Renate Sandvoß: Marsch nach Aleppo – Gutmenschen ohne Sinn und Verstand

Von Renate Sandvoß

Der Regen prasselt an meine Fensterscheiben und auf der Straße vor meinem Haus huschen die Menschen fröstelnd und verfroren von Geschäft zu Geschäft, um unter den Markisen dem strömenden Regen zu entkommen. Es ist ein Wetter, bei dem man sprichwörtlich keinen Hund vor die Tür jagen möchte. Ich sitze in meinem kuschelig warmen Wohnzimmer, die Kerzen des festlich geschmückten Tannenbaumes spenden ein wärmendes, heimeliges Licht, die duftende Weihnachtsgans wartet auf mich in der Bratröhre. Es ist der 2. Weihnachtsfeiertag und keine 10 Pferde könnten mich jetzt auf die Straße treiben.

Gerade wurde im Fernsehen über die Polin Anna Alboth berichtet. Diese Frau hat es nicht so gemütlich, wie wir. Sie startet in diesen Minuten mit zahlreichen Mitstreitern vom Berliner Flughafen Tempelhof zu einem Friedensmarsch nach Aleppo. Anna Alboth möchte ein Zeichen der Solidarität mit den kriegsgeplagten Einwohnern der syrischen Stadt senden. Ihrer Meinung nach wird in den Medien zu wenig über die Leiden der Zivilbevölkerung berichtet. Da scheint sie ja so einiges übersehen und überhört zu haben. Sie möchte ein Zeichen setzten – ein Zeichen der Verbundenheit. Das kann man auf die verschiedenste Art und Weise machen – Anna Alboth wählt die verrückteste und sinnloseste. Ihr Weg soll von Deutschland aus über die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei nach Syrien führen – zu Fuß. „Anna Alboth zeigt, was Humanismus ist!“, so der Sprecher eines Fernsehsenders. Wirklich? Ist es human, kleine Kinder bei diesem Gewaltmarsch  mitlaufen zu lassen? Täglich sollen 20 km geschafft werden, sodaß man die Stadt Aleppo in ca. 3 1/2 Monaten erreichen könnte. 2 800 Menschen haben sich auf ihren öffentlichen Aufruf gemeldet. 2 800 Menschen, die die sich einfach mal 3 1/2 Monate „frei nehmen“ können, die 3 1/2 Monate locker ohne Einkommen auskommen können, die 3 1/2 Monate einfach aus dem „normalen Leben“ mit allen Verpflichtungen aussteigen können. Wenn alles glatt läuft. Einige von ihnen haben nach eigenem Bekunden sogar ihre Arbeitsplätze für dieses Abenteuer gekündigt. Naja, wir haben ja genügend „syrische Fachkräfte“, die einspringen können.

Eines kann man der Möchtegernfriedensaktivistin Anna Alboth zweifelsfrei bescheinigen: einen riesengroßen Haufen an Naivität und eine riesengroße Portion an Uninformiertheit. Hinzu kommen noch ein enormes Helfersyndrom , Geltungssucht und Mediengeilheit. „Der Krieg kann jederzeit gestoppt werden, – dazu gehören nur ein paar Unterschriften“, so ihre Meinung. Gefragt, welche Seite der Kriegsbeteiligten man denn nun zum Einlenken bewegen müsse, antwortete sie nur lapidar:“ Das weiß ich nicht, das ist viel zu verworren und unklar. Da blickt man ja nicht durch.“  „die Menschen dort brauchen Hilfe,“ so Anna Alboths simple Erklärung für den Marsch durch 9 Länder. Und wie soll die Hilfe aussehen, die diese Heilsbringer in das ehemalige Kriegsgebiet bringen wollen? Nahrungsmittel und Medikamente lassen sich ja wohl kaum in den Manteltaschen verstauen, zumal die Rucksäcke ja schon durch eigene Reiseutensilien gefüllt sein dürften.

Diese sogenannten Friedensaktivisten wandern also nun monatelang durch Berg und Tal, um mit einem freundlichen, mitleidigen Lächeln und leeren Händen vor den gebeutelten Syrern in Aleppo zu stehen.

