Kirche neu, stark und ohne Steuer?

Von Dr. Andreas Unterberger

Die Kirchensteuer ist der weitaus häufigste Grund, warum Menschen aus ihrer Kirche austreten (auch wenn man diese als geistlichen Bund ab der Taufe eigentlich gar nicht verlassen kann). Dennoch halten fast alle Kirchenmänner und Bischöfe in Deutschland und Österreich daran eisern fest. Sie sind überzeugt, dass ohne diese Beiträge die Kirche unfinanzierbar würde.

Was in der Tat auf den ersten Blick zu stimmen scheint. Im Schnitt kommen ja vier Fünftel der Einnahmen der meisten Diözesen aus Kirchenbeitragsgeldern.

Andererseits sind solche Kirchensteuern sowohl historisch wie regional ein relativ peripheres Phänomen. In den meisten Ländern gibt es sie gar nicht. Und in Deutschland und Österreich sind sie erst während der letzten 230 Jahre durch eine komplizierte Abfolge politischer Maßnahmen der Kirche aufgezwungen worden. Regional geschah dies durchaus unterschiedlich: etwa durch die Top-down-Aufklärung eines Joseph II. in einer ersten Vorstufe, dann durch den Reichsdeputationshauptschluss, durch die Revolutionen 1848, durch viele regionale Gesetze – und insbesondere durch den Nationalsozialismus. Dieser wollte damit ja den Kirchen eigentlich schaden, sie von den Gläubigen entzweien.

Daher müssten die Kirchen eigentlich geschlossen gegen jeden Zwangs-Kirchenbeitrag sein. Aber sie haben sich längst daran wie an ein Suchtgift gewöhnt und kommen heute nicht mehr davon los.

Vielen Kirchenmännern scheint es letztlich egal zu sein, dass diese Steuer oft Anlass zum Kirchenaustritt ist – auch wenn sie recht haben, dass die wahren Ursachen meist andere sind. Diese liegen in einer schleichenden Entfremdung der Menschen von ihrer Kirche; sie sind Reaktionen auf Berichte über angebliche oder wirkliche Missbräuche; sie bestehen in persönlichem Ärger über einzelne Priester und Kirchenfunktionäre (man denke nur an die de facto kommunistischen Aussagen von Caritas-Menschen oder Katholischen Sozialakademien); oder sie wurzeln im grundsätzlichen Dissens zu Aussagen von Päpsten (fast jeder Papst versucht ja die Kirche neu zu orientieren, was bei den einfachen Menschen mehr verwirrend statt vertrauensfördernd wirkt).

Wenn dann eine satte Kirchenbeitragsvorschreibung ins Haus flattert, reagieren Kirchenmitglieder bisweilen impulsiv und treten aus der Kirche aus. Sie denken nicht mehr daran, dass Kirchenbeiträge oder noch so arge Aktionen und dumme Aussagen einzelner Kirchenmänner ja immer nur Marginalien sind, die mit dem transzendenten und im Neuen Testament wurzelnden Wesen von Kirche und Christentum absolut nichts zu tun haben.

Bei einer Repräsentativumfrage in Deutschland haben sogar 84 Prozent die Kirchensteuer in ihrer jetzigen Form abgelehnt. Und was für Katholiken wohl noch relevanter sein sollte: Auch (der emeritierte) Papst Benedikt hält die Kirchensteuer für alles andere als unverzichtbar. Das geht ganz deutlich aus seiner Freiburger Rede im Jahr 2011 hervor.

In dieser hat er zwar die Kirchensteuer nicht direkt beim Namen genannt, aber seine Rede war ein einziger flammender Appell zur „Entweltlichung“ der Kirche, der insbesondere auch die Kirchensteuer gemeint haben muss.

Benedikt hat verlangt, dass die Kirche „immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen“ müsse. Er tadelt, dass die Kirche „sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin….“ Und noch deutlicher: Die Kirche müsse „immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen“.

Ja, Benedikt preist darüber hinaus sogar die diversen Säkularisierungen im Laufe der Geschichte, obwohl diese einst von der Kirche heftig verurteilt worden sind. „Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedesmal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche.“ Wo sich die Kirche „von ihren materiellen Bindungen“ löse, sei aber ihr „missionarisches Handeln wieder glaubhaft“ geworden.

