DIE „WELT“ ORAKELT WEITER

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Erdingers Weissheiten – Das Schlimmste von gestern

Von Max Erdinger

In meiner gestrigen Kolumne beschäftigte ich mich mit einem Artiel von Andreas Ross in der FAZ („Kein Freundschaftsorden für Andreas“) und kam dabei zu dem Ergebnis, daß der Mann als Korrespondent der FAZ in Washington drei Seiten lang nichts anderes getan hat,  als Gerüchte, Behauptungen und „Plausibilitäten“ wiederzugeben, so, wie sie in Washington bezüglich einer behaupteten russischen Cyberattacke auf Mailserver der US-Regierung kursieren. Weder Ross noch einer seiner Zitierten konnte mit irgendwelchen Belegen aufwarten.

http://journalistenwatch.com/cms/kein-freundschaftsorden-fuer-andreas/

Die WELT legt nun heute noch nach. Unter der Schlagzeile „US-Sender: Putin selbst gab Anweisungen für den Umgang mit gehackten Clinton-Mails“ bleibt allerdings auch die WELT jeden Beleg schuldig und beruft sich nur auf Gerüchte, die in Washington umlaufen.

https://www.welt.de/newsticker/news1/article160309442/US-Sender-Putin-selbst-gab-Anweisungen-fuer-Umgang-mit-gehackten-Clinton-Mails.html

Zunächst also beruft sich die WELT auf einen US-Sender. Es handelt sich dabei um NBC. Das ist ein Sender, auf den ich mich nach seinen Pro-Clinton-Wahlprognosen nicht einmal mehr dann verlassen würde, wenn er behauptet, auf meiner Wurstsemmel befände sich ein Gürkchen. Ich würde selber nachsehen. NBC wiederum beruft sich auf die New York Times – Zitat: >“Die „New York Times“ hatte berichtet, US-Geheimdienste gingen „mit hoher Sicherheit“ davon aus, dass russische Hacker in die Computersysteme sowohl der Republikaner als auch der Demokraten eingedrungen seien. Sie hätten aber nur die von den Demokraten gestohlenen Informationen an die Öffentlichkeit gebracht. Der designierte US-Präsident Donald Trump hatte die Berichte am Sonntag als „lächerlich“ zurückgewiesen.“< – Zitatende.
Von der „hohen Wahrscheinlichkeit“ bis zur „hohen Sicherheit“ ist es nur ein klitzkleiner Schritt. Es gibt keine hohe Sicherheit. Wenn etwas nicht absolut sicher ist, dann hat es allenfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit. „Sicherheit“ klingt halt „definitiver“ als „Wahrscheinlichkeit“. Mit Inexistentem wie der „hohen Sicherheit“  – und das weiß man in den Redaktionen dieser Welt überall – kann man allerdings ein Publikum „informieren“, welches nach jahrzehntelanger relativistischer Gehirnwäsche gelernt hat, daß praktisch alles abzustufen bzw. zu relativieren sei. Es gibt den „aktuellsten“ Wetterbericht, der also auf mysteriöse Weise „aktueller“ ist als der aktuelle, genauso, wie mehr oder weniger Demokratie und mehr oder weniger Freiheit. Immerhin leben wir in einem Land, in dem Willy Brandt für eine ganz große Leuchte gehalten wird. Um das zu unterstreichen, wird Brandt gerne zitiert mit seinem Ausspruch von nach der Wahl 1969: „Laßt uns mehr Demokratie wagen!“. Bisher scheint noch keinem aufgefallen zu sein, daß Brandt nicht nur die Demokratie für einschränkungs – bzw. ausweitungsfähig hielt, sondern daß er auch noch behauptet hatte, Demokratie sei ein Wagnis. Aber zurück zur WELT: „Hohe Sicherheit“ heißt also in dem Zusammenhang korrekt übersetzt: Man ist sich bei den US-Geheimdiensten nicht sicher. Aber wer ist sich nun bei den US-Geheimdiensten mit hoher Sicherheit nicht sicher? – Zitat: >“Dies berichtete der Sender am Mittwochabend unter Berufung auf zwei hochrangige Geheimdienstverantwortliche.“< – Zitatende.

