Historiker Dr. Wolffsohn: AfD weder nationalsozialistisch, noch antisemitisch

Ein kluger Kopf: Dr. Michael Wolffsohn (Foto: Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42856875
Ein kluger Kopf: Dr. Michael Wolffsohn (Foto: Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42856875

Wer Jahrtausende lang verfolgt wurde, wie die Juden, bekommt ein feines Gespür für Gefahr. Glaubt man dem Mainstream, ist am letzten Sonntag eine Art „NSDAP 2.0“ in den Reichstag … äh, Bundestag eingezogen. Da sitzt der jüdische Historiker Dr. Michael Wolffsohn (der übrigens Militärhistoriker bei der Bundeswehr war) doch bestimmt schon auf gepackten Koffern – letzte Ausfahrt Israel. Oder etwa nicht?
Im Gegenteil. Kaum einer sieht die Lage so entspannt wie er.
Lesen Sie, liebe JouWatch-Leser, seine kluge AfD-Analyse,die Dr. Wolffsohn dem Phoenix-Moderator Stephan Kulle hinter die erstaunten Ohren schrieb…

Von Oliver Flesch

Moderator Kulle beginnt gewohnt tendenziös: „Eine Kollegin sagte mir gestern, sie war nach dem Wahlergebnis völlig fertig, konnte  sich gar nicht wieder beruhigen und zu guter Laune aufraffen, ging’s Ihnen ähnlich?“

Mit „Das ja“ antwortet Dr. Wolffsohn wie gewünscht und wie geplant. Erfreulicherweise zum letzten Mal in diesem Interview, Wolffsohn: „Aber es kommt nicht auf die Gefühle an, sondern auf die rationale Analyse. Gerade in Bezug auf ein so hochemotionales  Thema wie die neue Rechte in Deutschland und Europa. Empörung ist kein guter Ratgeber für gute  Politik.“

Phoenix-Kulle: „Deshalb bin ich froh, dass ich jetzt nicht mit einem Politiker rede, sondern mit einem Historiker, der sieht die  Dinge ein bisschen anders, eher auf Langzeit angelegt. Aber mal auf Kurzzeit gefragt – wenn Herr Gauland von der AfD sagt, er will nicht als Nazi bezeichnet werden, würden Sie das unterstützen?“

Wolffsohn: „Da hat er völlig recht … Mit dem Etikett Nazi sollte man vorsichtig sein, denn man hat es seit den späten 60er Jahren so inflationiert, dass der Hammer gar nicht mehr wirkt. Wenn selbst Herr Gauland, der 87 Prozent (der Deutschen) – und auch mir – nicht zusagt, schon als Nazi bezeichnet wird, dann kann ich als Historiker nur sagen: ,Liebe Leute, ihr habt keine Ahnung, was der Nationalsozialismus war.  Also redet nicht über etwas, das ihr nicht versteht.‘

Der Nationalsozialismus war eine mörderische, eine verbrecherische Organisation, die 57 Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. Gucken Sie sich die Entstehung und Machtergreifung der Nationalsozialisten an und vergleichen Sie es mit der AfD – das ist schlicht und ergreifend inakzeptabel. Also: Schluss mit dem Unsinn!“

Phoenix: „Gut, dann bewerb ich mich mal um das Ergebnis einer Diagnose: Wie charakterisieren Sie die AfD? Da gibt’s ja verschiedene Begriffe, Extremisten, rechts, neorechts, altrechts und dergleichen…“

Wolffsohn: „Begriffe sollten die Wirklichkeit beschreiben, das ist die Funktion eines jeden Wortes. Wenn ich die AfD als Nazi-Partei bezeichne, und die Nazis etwas völlig anderes waren, kann ich es nicht richtig beschreiben.

Und extremistisch, was heißt das? Im Vergleich zu wem? Auch das ist wieder ein relativer Begriff. Tatsache ist, und das führte zum Wahlergebnis: Es gibt in Europa einen harten rechten Kern, der ist nationalistisch, aber nicht mörderisch.

Die Frage ist, wodurch ist die neue Rechte entstanden? Die Antwort lautet: Wir befinden uns in einer fundamentalen bevölkerungspolitischen Veränderung, in einer demografischen Revolution. Schauen Sie sich die Bilder der 1954er Nationalmannschaft und der heutigen an. Da sehen Sie ein Spiegelbild der Gesellschaft und Neuerungen verängstigen viele Menschen.

Wenn jetzt Teile dieser neuen Gesellschaft auch noch Bomben werfen, Verhaltensweisen im Alltag zeigen, Frauen gegenüber beispielsweise, dann steigt die Angst.  Das ist der Kern des neuen rechten Phänomens.“

Phoenix: „Danke für Diagnose, jetzt geht’s um die Therapie – was empfehlen Sie?“

Wolffsohn: Erstens: Ich empfehle die Probleme zu benennen. Man kann nicht nur sagen, wir schaffen das.

Zweitens: Es geht wirklich nicht, dass eine völlig unkontrollierte Zuwanderung stattfindet. Es sind Hundertausende ohne Papiere eingereist … Flüchtlingen helfen, ja, Menschen in Not helfen, ja, aber doch nicht naiv sagen: Nun kommt alle mal, und wenn da auch Terroristen dabei sind – Pech gehabt! Also: Hier muss die Kontrolle stattfinden.”

Der PHOENIX- Moderator startet einen letzten Versuch, Wolffsohn wenigstens ein paar negative Dinge über die AfD sagen zu lassen: „Nun sagte Herr Gauland, dass der Schutz von Israel als Staatsraison in Frage gestellt werden soll.  Das wird Sie doch schon umtreiben…“

Wolffsohn kühl: „Nein. Da muss man schon den gesamten Zusammenhang kennen und sich erinnern.  Als Herr Gauck in Israel war, hat er genau diese Feststellung von Angela Merkel aus 2008 vor dem israelischen Parlament in Frage gestellt. Er sagte, das seien Konsequenzen über die wir nachdenken müssen. Merkels Satz war problematisch. Und Herr Gauland hat nichts anderes gesagt, als Gauck und viele andere auch.  Es ist bei Herrn Gauland offenbar etwas anderes als wenn’s Herr Gauck sagt.
Noch einmal:  Das jüdische Thema ist nicht das zentrale Thema der AfD und sie ist nicht in ihrer Gesamtheit, auch nicht Herr Gauland, antisemitisch.

Phoenix: „Manchmal hilft uns das Nachdenken eines Historikers vielleicht sogar etwas weiter als manche Polizei. Ich danke dafür recht herzlich, Dr. Wolffsohn.“

Nanu! Sollte Moderator Stephan Kulle tatsächlich etwas dazugelernt haben? Klingt ja fast so. Na, wir werden das weiter beobachten. Und falls Ihnen, liebe JouWatch-Leser, im Netz wieder einmal „Fakten-Flüchtlinge“ die ranzige Nazikeule um die Ohren hauen, verlinken Sie doch einfach dieses Interview. Dann sollte Ruhe sein. Falls nicht, ist Ihr Diskussionspartner nicht mehr zu retten.

 

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