Sollte diese Wandertruppe auf ihrem Weg bei mir vorbeikommen, werde ich ihnen dringend ans Herz legen, doch auch all die kräftigen, jungen syrischen Männer mitzunehmen, die nach Deutschland desertiert sind. Wenn sie alle mitnehmen würden, die den heiß ersehnten syrischen Pass vorzeigen können, hätte Syrien bestimmt etliche Bürger mehr, als vor dem Krieg. Da würden sich zig-tausend Männer in Syrien wiederfinden, die das angebliche Heimatland noch nie zuvor gesehen haben.

Übrigens, Frau Alboth, auch wenn die deutsche Presse nicht darüber berichtet hat, – die Russen haben die Syrer stets mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Vor kurzem erst wurden 35 Tonnen geliefert, wie Videoaufnahmen beweisen. Sehr interessant ist, dass der Flughafen in Aleppo bis heute in Betrieb geblieben ist. Mindestens 1 – 2 mal pro Woche starteten und landeten die Maschinen, wie man im Internet beobachten kann. Also – „abgeschnitten von der Welt “ sieht anders aus. So viele Krankenhäuser, die lt. Medien angeblich im Osten von Aleppo zerbomt worden sind, gibt es in ganz Syrien nicht! Da ist es doch praktisch, wenn man das den „bösen“ Russen anhängen kann.

Den deutschen Fernsehzuschauern und Zeitungslesern wurde ebenfalls vorenthalten, wie überschäumend fröhlich die Siegesfeiern nach der Vertreibung der Rebellen in Aleppo abliefen. In festlich geschmückten und mit tausenden von Lichtern bestückten Hallen feierten elegant  gekleidete, ausgelassene Menschen die Befreiung. Immerhin wurde  Assad von 70 % der Bevölkerung demokratisch gewählt, in unseren Medien wird er allerdings als einer der übelsten Kriegsverbrecher aller Zeiten dargestellt.

Was in aller Welt wollen Sie eigentlich mit diesem Solidaritätsmarsch bewirken, Frau Alboth? Wollen Sie noch mehr „Fachkräfte“ mit falschen Versprechungen nach Deutschland holen? Oder wollen Sie nachempfinden, welche Strapazen die sogenannten Flüchtlinge auf sich genommen haben, um nach Deutschland zu gelangen? Das gibt allerdings ein falsches Bild, denn die Syrer und die, die es zumindest per Pass sein wollen, sind getrieben von der Hoffnung auf finanzielle Totalversorgung und ein Leben hier im vermeintlichen Luxus. Das läßt so manche Strapazen überstehen. Wieso finanzieren wir die Syrer in Deutschland, wenn doch jede Kraft für den Wiederaufbau in Syrien gebraucht wird?

Franz-Josef Schmidt, der politische Geschäftsführer der PIRATEN in Berlin zeigt sich mit Anna Alboth voll und ganz solidarisch. Er übergab ihr vor Reiseantritt eine mit Blattgold verzierte Friedenstaube. Alles nur ein Showprogramm für die Medien, – helfen und bewirken tut sie nichts. Den Piraten bedeutet der Marsch viel, denn auch unter den Teilnehmern befinden sich viele Anhänger dieser Partei. Der Marsch nach Aleppo steht im Einklang mit dem „pazifistischen Manifest“, das von den Berliner Piraten bei der vorletzten Landesmitgliederversammlungim im April 2016 mit überwältigender Mehrheit angenommen und ins Wahlprogramm zur Abgeordnetenhauswahl 2016 aufgenommen wurde.

Sollten wir also demnächst in unserer deutschen Presse die Überschrift  „Marsch auf Aleppo“  lesen, so handelt es sich nicht wieder um Rebellen, die die syrische Stadt aufs Neue  überfallen wollen, sondern nur um eine Gruppe verirrter und verwirrter Gutmenschen, die von Anna Alboth mit einer vergoldeten Friedenstaube angeführt wird. Ich bin sicher, wenn demnächst das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wird, das Türkei und Russland gerade aushandeln, wird Frau Alboth fest davon überzeugt sein, dass allein ihr sogenannter Friedensmarsch dieses bewirkt hat.

Symbolfoto: Pixabay/ CC0 Public Domain

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