Wie passen Dauerkrisen und Rekordbörsen zusammen?

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Von Dr. Viktor Heese

Griechenland-, Ukraine-, Brexit-, Migrations- und zuletzt die „Trump“-Krise. Eine politische Krise jagt die andere, es herrscht eine Dauerkrise – so berichten unermüdlich unsere Medien. Wo bleibt die Wirtschafts- und die Börsenkrise? Als die Weltbörsen 2008 tatsächlich zusammenbrachen, gab es keine politische Krise. Haben die haussierenden Aktienbörsen mit der obigen Dauerkrise nichts zu tun?

Worauf reagieren die Aktienkurse?

Die Aktienmärkte reagieren in erster Linie sensibel auf die Gewinn- und Zinsveränderungen. Steigende Gewinne sind gut, steigende Zinsen schlecht für die Aktienbörsen und vice versa. „Politische Börsen haben kurze Beine“ – heißt dagegen ein alter Börsenspruch. Haben diese keine Auswirkungen auf die Zinsen und die Gewinne, reagiert die Börse nicht.

Der Niedrigzins bleibt in der Dauerkrise auf absehbare Zeit intakt

In den letzten 10 Jahren fielen die Zinsen andauernd, was für steigende Aktienmärkte sprach. Der Niedrigzins bleibt intakt. Durch den Anleihenkauf der EZB, die mit dem von „ihr gedrucktem Geld“ bezahlt, ist das Geld nicht mehr knapp. Sein Preis – der Zins – fällt und tendiert gegen Null. Wir haben ein Geldüberangebot. Weil das neu „gedruckte Geld“ aber nicht oder nur zum Teil in den Güterkreislauf gerät und primär zum Schuldenmachen dient, besteht keine Inflationsgefahr. Die steigenden Immobilienpreise können nur einen kleinen Teil der zusätzlichen Geldmenge absorbieren. Die These von der Vermögensinflation ist in diesem Kontext nicht ganz gerechtfertigt. Weil der Zins niedrig bleibt, wirkt der Spruch, es gäbe für den Anleger keine Alternative zur Aktie, gar nicht so dumm. So lange es so weiter geht, sehen die Aktienmärkte keine Gefahr und haussieren munter weiter, auch wenn der DAX schon vor einem Jahr sein Allzeithoch hatte. Dort bewegt er sich jetzt hin. Dass die Schuldner von niedrigen Zinsen massiv profitieren, ist die andere Seite der Medaille.

Unternehmensgewinne bleiben von der Dauerkrise wenig berührt

Was machen die Gewinne in der Dauerkrise? Die Bürger, Nachrichtenleser oder der Talkshow-Zuschauer haben nicht den Eindruck, die Konjunktur sei hierdurch massiv in Gefahr geraten und die Unternehmensgewinne bedroht. Uninformierte Journalisten versuchten mit martialischen Sprüchen das Gegenteil zu beweisen. Die wirklichen Experten (Wirtschaftsforscher, Verbände, Investmentbanker) bleiben jedoch auffallend zurückhaltend. Denn die ökonomische Realität hatte viele eingeholt. Keiner will sich blamieren. Da helfen keine Warnungen vor angeblichen Wohlfahrtsverlusten wegen „Abschottungen der Märkte“ noch moralischen Appelle, Sprüche und pseudoökonomischen Thesen.

Die Kirche sollte im Dorf gelassen werden. Die vorgenannten politischen Krisen müssen der Wirtschaft nicht unbedingt schaden. Die Russland-Sanktionen sind z.B. im globalen Maßstab unbedeutend. Durch den Brexit werden die Jahrhunderte alten Handels- und Finanzbeziehungen Britanniens mit Kontinentaleuropa nicht signifikant gestört. Der Trump-Sieg konnte für die Wirtschaft und die Firmengewinne nur gefährlich werden, wenn der erste Mann im Weißen Haus Steuererhöhungen geplant hätte. Das Gegenteil ist aber der Fall. Schließlich tangieren selbst die massiven Migrationskosten von 30 Mrd. € jährlich die deutsche Wirtschaft kaum. Diese Mammut-Belastungen gehen zu Lasten des Steuerzahler und der öffentlichen Haushalte, primär der Kommunen. Selbst wenn der finanzklamme Staat sich weiter verschulden wird, kann damit nicht automatisch behauptet werden, der Vorgang sei per se wachstumshemmend. Eine direkte Korrelation zwischen den jährlich schwankenden Wachstumsraten und dem permanenten Schuldenanstieg ist nicht erkennbar.

Haben politische Krisen denn keine ökonomischen Auswirkungen?

An dieser Stelle kommt die Erkenntnis: politische Krisen besitzen ökonomische Auswirkungen, diese sind aber nicht Gewinn- oder Zins- sondern vielmehr verteilungsrelevant. Dass durch die politischen Turbulenzen die Reichen reicher werden und die Armen ärmer, stört die gefühllose Börse nicht. Die Börse bleibt immun gegen reine Verteilungskämpfe. Auch in den Zeiten vor der Dauerkrise gab es vor der Jahrtausendwende markante Verschiebungen zwischen der Lohn- und der Gewinnentwicklung. Die Börse interessierten aber immer nur die Gewinne.

Zum Schluss bleibt zu fragen, ob ein Sieg der „Populisten“ in Frankreich und Deutschland für die Aktienmärkte gefährlich sein kann. Ja und Nein. Ja, wenn dadurch die EZB „entmachtet“ wird und Zinserhöhungen vor der Tür stehen. Nein, weil sich – wenigstens in Deutschland – die AfD zur freien Marktwirtschaft und zur Stärkung des Mittelstandes bekennt. Das wäre nicht schädlich für die Unternehmensgewinne. Bleibt noch der Euro. Ein Zerfall der Euro-Zone und die Rückkehr zu den Nationalwährungen sind länderindividuell zu betrachten. Im alten Spruch der Nationalökonomie heißt es „Starke Wirtschaft, starke Währung“. Das bedeutet die Währung  an die ökonomische Entwicklung gekoppelt ist und nicht umgekehrt. Mit Währungstricks wie Ab- oder Aufwertungen lassen sich BIP-Wachstum und Gewinne auf Dauer nicht stimulieren.

So könnte es passieren, dass die „Populisten“ gewinnen, die Journalisten wie gewohnt einen großen Katzenjammer veranstalten und die Börsen weiter steigen. Eine verrückte Welt.

Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor /

 

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