DER VERWAHRLOSTE VOM SPIEGEL

Von Akif Pirinçci

Es gibt Männer, die stecken sich hohe Ziele im Leben. Bereits in jungen Jahren wissen sie, daß sie die steilste Karriere starten, das ganz große Geld verdienen, die schönste Frau abkriegen, das prachtvollste Haus bauen und das abenteuerlichste Leben führen wollen. Am Anfang des Weges sieht es für sie auch gar nicht einmal so schlecht aus, weil sie, ohne es zu merken, in Wahrheit in einer Scheinblase schweben, in der alles, was dem Erstrebten zuwiderläuft, hinter die milchige Membran weggeschoben und ausgeblendet wird. Sie tragen Scheuklappen und registrieren nicht, daß ihnen für diese hochgesteckten Ziele einfach das Talent, das Beharrungsvermögen, der Fleiß und das gewisse Etwas fehlen.

Und dann sitzen sie da mit 50, gerade wieder gefeuert von einem miesen Job, Frau weggelaufen, ihre Kinder haben sie eh nie gemocht, und mit der Miete sind sie auch schon 3 Monate im Rückstand. Diese Männer sind jedoch nicht imstande, die Ursache für ihr Scheitern zu durchschauen, weil sie weiterhin in der Scheinblase weilen, die aber inzwischen ziemlich eingetrübt ist. Borniert, fatalistisch und hoch zu Roß halten sie immer noch an ihrem Selbstbetrug, ihrer Lebenslüge fest: Sie haben alles richtiggemacht, allein die anderen sind an ihrer beschissenen Situation schuld, die „Welt“ hat sich gegen sie verschworen.

Irgendwann fangen sie an richtig zu saufen. Schon morgens. Die Rolläden werden nicht mehr hochgezogen, der Müll wird nicht runtergebracht. Sie lassen sich gehen, sie verkommen, sie verwahrlosen, sie landen auf der Straße. Und das alles wegen der falschen Wahrnehmung des eigenen Ichs, des trotzigen Festklammerns an der Illusion.

Es gibt jedoch auch eine weniger dramatische Version des falschen Selbstbildes, die des moralischen. Auch die beginnt in der Jugend, und auch dabei ist das Elixier das hochgesteckte Ziel. Und selbst wenn sich für jedermanns Auge später herausstellt, daß diese Hypermoral nicht mehr mit der Realität übereinstimmt, längst betonharte Ideologie geworden ist, klebt man umso verbissener an ihr fest, brüllt im selbstgerechten und moralischen Suff, man habe sich nichts vorzuwerfen, alles, was man gedacht und gesagt habe, sei richtig gewesen, bloß die Realität hätte keinen Anschluß an dieses hehre Ideal gefunden. Das Ergebnis ist das gleiche wie das des Selbstblenders. Am Ende verkommt und verwahrlost man, diesmal moralisch.

Solch ein Verkommener und Verwahrloster ist Stefan Kuzmany, Kulturredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE, Leiter Meinung und Debatte. Gestern schreibt er in seinem Kommentar „Ich kann keine Angst spüren“:

„Noch immer bin ich überzeugt davon, dass es richtig war, im Sommer 2015 die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, für mich war das eine menschliche Pflicht, nicht mehr und nicht weniger. Trotzig bleibe ich dabei, menschenfreundlich zu sein, jetzt erst recht. Ich kann mich nicht dazu bringen, eine Gruppe zu hassen oder eine Religion für den Terror verantwortlich zu machen. Ich bin stur überzeugt davon, dass Schuld nur der Täter selbst trägt und jene, die ihn dazu manipuliert haben, seine Tat zu begehen. Ich weigere mich, mich terrorisieren oder aufhetzen zu lassen. Ich habe nicht vor, mich kleinkriegen zu lassen.“

Ihn als einen Gutmenschen zu bezeichnen, wäre fahrlässig, denn Kuzmany ist bereits jenseits aller Menschlichkeit, geschweige des Guten. Das, was er da oben von „menschlicher Pflicht“ ausdünstet, ist in Wahrheit nichts weiter als Camouflage für seine längst durch Blutströme und zermanschte Glieder und Köpfe widerlegte Moralhybris. Er sagt es sogar selber, daß er sie nicht mehr alle beisammen hat:

„Vielleicht bin ich nicht mehr normal. Ich finde es schlimm, dass zwölf Menschen auf dem Breitscheidplatz sterben mussten, jeder zu früh und jeder sinnlos. Aber obwohl der Anschlag in Berlin stattgefunden hat, in der Stadt, in der ich seit bald 15 Jahren lebe, bleibt mir der Horror abstrakt, als wäre das alles in einem fernen Land geschehen. Natürlich wäre das anders, wenn es jemanden getroffen hätte, den ich persönlich kenne, jemanden aus dem Freundeskreis oder der Familie.“

Ja, wenn der 40-Tonner über seine Frau, seinen Sohn und seinen Saufkumpan gebrettert wäre, hätte er vielleicht schon etwas empfunden, wäre der Horror nicht „abstrakt“ gewesen wie „in einem fernen Land“. Vielleicht. Aber so? So handelt es sich bloß um Leichenmüll, der dem eigenen Offene-Grenzen-Mantra ein bißchen in die Quere gekommen ist. Ärgerlich, das Ganze. Doch ein SPIEGEL-Heini wäre nicht der Menschenfeind, der bevorzugt in diesem Ekelladen eingestellt wird, wenn er sein häßliches Inneres nicht bis zum Anschlag nach außen kehren würde:

„Wenn ich daran denke, dass auch wir dort hätten stehen können, als der Lkw in die Menschenmenge gerast ist, dann schaudert es mich. Aber nur kurz. Wir waren nicht dort. Was bringt es, sich das auszumalen? Ich habe anderes zu tun.“

Kuzmany hat in der Tat anderes zu tun. Vermutlich muß er einen neuen Artikel darüber schreiben, daß diese Tötungen, Vergewaltigungen, Verletzungen und diese unaufhörliche Drangsal seiner Landsleute seitens dahergelaufener Bestien bloß nichts an dem einmal eingeschlagenen grün-links versifften Weg und in dessen Folge an seinem über Jahre errichteten Moralwahn etwas ändern mögen. Bis zum Endsieg. Allerdings scheint dieser doofe LKW-Fahrer ihn doch irgendwie genervt zu haben:

„Das hat der Terrorist vom Breitscheidplatz also geschafft: Er hat mich abgestumpft. Er weckt kein Gefühl in mir.“

Schöne Scheiße! Anderseits, soviel Gefühl war da eh nicht, Stefan. Jetzt tue mal nicht auf Sensibelchen. Schon morgen kommt bestimmt der nächste Anlaß zu einem denkwürdigen Kommentar, weshalb du bis jetzt alles richtig gemacht hast und diese Leichen nichts weiter als totes Fleisch von gestern sind. Laß den Glühwein nicht kalt werden und feiere jetzt erstmal mit deiner Familie ein frohes Fest, wenn auch auf herabgesetztem Gefühlslevel. Und dann fahr zur Hölle!

Symbofoto: Pixabay/ CC0 Public Domain

http://www.spiegel.de/…/anschlag-in-berlin-ich-kann-keine-a…

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