Max Erdinger: Betroffenheitsrituale

Erdingers Weissheiten – Das Schlimmste von gestern 

Von Max Erdinger

Die Rede der Kanzlerin gestern zum Anschlag in Berlin ist schwer zu ertragen.

https://www.youtube.com/watch?v=XqMaDOv1OVY

Merkel liest vom Blatt ab, macht verräterische Kunstpausen an den verkehrten Stellen, nimmt „Millionen, die mit ihr trauern“ in emotionale Geiselhaft für ihr eigenes, katastrophales Versagen als Kanzlerin – und hat außerdem noch die Chuzpe, den Anschlag in Berlin als – wortwörtlich – „letztlich unbegreiflich“ zu bezeichnen. Klar: Für Unbegreifliches hat niemand die Verantwortung. Damit ist sie aus dem Schneider. Für „letztlich Unbegreifliches“ hat auch niemand die Verantwortung, aber er hat mindestens stundenlang nach Erklärungen gesucht für das Unbegreifliche. Das ist das, was das „letztlich“ soll: Es soll suggerieren, die Kanzlerin habe stundenlang nachgedacht, um „letztlich“ zu dem Schluß zu kommen, daß der Anschlag unbegreiflich sei. Ihr Redenschreiber fand halt, daß sich „letztlich“ und „Millionen, die mit ihr trauern“ ganz gut eignen, um die Kanzlerin in einem menschlichen Licht erscheinen zu lassen. „Menschlich“ ist schließlich hip. Für Machtmenschen gibt es nichts besseres, als vom einfachen Volk für menschlich gehalten zu werden. Das verbindet.

Zitat: >“Mehr als vierzig Menschen sind verletzt, kämpfen um ihr Leben oder ihre Gesundheit.“< – Zitatende. Natürlich sind wieder Menschen verletzt. Das ist wichtig: Menschen. „Arglose Besucher des Weihnachtsmarktes“ wäre natürlich auch gegangen, wäre aber zu deutlich gewesen. Menschlich ist, daß alle Menschen eben Menschen sind, weswegen man sie auch permanent als Menschen bezeichnen muß. Selbst der bayerische Ministerpräsident spricht schon nicht mehr von den Bayern, sondern von den „die Menschen in Bayern“. Nur die Menschen in Rußland sind nach wie vor Russen. Geflohene Syrer sind die „Menschen, die aus Syrien zu uns gekommen sind“, wohingegen Assad und alle nicht Geflohenen ordinäre Syrer – rhetorisch wenigstens – bar aller Menschlichkeit bleiben müssen.

Dann „gedenkt“ Merkel, nachdem sie zuerst der Opfer und ihrer Hinterbliebenen gedenkt, der Hilfskräfte am Breitscheidplatz, die einen „Dienst an ihren Mitmenschen geleistet haben“ – und zwar im Schatten der Gedächtniskirche an einem 20.12. nach 20 Uhr – und dankt ihnen. „Schatten“ ist immer ein gut gewähltes Wort bei solchen Gelegenheiten. Schatten ist nämlich das, was sich über ein soniges Gemüt legt, egal, wie dunkel es draußen schon ist. Was spielt es da für eine Rolle, daß der Anschlag eher einen Schatten auf Merkel wirft, als die Gedächtniskirche einen auf diejenigen, die „Dienst an ihren Mitmenschen tun“? – Eben. Keine. Der Schatten ist auch so eine eindrucksvolle rhetorische Figur.

Merkel denkt auch an die Ermittler, die das, was „gestern geschehen ist“, – etwas „letztlich Unbegreifliches“ also – , aufklären werden, damit der Täter mit aller Härte bestraft werden kann, die „unsere Gesetze verlangen“. Hallo? Gesetze? Seit wann interessiert Merkel sich für Gesetze? Es gibt schließlich nicht leicht eines, das im erweiterten Zusamenhang mit dem Anschlag nicht von ihr gebrochen worden wäre. Und warum soll der Täter lediglich mit derjenigen „ganzen Härte“ bestraft werden, die unsere Gesetze verlangen? Verlangen die überhaupt Härte? Warum nicht die Härte, die gerade noch zulässig ist?