Die geschichtlichen Beispiele würden zeigen: „Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden.“ Ohne eine „angemessene Entweltlichung“ komme es auch zu einer „zunehmenden Entkirchlichung“ der eigenen Wurzeln.

Der Papst als Chef einer globalen Organisation sieht ja, wie in vielen anderen Ländern die dortigen Kirchen auch ohne eine Kirchensteuer auskommen (wobei freilich gerade aus der durch die Kirchensteuer reichen deutschen Kirche etliches Geld in die Dritte Welt fließt). Er sieht auch, dass gerade in den Ländern mit durch staatliche Hilfe eingetriebenen Kirchensteuern Glaube und Zahl der Gläubigen stetig abnimmt, dass in Ländern ohne solche Privilegien die Kirche hingegen oft aufblüht, weil sie dort glaubwürdiger und sympathischer ist.

Der Verzichts-Gedanke ist für Deutschlands und Österreichs Bischöfe aber dennoch extrem schwer verdaulich. Wie etwa sollen sie die vielen Tausende Priester, Laienangestellte zahlen? Wie sollen sie die vielen prachtvollen Kulturbauten – Kirchen, Klöster, Stifte – erhalten? Ihre Finanzprobleme sind nicht trivial. Diese würden in der ersten Zeit nach einem Verzicht auf eine Kirchensteuer gewaltig sein. Daher sind die Bischöfe über die Freiburger Rede des Papstes rasch schweigend hinweggegangen.

Was sie in ihrer Skepsis aber übersehen haben, ist, wie gewaltig der Gewinn der Kirche an Glaubwürdigkeit wäre. Diese ist weder zentrales Fundament jeder missionarischen und pastoralen Tätigkeit. Und diese Tätigkeit ist „die“ große Aufgabe der Kirchen, die angesichts so vieler sinnsuchender Menschen auch nie größer als heute gewesen ist.

Der Verzicht auf die Kirchensteuer hätte natürlich umgekehrt auch enorme Konsequenzen, wie etwa die Abgabe der Verantwortung für die Pflege und Erhaltung der vielen historischen Kunstschätze im Kirchenbesitz. Diese sind kulturell unersetzbar, Ihre Erhaltung ist aber nicht Aufgabe der Kirche, die viele davon gar nicht braucht. Alte Burgen und Schlösser wie auch aufgegebene Kirchen werden ja auch durch private Initiativen und Vereine oder durch Bund, Länder und Gemeinden erhalten. Wenn sich diese für den Blumenschmuck im örtlichen Kreisverkehr verantwortlich fühlen, warum bitte sollten sie das nicht auch in Hinblick auf die Kirchengebäude tun?

Gewiss: Kirchen, Klöster und Dome sind einst meist „ad maiorem dei gloriam“ entstanden. Sie waren aber auch oft Schutzräume gegen äußere Bedrohungen. Oder Zentren, von denen aus große Teile Europas überhaupt erst urbar gemacht worden sind. Oder Versammlungsplätze für eine Ortsgemeinde zur Besprechung lokaler Probleme. Oder Protzereien von Landesherrn. Sie dienten also oft auch durchaus weltlichen Zwecken.

Tatsache ist zugleich, dass viele der von der Kirche unter großen Mühen erhaltenen Gebäude für seelsorgliche Zwecke heute in keiner Weise effizient sind. Wenn eine lokale Gemeinde aus nachvollziehbarer Traditionsliebe dennoch an diesen Gebäuden hängt, dann sollte sie auch für deren Erhaltung aufkommen. Und viele werden es auch tun. Aber das ist keine Aufgabe für Kirche und Kirchensteuer.

Da die alten Dome und Klöster heute in erster Linie tragende Säulen des Fremdenverkehrs sind, sollten logischerweise auch dieser selbst sowie die vom Tourismus lebenden Gemeinden für deren Erhaltung sorgen. Und jedenfalls nicht die Gläubigen. Übrigens zeigt mir jede Urlaubsreise, dass sich Menschen viel ordentlicher benehmen und interessierter verhalten, wenn sie irgendwo Eintritt zahlen müssen, als in frei zugänglichen Kirchen. Umgekehrt sind Gottesdienste in schlichtem Ambiente, und ganz getrennt von den touristischen Massen, meist religiös viel dichter.