Aha. Hohe Sicherheit und hochrangige Geheimdienstverantwortliche. Was ist ein Geheimdienstverantwortlicher? Einer, der im Geheimdienst verantwortlich ist für etwas? Einer, der außerhalb des Geheimdienstes für den Geheimdienst verantwortlich ist? Ein Geheimdienstbeauftragter etwa? Was, bitteschön, soll ein „Geheimdienstverantwortlicher“ genau sein? – Egal. Hochrangig ist er halt. Dann ist ja alles gut. Hochrangige wissen bekanntlich alles besser als die dummen Subalternen. Wenn der Hochrangige sich mit hoher Sicherheit so gut wie absolut sicher ist, dann wird´s wohl stimmen. Bevor ich diesen kleinen Einschub vergesse: Mit hoher Sicherheit hält man sowohl bei der FAZ als auch bei der WELT die mediale Gegenöffentlichkeit für Produzenten von „Fake-News“. Mit absoluter Sicherheit ist aber „Fake-News“ ein Begriff, der von der Lügenpresse erfunden worden ist, um auch ein Keulchen in der Hand zu halten, mit dem sie ein bißchen zuschlagen kann. Da lacht meinereiner drüber und sagt sich: Mir doch egal. Wenn die Lügenpresse gerne einen zweiten Begriff haben möchte, mit dem sie bezeichnet werden kann – und wenn „Fake-News“ der Begriff ist, der ihr gefällt -, dann verwende ich in Zukunft eben abwechselnd „Lügenpresse“ und „Fake-News“, um diese gekauften Schmieranten zu benennen. Soll keiner sagen, ich sei nicht tolerant, was Begrifflichkeiten angeht.

Und dann das noch – Zitat: >“Dann habe der russische Präsident sein Vorgehen ausgeweitet, um das politische System in den USA als korrupt darzustellen, berichtete der Sender weiter. Die „Washington Post“ hatte am Freitag unter Berufung auf interne Unterlagen des US-Geheimdienstes CIA berichtet, dass Insider mit Verbindungen nach Moskau die Enthüllungsplattform Wikileaks mit gehackten E-Mails der Demokratischen Partei versorgt hätten.“< – Zitatende.

Ja, was denn jetzt? Haben amerikanische Geheimdienst-Insider mit Verbindungen nach Moskau Informationen an Wikileaks weitergegeben – oder haben russische Hacker die Informationen besorgt? Oder ist alles noch viel schlimmer und die ganze CIA besteht inzwischen aus Russen? Und ist es denn die Möglichkeit, daß Putin versucht haben könnte, das politische System der USA als korrupt „darzustellen“? Wozu eine Darstellung, wenn eine einzige zutreffende Behauptung ausgereicht hätte? Putin muß gar nichts darstellen. So etwas kann er einfach behaupten – und wenn es jemand nicht glauben will, kann er die Belege nachliefern. Mit „hoher Sicherheit“ sogar!

Aber sei es wie es: Wenn auch alle ihre Geheimdienste haben, um Dinge auszuspionieren, die eigentlich hätten geheim bleiben sollen, so ist doch die CIA der einzige Geheimdienst, der das niemals tun würde. Der heißt nur so. Das amerikanische Kriegsministerium heißt schließlich auch Verteidigungsministerium. Vielleicht ist es aber auch nur so, daß die CIA in Rußland nichts wirklich Verwertbares findet. Jetzt sind sie halt ein bißchen eingeschnappt beim amerikanischen Transparenzdienst. Und Trump nimmt die US-Transparenzdienste schon gar nicht mehr für voll. Wie sollte er auch nach all´ den Fehleinschätzungen und Desinformationen, mit denen frühere US-Regierungen via US-Transparenzdienst in katastrophale Kriegsabenteuer hineingelockt worden sind? Trump will halt vermeiden, daß er aus Versehen Liechtenstein dem Erdboden gleichmacht, weil er dem Irrtum erlegen ist, der Fürst horte Massenvernichtungswaffen unter seinem Bett.

Foto: Fotolia/sebra

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