Wie unabhängig und nützlich sind Wertpapieranalysten?

Foto: Martin Abegglen/Flickr/ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
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Von Viktor Heese

Bald werden uns Aktienanalysten mit neuen DAX-Prognosen für 2017 beglücken. Ein Grund um angesichts der vielen alten Analystenskandale und einer deutlichen  Kommerzialisierung die Frage nach der Unabhängigkeit der Wertpnalyse zu stellen. Die Unterstützung des Marketings eines Finanzproduktes durch den Analysten stellt ein legitimes Absatzinstrument dar, das seit Jahrzehnten auch auf Kapitalmärkten praktiziert wird. Es kommt dabei auch hier auf die Objektivität und den Blickwinkel des Betrachters an. Weil die „Konjunkturen“ für die einzelnen Märkte und Anlagearten (Aktien, Renten, Rohstoffe) ständig wechseln, ist es die Aufgabe eines fähigen Analysten diese Trends rechtzeitig zu erkennen und Empfehlungen auszusprechen. Zum anderen sollten aber davon nicht allein die Anbieter der Finanzprodukte profitieren. Seitdem Investmentbanken Wertpapiere, wie Zertifikate oder ETFs selbst „produzieren dürfen“ herrscht eine regelrechte Mengenideologie. Es wird auf Teufel komm raus verkauft ohne gebührende Rücksicht auf die Qualität und das Kundeninteresse. Welche Rolle Aktienanalysten in diesem Zwiespalt spielen können, zeigt die unteren Ausführungen.

Verzerrungen und Anomalien in der Analystenbranche

  1. Analysten weder „Opfer“ noch „Täter“

Es wird behauptet, Analysten werden oft zum Spielball der mächtigen Vertriebsinteressen der Bankenhäuser degradiert. Die hieraus abgeleitete „Opferrolle“ ist nicht immer zutreffend. Die in den Arbeitsverträgen festgeschriebene Loyalität zum Arbeitgeber verlangt das von ihnen. Im Extremfall werden sehr wohl als „Täter“ einzustufen sein. Die temporären Aufdeckungen der Finanzskandale bringen dies markant ans Tageslicht. Fälle in denen Analysten wegen ihrer „Standhaftigkeit“ gefeuert wurden, sind rar. Die meisten schwimmen mit dem Strom.

  1. Analysten als „Genießer“ ihrer gehobenen Marktstellung

Auch Analysten genießen die Vorteile ihres Berufsstandes und sind häufig als Unterstützer des Systems anzusehen. Das bringt ihnen Vorteile. Primäranalysten dürfen selbst als Tarifangestellte bei Analysten-Konferenzen die mächtigen Vorstandschefs live erleben und ihnen kritische Fragen stellen. Davon werden Normalangestellte in den zur Konferenz einladenden Konzernen nur träumen dürfen. Sie sehen ihre Chefs oft nur im Fernsehen. Dieses Alleinstellungsmerkmal fördert die Selbsteinschätzung und wird als ein nicht pekuniärer Vorteil des Berufes angesehen. Hinzu kommen die vielen Nennungen in der Fachpresse und die gelegentlichen Auftritte im Börsenfernsehen. Im Internet welches „bekanntlich nichts vergisst“ lassen sich die akkumulierten Spuren dieser Befähigungen beliebig lang rekapitulieren. So manche Leser staunen wenn bekannte Vorstände Zeit für ein Einzelgespräch (One to One-Meeting) mit einem Staranalysten oder Fondsmanager finden. Wie ein solches Ereignis mit dem öffentlichen Publizitätsgebot zu vereinbaren ist, ist eine andere Frage.

  1. Analysten als freiwillige Förderer der Auswüchse des Finanzsystems

Durch Opportunismus und Ausnutzung ihrer Stellung fördern so manche Berufsangehörigen die Verzerrungen des Finanzsystems. Es verwunderte die Aufregung des Finanzestablishments um die Enthüllungen von Geraint Anderson, eines Ex-Profis, auch unter dem Pseudonym „City Boy“ bekannt. Der Brite hat die moralisch fragwürdigen Vorgänge und Einstellungen unter Londoner Investmentbankern offen gelegt. Für den „Spiegel“ war Anderson „so etwas wie ein Kronzeuge, der Auskunft gibt über Bankenkultur und den Stil, mit dem im bedeutendsten Finanzzentrum der Welt aus Geld gemacht wurde“. Denn zum einen waren die Praktiken bekannt, zum anderen zeigte die Branche selten Schuldgefühle, wenn sie permanent die Kunden übervorteilte.

  1. Analysten als aggressive Mitveränderer des Systems

Die gnadenlose Jagd nach kurzfristiger Rendite wird häufig erst von Analysten und Vermögensverwaltern potenter Häuser wie Goldman Sachs oder BlackRock angezettelt. Ein konservatives börsennotiertes Unternehmen, das seine stillen Reserven nicht ausschüttet oder schmerzliche Kostenreduzierungen (Entlassungen) nicht einleitet, kann schnell unter Beschuss der Zunft geraten. Diese erhebt sich in solchen Fällen gerne zum Anwalt der Anleger und übt Druck auf Vorstand und Aufsichtsrat aus. Infolge rigoroser Management-Umbesetzungen wird eine neue Führungs-Crew zusammengestellt, die dem üblen Druck nachkommt. Parallelen zu den Praktiken der Hedgefonds sind nicht zu übersehen. In diesem Kontext zählen auch Analysten zu den aktiven und gefürchteten Akteuren für die renditeschwachen Lenker der Realwirtschaft.