Aber etwas anderes wäre – für die Kirchen – noch viel wichtiger und positiver. Durch einen Prozess der Entweltlichung, also des Verzichts auf staatliche Hilfe (die ja nicht nur in der Kirchensteuer bestehen kann, sondern etwa auch in direkten staatlichen Zuschüssen, Pfründen, Fonds), würde sehr rasch das Allerwichtigste wiederentstehen: Das individuelle wie kollektive Bewusstsein der Eigenverantwortung der Gläubigen. Diese müssten und würden sich wieder verantwortlich für „ihre“ Gemeinde, für „ihre“ Kirche fühlen. Wobei „Kirche“ sowohl im Sinn von Gebäuden wie Institutionen gemeint ist.

Dann würden beispielsweise auch Gemeindefusionen viel leichter: Wenn Pfarrgemeinden selber zum Schluss kommen, dass es besser wäre, zwei Pfarren zusammenzulegen, weil man es alleine halt nicht schafft, würde das nicht so sehr auf Widerstände stoßen wie ein Dekret eines ferne sitzenden Bischofs.

In Verteidigern der Kirchensteuer steckt auch tiefstes Misstrauen gegen die Gläubigen. Diese würden ja quasi nur Hosenknöpfe in die Sammelbüchsen und Klingelbeutel werfen und die Kirche verhungern lassen. Nun, das stimmt jetzt schon nicht. Und vor allem würden die Menschen in Zukunft ganz anders agieren, wenn sie einmal gelernt haben, dass sie selbst nicht nur mit-, sondern alleinverantwortlich sind für die Zukunft ihrer Kirche. Ein großer Teil würde viel freudiger, und etliche würden auch deutlich mehr spenden. Ein „gutes Werk“ kann ja immer nur ein freiwilliges, kein angeordnetes sein. Freilich müssten Bischöfe und Pfarrer bisweilen auch durchaus die Demut aufbringen, um kräftige Finanzierungen zu bitten.

Das Beispiel etwa der USA mit ihrer gewaltigen Spendenfreudigkeit auch außerhalb der kirchlichen Welt zeigt aber, wie viele Menschen in ihrem ganzen Wesen geprägt und gewillt sind, Gutes zu tun. Sie wollen aber nicht dazu gezwungen werden, sie wollen selbst Sinn und Nutzen erkennen, sie wollen selbst entscheiden. Man denke beispielsweise an den effizienten Milliardenkampf der Herrn Gates und Buffet zur Ausrottung der Malaria und anderer Krankheiten – zehnmal wirksamer als staatlich-bürokratische Versuche. Man denke an die Erfolge der Rotarier bei der Auslöschung der Kinderlähmung.

Gewiss: Es wird immer auch Menschen geben, die im exzessiven Konsum von Zigarren, Austern und Champagner, die in Porsche Cayenne und Luxusjacht den Sinn des Lebens wähnen. Der allergrößte Teil der Menschen sucht hingegen nach echtem Sinn im Leben. Den kann man aber immer nur in freiwilligem Tun finden, nicht in erzwungenem.

Wenn die Gläubigen (wieder wie in der Urkirche) zu verantwortungsbewussten Trägern ihrer Kirche würden, wäre es im Übrigen auch weitgehend Schluss mit manchen abstoßenden Entwicklungen. Etwa damit, dass von der Kirchensteuer in Elfenbeinernen Türmen weit weg von Gläubigen und Vernunft lebende Organisationen und Akademien genderistische oder postmarxistische Theorien produzieren. Dann wäre es Schluss damit, dass sich ein paar Kirchenfunktionäre als hauptberufliche Importeure moslemischer Massen betätigen, womit ja nicht nur der christliche Charakter Europas, sondern ebenso die Fundamente von Freiheit und Vernunft vernichtet würden, die (auch) für Christen so wichtig sind.

Aber freilich: Bevor all das eintritt, müsste man auf ein paar Milliarden verzichten. Und das ist offenbar für viele eine wahrhaft übermenschliche Zumutung. Andererseits: Wer, wenn nicht die Kirche, sollte für Übermenschliches zuständig sein?

Foto: Pixabay/ CC0 Public Domain

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