Beispiele: Der HDI-Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index) misst den Wohlstand eines Landes anhand der Kriterien BIP pro Kopf, Lebenserwartung und Bildungsgrad. Der Big-Mac-Index gibt an, wie lange man in einem Land oder in einer Stadt durchschnittlich arbeiten muss, um einen Big Mac kaufen zu können. Neben den quantitativen Faktoren werden auch qualitative verwendet. Der Happy Planet Index (HPI) basiert z.B. auf Komponenten ökologische Effizienz und Lebenszufriedenheit. Mit der Wohlstandsproblematik befass(t)en sich prominente Namen und Adressen. Ex-Präsident Sarkozy setzte 2008 zu diesem Zweck eine Regierungskommission ein, in der neben den Nobelpreisträgern Stiglitz und Amartya Sen weitere Experten, darunter der Deutsche Heiner Flassbeck mitwirkten. Auch den Deutsche Bundestag interessiert die Problematik.

Die nach dem HDI, der ab 1975 von den Vereinten Nationen empfohlen wird, identifizierte „glücklichsten Länder“ der Welt sind: die Schweiz, Kanada, Norwegen (noch aktuell), Island, Japan und Australien. Alle EU-Länder, USA, die asiatischen Tiger-Staaten und die reichen Golf-Staaten – also Staaten mit stagnierendem oder mäßigem Bevölkerungswachstum – befinden sich immer noch in der Spitzengruppe der Länder „mit sehr hoher menschlicher Entwicklung“.

Zufall oder Regel, im HDI und anderen Wohlstandsindikatoren ist das Bevölkerungswachstum kein Entscheidungskriterium. Auch landen dort die Bevölkerungsgiganten dieser Welt auf den letzten Plätzen. Vielleicht hat diese Eingruppierung doch etwas mit der antiquierten Philosophie zu tun, Kinderreichtum sei die beste Versicherung für das Alter, zu tun.

Symbolfoto: Pixabay/CC0 Public Domain