Dann der Täter. Was ist das nach Merkel für einer? Sie weiß es „letztlich“ noch nicht, weil die Ermittler den Verantwortlichen für das, „was gestern geschehen ist“, noch nicht gefunden haben. Eines weiß Merkel aber sicher: Es wäre – hört,hört! – für die Deutschen (für Merkel sind das bei anderer Gelegenheit „die Menschen, die schon länger hier leben“) ein schwerer Schlag, sollte sich herausstellen, daß der Täter „ein Mensch (!) ist, der als Flüchtling Schutz bei ihnen gesucht hat.“ Da wäre sie und mit ihr „Millionen, die mit ihr trauern“ schwer enttäuscht, menschlich sozusagen. Enttäuschung muß schon sein,auch wenn man gar nichts anderes erwartet, als daß der Täter „ein Mensch ist, der Schutz bei uns gesucht hat.“ Wir wären schließlich getäuscht worden. Der hätte gar keinen Schutz gesucht. Und wie wir erst getäuscht worden wären! Es blieb schließlich nichts unversucht, um herauszufinden, wer hierzulande Schutz sucht, und wer lediglich vorgibt, Schutz zu suchen. Daß der IS spezielle Schulungen veranstaltet hat, um Kämpfer mit den „Flüchtlingen“ ins Land einzuschleusen, die das deutsche Asylrecht in- und auswendig kennen und daher wissen, was sie ganz ohne jedes Dokument behaupten müssen, um ein Bleiberecht zu erhalten, – das sind schließlich Fake-News gewesen, die man nicht zur Kenntnis hatte nehmen müssen. Zusammenfassung: Der „Mensch“, der verantwortlich ist für das, „was gestern geschehen ist“, ist ein hinterfotziger Mensch, der die ganze Härte verdient hat, die das Gesetz verlangt, – und nicht die, die es gerade noch zuläßt.

Merkels Tatkraft: Sie hat die Zugehörigen des  „Sicherheitskabinetts“ einbestellt. Nein, hat sie nicht. Sie hat sie „eingeladen“. Einladung ist menschlich immer besser als Einbestellung. Und bei einer solchen Rede geht es schließlich darum, besonders menschlich rüberzukommen.

Es geht dann noch ein paarmal um die Beschwörung der Einheit von Regierung und „den Menschen, die schon länger hier leben“. Am Nachmittag werde sie, „wie Tausende anderer Berliner“ (Merkel also: „Ich bin ein Berliner!“), zum Breitscheidplatz gehen, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft Merkels Redenschreiber ihr aufgeschrieben hat, daß sie gefälligst  „zusammen mt Tausenden oder Millionen von … äh … Menschen“ betroffen, trauernd, besorgt oder anteilnehmend zu sein hat. Jedenfalls kommt es in ihrer Rede nicht einmal vor, daß sie ganz alleine etwas „fühlt“. Das hat natürlich einen wohldurchdachten Grund. Moment: „Letztlich einen wohldurchdachten Grund“, wollte ich geschrieben haben.

„Wir wollen nicht mit dem Bösen leben“, meinte Merkel noch gegen Ende ihrer Rede. Wer das so interpretiert, als wolle sie nun ihren Rücktritt einreichen, in Zukunft auf einen Badezimmerspiegel verzichten und auf Nimmerwiedersehen aus dem Land verschwinden, den muß ich leider enttäuschen. Die Bösen sind nämlich immer die anderen … äh … Menschen.
Weil das wiederum so ist, wird uns das Schmalz Merkelscher Betroffenheitsreden noch öfter die Ohren verkleistern. Sie  wird uns noch ein Weilchen erhalten bleiben, so, wie die „bösen Menschen“, die auch in Zukunft weiterhin alleinverantwortlich sein werden dafür, daß „letztlich Unbegreifliches“ passiert wie das, was „gestern auf dem Breitscheidplatz geschehen ist.“
Um hier zum Schluß noch einen Parteifreund der Kanzlerin, Ronald Pofalla,  zu zitieren: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!“

Foto: Youtube/Screenshot

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