Dennoch: Der Eindruck, die Berufswelt der Aktienanalyse bestehe primär aus Anomalien wäre falsch und zu einseitig. Diese Verzerrungen müssen allerdings deutlich genannt werden, um die Informationslücke in dieser Thematik zu schließen. Denn die Banken zeichnen immer ein harmonisches Bild, die Fachpresse beleuchtet die Missstände nur sporadisch und der Unbeteiligte erfährt nur wenig darüber, was sich hinter den Kulissen abspielt. Friede, Freude, Eierkuchen.

 Der Mehrwert der Branche (Standardsituation im deutschen Aktienresearch)

Wer nur auf heiße Börsentipps aus ist, braucht keine Analysen zu lesen. Er schaut sich allein die Empfehlungen in den vielen Onlinebanken (onvista, comdirect, maxblue) an oder hört auf den Nachbarn oder einen zuverlässigen Insider. Wer sich darüber hinaus noch informieren will, studiert die Wertpapieranalysen.

Ungeachtet dessen zählt die Analyse – auch Research genannt – zu den „ruhigsten Bereichen“ im Börsengeschäft. Das liegt am fehlenden Status eines Profit-Centers und dem klar abgegrenzten Aufgabenfeld. Das Arbeitsklima in der Branche mit seinen Abhängigkeitsverhältnissen und Spannungsfeldern dürfte nicht wesentlich anders als in der übrigen Finanzwirtschaft sein, was sich an den niedrigen Fluktuationszahlen und den eher hohen Bewerberzahlen abzulesen ist.

Der Mehrwert, den das Wertpapier-Research für die allgemeine Finanzkommunikation leistet, konzentriert sich auf drei Hauptpunkte:

  1. Popularisierung der Fachsprache auch im internationalen Kontext

Spezialisten wie Wissenschaftler, Juristen, Techniker, Juristen, Mediziner und nicht zuletzt auch die Wertpapieranalysten bedienen sich ihrer eigenen Fachsprache. Damit wird sichergestellt, dass gleiche Sachverhalte weltweit – so das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) in der Aktienbewertung –  überall gleich verstanden werden. Auch muss ein Anleger die Fachargumentation seines Beraters verstehen, der wiederum durch die Analysten geschult wird. Wer sich ein plastisches Bild über ein unbekanntes und börsennotiertes Unternehmen machen will, der liest am besten zuerst eine fundamentale Kurzstudie, bei Außerachtlassung der dortigen Empfehlung.

  1. Verbreitung des Wissens über die Kapitalmärkte durch Publikationen

Dieser Punkt knüpft direkt an den vorangegangenen an. Wertpapieranalysten sollen dem Anleger die komplizierten Börsenzusammenhänge näher bringen und helfen die Fachpresse und die Medien in Wirtschaftsfragen zu verstehen. Es wird den Vermittlern nicht immer einfach fallen, in den Publikationen die „Verständnisgrenze“ eines Börnsenlaien richtig zu treffen. Nicht alle haben dafür Talent. Hinsichtlich der Qualität verschiedener Studien und Informationsbroschüren werden von Privatanlegern schon merkliche Meinungsunterschiede geäußert. Die Analyse ist für den anspruchsvollen Anleger zudem als Vorstufe für das Verständnis der komplizierten Geschäftsberichte aufzufassen.

  1. „Kontaktvermittlung“ zwischen dem Top-Management und den Kapitalmarktakteuren

Unternehmenslenker werden naturgemäß ihre Unternehmen immer im positiven Licht darstellen,  Analysten sind dagegen diejenigen, die vom Fachwissen her an verschiedenen Maßnahmen und Zuständen auch öffentlich Kritik äußern können und dürfen. Dadurch entstehen erst eine ausgewogene Meinung und ein Gegengewicht zum Meinungsmonopol der Vorstände. Es gibt eine Vorstandsstatement aber zahlreiche Analystenmeinungen. Viele bekannt gewordene Affären wurden zuerst durch engagierte „investigative“ Analysten aufgedeckt. Im Unterschied zu einigen  Wirtschaftsjournalisten verfügen Analysten über profunderes Fachwissen.

Die S.W.O.T.- Matrix des Berufsbildes

Die beschriebenen Pros und Cons des Analystenberufes lassen sich in einer Art von S.W.O.T.- Matrix zusammenfassen. Dieses von der Harvard Business School in den 1960er Jahren entwickelte Instrument des Strategischen Managements und der Marketingstrategien zeigt wichtigste Stärken, Schwächen, Risiken und Chancen einer Unternehmung oder Branche und wäre u. E. auch auf die Beschreibung des Berufsbildes des Fundamentalanalysten anwendbar.

Stärken

 

attraktives Gehalt

breite Einsetzbarkeit im Investmentbanking

Geltung (Analystenkonferenzen, Fachpresse)

Propädeutik der Börsenthemen

Chancen

 

gutes Karrieresprungbrett

häufiger Arbeitgeberwechsel unschädlich

Kontaktmöglichkeiten (Veranstaltungsdichte)

Schwächen

 

Innerbetriebliches Abhängigkeiten (Vertrieb)

oft ethische Bedenken (Opportunismus verlangt)

 

Risiken

 

Konjunkturabhängig (Abteilungsschließung)

Interessenskonflikte mit bewerteten Emittenten

 

 

Wie gezeigt, birgt der Beruf eines Aktien- und Wertpapieranalysten viele Facetten. Bei den bald anstehenden DAX-Prognosen 2017 werden viele wohl mit dem Strom schwimmen und von einem steigenden Index ausgehen.

Dr. Viktor Heese  –  war 28 Jahre in der Wertpapieranalyse tätig und ist heute als Dozent und                             Fachbuchautor aktiv

Foto: Martin Abegglen/Flickr/ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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