Die Weihnachtsansprache des scheidenden Bundespräsidenten

Umgeschrieben von Klaus Barnstedt

Liebe bisherige und neue Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Mitmenschen unseres Landes!

Als Ihr aller Präsident richte ich heute meine letzte Weihnachtsansprache an Sie. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge übergebe ich, wie Sie wissen, in zwei Monaten das höchste deutsche Amt an meinen rüstigen Nachfolger.

So sehr ich mich über meinen bevorstehenden verdienten Ruhestand freue, so sehr bedauere ich, dass sich die Bundestagsparteien nicht auf einen muslimischen Präsidentschaftskandidaten als meinen Nachfolger einigen konnten.

Ich darf deshalb meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der jetzige Außenminister als neuer Bundespräsident ebenfalls wie ich allerhöchstens für eine Wahlperiode im Amt verbleibt.

Vielleicht ergibt sich ja auch die Gelegenheit für Herrn Steinmeier, genauso wie meine beiden Vorgänger vorzeitig aus dem Amt zu scheiden. Damit könnte schnellstmöglich einem muslimischen Glaubensbruder der Weg ins Schloss Bellevue geebnet werden. Dieser könnte dann schon im nächsten Jahr als neues Staatsoberhaupt seine erste Winteransprache halten.

Als ehemaliger Pastor will ich aus gegebenem Anlass auch auf die schwindende Bedeutung von Weihnachten zu sprechen kommen, was mehr als begrüßenswert ist.

Nicht umsonst wurden landesweit bereits viele Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt. Dies ist ein Entgegenkommen an all die neu im Land aufgenommenen Menschen.

Die allermeisten von ihnen können mit christlichen Traditionen nichts anfangen. Sie fühlen sich dadurch vielleicht sogar belästigt. So entstehen bei unseren Neubürgern auf völlig unnötige Weise Entfremdung und Unzufriedenheit.

Diese Beeinträchtigungen könnten sich schlimmstenfalls bis zu handgreiflichem Unmut entwickeln, was zum Glück bisher nicht der Fall gewesen ist. Dazu sollte es aber auch gar nicht erst kommen. Bei der Suche nach dem Verursacher der Berliner LKW-Unglücksfahrt Anfang dieser Woche hat sich ja – Gott sei Dank – der Verdacht gegenüber einem pakistanischen Flüchtling nicht bestätigt.

Alle Menschen dieser Welt, die sich aus den verschiedensten nachvollziehbaren Gründen zu uns auf den Weg gemacht haben, sollen sich bei uns auch gut aufgehoben fühlen. Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir auf einen Teil unserer überholten Traditionen und eingefahrenen Lebensweisen freiwillig verzichten. So machen wir es unseren Neubürgern leichter, sich bei uns zurechtzufinden und ihren eigenen Lebensstil beizubehalten, was für uns alle ein großer Gewinn ist.

Damit dieses Vorhaben gelingt, dürfen wir nicht kleinmütig und engherzig sein. Vielleicht ebenfalls schon im nächsten Jahr – das wäre ein Herzenswunsch von mir als ehemaliger Pastor – könnte das traditionelle Eingangslied bisheriger Weihnachtsgottesdienste in leicht abgewandelter Form gesungen werden.

Zur Betonung des Verbindenden der verschiedenen Weltanschauungen und Religionen, besonders als Zeichen der Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Glauben sollte es in einer neuen Fassung des veralteten Liedes heißen:

„Macht hoch die Tür’, die Tor’ macht weit,  

der Moslem kommt, denn es wird Zeit.“

Das Fest findet, wie Sie sicher bemerkt haben, in der dunklen Jahreszeit statt. Die Dunkelheit, ich habe es bei meinen Besuchen in Ostdeutschland schon mehrfach angesprochen, steht im täglichen Leben für alles Leidvolle, und nicht zuletzt für die menschliche Finsternis.

Viele Kirchenlieder thematisieren diese Dunkelheit, sprechen zugleich aber von dem Licht, das die Dunkelheit überwindet und die Welt hell erleuchtet.

Mit diesem Gedanken wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass alles Unangenehme und Belastende – was und wo immer es sei – sich auf wundervolle Weise völlig eigenständig zum Guten entwickeln werde.

