Max Erdinger: Warnen, fordern, Zeichen setzen

Von Max Erdinger

Deutschland ist das Land der Zeichensetzer. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwer behauptet, er hätte ein Zeichen gesetzt oder es müsse eines gesetzt werden. Ein Zeichen zu setzen, ist eine recht angenehme Sache. Man setzt eines, die anderen sehen es dann, hauen sich mit der flachen Hand auf die Stirn – und schwuppsdiwupps ist die Welt schon wieder „ein Stück weit“ besser. Zeichen werden gesetzt für und gegen fast alles und von fast jedem für jeden. Bevor ein Zeichen gesetzt wird, gibt es meistens jemanden, der fordert, daß ein Zeichen gesetzt werden müsse oder jemanden, der davor warnt, die Forderung nach Setzung eines Zeichens zu ignorieren. Wer die meisten Zeichen setzt, wird Bundespräsident. Zur Zeit demonstrieren besonders edle Zeichensetzer, was jeder Besitzer eines Rüden geahnt hat, der täglich mit seinem Hund Gassi geht: Zeichen lassen sich auch dadurch setzen, daß man das Bein hebt. Hunderte Zeichensetzer laufen allerweil von Berlin bis nach Aleppo und heben dabei ein Bein vor das andere. Es handelt sich vermutlich um die größte Zeichensetzung des Jahres 2016.

http://www.deutschlandfunk.de/syrien-krieg-solidaritaets-marsch-nach-aleppo.1818.de.html?dram%3Aarticle_id=374841

ZItat: >“Mehrere hundert Aktivisten sind von Berlin aus zu Fuß in Richtung Aleppo aufgebrochen. Sie wollen dreieinhalb Monate lang täglich 20 Kilometer laufen, dann soll das Ziel erreicht sein. Die Journalistin und Bloggerin Anna Alboth will mit diesem Marsch ein Zeichen der Solidarität setzen.“< – Zitatende.

Ein Zeichen der Solidarität. Ein Solidaritätszeichen also. Von der Sorte Zeichen gibt es bereits ein Unmenge. Das gelbe M auf rotem Grund zum Beispiel ist weltbekannt. Es ist das international eingeführte Zeichen der Solidarität mit den Hungernden. Oder das blaue Karo mit dem Schriftzug „Aral“: Ein nationales Zeichen der Solidarität mit den im Drange der motorisierten Fortbewegung sich Befindlichen. Aber um welche Art von Solidarität handelt es sich beim allerweil gesetzt werdenden Zeichen „Gewaltmarsch von Berlin nach Aleppo“? Das Wort „Gewaltmarsch“ beschreibt es schon: Es geht um die Solidarität mit den von der Gewalt des Islamischen Staates Befreiten in Aleppo. Um Solidarität mit ihren Befreiern geht es wohl kaum. Befreite brauchen ein Zeichen der Solidarität. Gefangene auch. Verbildlicht könnte man es vielleicht so ausdrücken: Das Zeichen der Solidarität mit den Befreiten hat drei Streifen und kommt von Adidas, dasjenige der Solidarität mit den Gefangenen kommt in Form des Logos von Amnesty International. Solidarität ist der Anfang von allem. Anfang mit A wie Adidas und Amnesty International. Wie sich das alles fügt!?

Wer aber setzt nun das laufende Zeichen der Solidarität? Unter dem Bild der Zeichensetzer steht es geschrieben: Es sind Aktivisten. Das ist logisch. Die Passivisten würden wahrscheinlich den Flieger nach Aleppo nehmen, was allerdings kein stark gesetzes, sondern, wenn überhaupt, allenfalls ein schwach gesetztes Zeichen wäre. Passivisten sind überhaupt lausige Zeichensetzer.

Zitat: >“Die Strecke – so der Gedanke des „Zivilen Marsches für Aleppo“ – folgt der Flüchtlingsroute in umgekehrter Reihenfolge: Von Berlin aus geht es über Tschechien, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei bis nach Syrien.“< – Zitatende.

Da ist aber nicht nur die Reihenfolge umgekehrt, sondern auch die Zeichensetzer sind die verkehrten. Viel zeichengesetzter wäre es, wenn der „Zivile Marsch für Aleppo“ von denen veranstaltet werden würde, die vor dem Krieg in Aleppo geflohen sind und jetzt dorthin zurücklaufen würden, um vor lauter Solidarität mit den von Assads und Putins Truppen Befreiten ein Zeichen des solidarischen Wiederaufbaus der Stadt zu setzen. Was sollen die Befreiten in Aleppo denn denken, wenn in drei Monaten eine Truppe von Wandersleuten aus Deutschland in der Stadt auftaucht und für heldenhaft gehalten werden will, weil sie ein drei Monate großes Zeichen gesetzt hat? Sollen sie vielleicht denken, daß es gut wäre, wenn es mehr Fußpfleger in Aleppo gäbe? So viel ist sicher: Keinesfalls sollen sich die Befreiten denken, daß die syrische Armee mit russischer Unterstützung im Verlauf der letzten drei Monate ein viel eindrucksvolleres Zeichen der Solidarität gesetzt habe, als der Wanderverein aus Deutschland.

Zitat: >“In einem für den Marsch entworfenen Manifest heißt es: „Es ist Zeit zu handeln. Wir können nicht weiter vor unseren Laptops sitzen und nichts tun, behaupten, dass wir machtlos sind.“ Dieser Krieg könne gestoppt werden. „Dazu sind nur ein paar Unterschriften nötig.“< – Zitatende.

Da der Krieg in Aleppo inzwischen aber schon gestoppt ist und seit fünf Jahren zum ersten Mal sogar Weihnachten wieder gefeiert werden konnte, hat sich das mit den Unterschriften erledigt. Die hätten viel früher geleistet werden müssen, um den IS aus Aleppo zu vertreiben. Wir lernen also: Wer zu spät unterschreibt, wird laufend bestraft. (Gorbatschow) Was man nicht unterschrieben hat, das hat man in den Beinen. (Alte Volksweisheit) Der Wanderstiefel von Adidas ist sozusagen das Ersatzsolidaritätszeichen für den Unterschreibgriffel von Pelikan.
Alles in allem aber gilt: Beim Krieg in Syrien fliegen die Fetzn, bis der Deutsche kommt – zum Zeichensetzen.

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