Dabei, und das ist das Schöne, sind wir es selbst, die wir aufgrund unserer Mitmenschlichkeit in der Lage sind, dieses Licht in die entferntesten Winkel der Welt zu tragen. Aber auch in Gegenden hinein, die sich leider nicht nur im Ausland befinden!

Es sind unsere offenen Arme, unsere freundlichen Mienen und es ist unser strahlendes Antlitz, was so viel Gutes hervorzubringen vermag. Allen voran ist es das freundliche Gesicht unserer Regierungschefin, die sich mit bewundernswertem Gleichmut und unerschütterlichem Beharrungsvermögen allen Widrigkeiten des Lebens im In- und Ausland entgegenstemmt.

Mit dieser gottergebenen Unbekümmertheit liefert sie das beste Beispiel für jedes noch so kleine Licht, von dem in den angesprochenen kirchlichen Liedern die Rede ist.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Die Weihnachtszeit ist auch die Zeit des friedlichen Beisammenseins im überschaubaren Kreise von Menschen. Von Menschen, die miteinander vertraut sind und sich zueinander hingezogen fühlen.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben meine Lebensgefährtin und ich die Kanzlerin und ihren Gemahl zum Kaffeetrinken zu Gast. Dabei verzichten wir diesmal bei unserem Weihnachtsgebäck ganz bewusst auf ein Stück Dresdner Stollen, um uns die Festtagslaune nicht durch Erinnerungen an den diesjährigen Tag der Deutschen Einheit verderben zu lassen.

Als festlichen Höhepunkt unserer Zusammenkunft werden die Kanzlerin und meine Lebensgefährtin im Duett ein kleines Blockflötenkonzert aufführen.

Vielleicht gelingt es mir, Herrn Professor Sauer zum Mitsingen des einen oder anderen von mir angestimmten Weihnachtsliedes zu bewegen. Es ist bei weitem nicht nur der gemeinsame Vorname, auf den sich unsere Männerfreundschaft gründet!

Einer von uns beiden wird in dieser besinnlichen Runde ganz bestimmt das Gedicht „Knecht Ruprecht“ aufsagen, dessen erste Zeile lautet „Von drauß’ vom Walde komm ich her.“ Immer wieder erinnert es mich an meine eigene Herkunft und Verwurzelung in meiner alten Heimat.

Besonders schön ist auch ein anderes bekanntes Gedicht. Es beginnt mit den wundervollen Worten „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!“ Ganz aktuell veranschaulichen diese Worte auf sinnbildliche Weise, mit welch freudiger Erregung wir großen und vielversprechenden Zeiten entgegen gehen.

Liebe Landsleute, für Sie als Menschen, die sich hier schon länger aufhalten, wünsche ich Ihnen von Herzen ebenfalls all das, was erforderlich ist, um das Weihnachtsfest genauso begehen zu können, wie es mir und meinen Gästen vergönnt ist.

Vielleicht haben Sie auch einmal daran gedacht – und das wäre mein weihnachtlicher Wunsch an Sie ganz persönlich – dass Sie möglichst zu allen anstehenden Feiertagen Menschen einladen, die noch nicht so lange hier leben.

Sie erinnern sich an die Ermunterung der Kanzlerin, mit Blockflötenmusik unsere heimatlichen Traditionen zu pflegen. Sicher lässt sich das mit anderen, uns bisher etwas fremd erscheinenden Sitten und Gebräuchen verbinden. Deshalb möchte ich den Vorschlag durch einen weiteren Hinweis ergänzen.

Bestimmt finden sich unter den Neubürgern in Ihrer Nähe – ganz besonders bei denen afrikanischer Herkunft – auch Personen, die in der Lage sind, mit Trommelmusik ein Weihnachts- oder auch Trinklied zu begleiten.

Bei den beschränkten Sprachkenntnissen unserer Neubürger wäre das für den Anfang eine ganz wunderbare Verständigungsmöglichkeit über alle ethnischen Grenzen hinweg. Darauf ließe sich gewiss noch manches für ein intensives Gemeinschafts- und Zusammenleben aufbauen.

Mit dieser freimütigen Anregung wünsche Ihnen und uns allen ein überaus friedvoll beschauliches, hinlänglich gesegnetes Weihnachts- beziehungsweise Winterfest!

Foto: Collage