Verbitterte britische EU Befürworter ärgern sich über die gute Konjunktur auf der Insel

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Großbritannien geht es wunderbar - dank Brexit (Foto: Pixabay)

Entgegen sämtlicher Warnungen und Erwartungen ist die britische Volkswirtschaft nach dem Brexitreferendum und dem Entschluss, aus der EU auszutreten, nicht in ein bodenloses Loch gefallen, sondern ist im Gegenteil quicklebendig. Das sollte allen gefallen, allerdings stören sich britische EU-Befürworter daran, dass es offenbar auch ohne EU geht.

Von Ingmar Blessing

Gestern wurden die Wirtschaftszahlen für das gerade ablaufende zweite Quartal dieses Jahres veröffentlicht, nach denen die Wirtschaft um gesunde 0,3 Prozent gewachsen ist und damit Befürchtungen entkräftet, dass dem Land eine anhaltende Rezession drohen könnte, wie der Express berichtet.

Noch ermutigender ist eine Umfrage der Britischen Industrievereinigung, laut der in den Fabriken des Landes die Produktion in einer Rate hochgefahren wird, wie es seit 22 Jahren nicht mehr der Fall war und was von einem Anstieg der Auslandsnachfrage getrieben wird. Mit der stärkeren Auslastung entstehen auch neue Arbeitsplätze, wobei sich die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit 1973 befindet.

Auch die Inflation ist bislang kaum merklich gestiegen. Im letzten Monat fiel sie auf 2,6 Prozent, was zeigt, dass die monetäre Lage auf der Insel nach wie vor äußerst stabil ist.

Das alles steht im krassen Gegensatz zu den düsteren Prognosen jener EU Befürworter, die noch immer nicht über die Austrittsentscheidung hinwegkommen können und nach wie vor davor warnen, dass der Brexit zu Massenarbeitslosigkeit und einer Verarmung des Landes führen wird. Bislang, also gut ein Jahr nach der Austrittsentscheidung und knapp 21 Monate vor dem offiziellen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU deutet nichts auf eine solche Zukunft hin.

Trotzdem müssen jene, die einen „weichen“ Brexit fordern, oder gar ein zweites Referendum oder das generelle Abblasen des Austritts weiterhin das Bild einer drohenden Katastrophe vermitteln, da es jenseits des wirtschaftlichen Arguments kaum Gründe gibt, weshalb das Land in der EU bleiben soll. Die Politik in Brüssel ist inkompetent und unbeliebt wie eh und je und die unkontrollierten legalen und illegalen Migrationsbewegungen – ein Hauptgrund für die Austrittsentscheidung – sind noch immer ein Problem ohne adäquate Lösung. Nicht zuletzt war die EU (damals noch die EWG) beim Eintritt des Landes auch immer nur eine Zweckentscheidung, die Union wurde nie als politisches Projekt gesehen, sondern als ein rein wirtschaftlich nutzenstiftendes.

Nun aber, mit dem bevorstehenden Austritt und der trotz aller Unkenrufe immer besser dastehenden Wirtschaft wirken die Äußerungen und Prognosen der EU Befürworter, die alles als „trotz des Brexit“ bezeichnen nur noch deplatzierter, vor allem, da es scheint, dass Großbritannien im wirtschaftlichen Bereich weitere Etappensiege einfahren könnte und das trotz möglicher Verluste für das Londoner Finanzgeschäfts zugunsten von Paris und Frankfurt.

Gerade erst gestern kündigte BMW an, den neuen elektrischen Mini in Oxford bauen zu wollen, nachdem davor das Gerücht umging, dass die gesamte Produktion in die Niederlande verlagert werden würde. Bezeichnenderweise betitelte die europhile Financial Times und andere Nachrichtenseiten die zugehörige Nachricht mit „Elektrischer Mini wird trotz Brexit von BMW in GB gebaut„.

Viel eher aber ist wahrscheinlich, dass nicht nur BMW, sondern auch andere Unternehmen wie aktuell easyJet und Amazon sich nicht „trotz Brexit“ für Großbritannien entscheiden, sondern „wegen des Brexit“.

Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Brüssel ermöglicht es dem Land, seine wirtschaftsfreundliche Kultur stetig zu verbessern, ohne in das überbordende Regulierungskorsett aus Brüssel eingezwängt zu sein. Dort reguliert man nicht nur gerne zu viel als zu wenig, sondern muss dabei auch die Interessen von über 500 Millionen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Umweltbedingungen und Wirtschaftsrahmen berücksichtigen. Großbritannien ist kleiner und homogener und daher können Entscheidungen auch näher an der Sache getroffen werden. Die unter Margaret Thatcher zurückgewonnene Flexibilität der brititschen Wirtschaft und das marktwirtschaftsfreundliche Umfeld sind ein Trumpf, den ein post-Brexit-Großbritannien voll ausspielen kann. Nicht zuletzt hat das Land auch die niedrigsten Unternehmenssteuern aller G20 Länder, die bis 2020 noch weiter auf 17 Prozent fallen sollen.

Es sind aber nicht nur Unternehmen im Handels- und Produktionssektor, denen die Aussicht auf ein Großbritannien mit wieder gewonnener Eigenständigkeit gefällt und beispielsweise die Eurotunnelgruppe laut Express am Dienstag erst sagte, dass ihr „Ausblick auf die britische Wirtschaft positiv bleibt“ und „keine nennenswerten Auswirkungen des Brexit auf ihr Geschäft zu erwarten sind“.

Auch die Finanzindustrie hat sich offenbar mit der Vorstellung von London als ein außerhalb der EU befindlichen Zentrum abgefunden, wo man künftig zwar etwas weiter entfernt sein wird von den Finanzströmen aus Kontinentaleuropa, allerdings weiterhin ein einmaliges Netzwerk und Tätigkeitsumfeld vorfindet für das es keine Konkurrenz gibt. Laut Reuters planen Londons Banken aufgrund des Brexit einen Personalabbau von bis zu 9.000 Mitarbeitern, was sich allerdings maximal auf gerade einmal etwa 5 Prozent des Gesamtpersonals im britischen Bankenwesen summiert. Das ist kein unbedeutender Anteil, aufgrund der sich noch abzeichnenden Entwicklung aber auch noch nicht in Stein gemeißelt.

Eine der größten Gefahren droht laut Express von den Austrittsverhandlungen der britischen Regierung mit Michel Barnier und Guy Verhofstad von der EU. Verhofstad selbst bestätigte öffentlich, dass die EU zwingend dafür sorgen muss, dass Großbritannien nach dem Austritt schlechter dasteht als es als Mitglied dastand, damit andere Mitglieder des massiv kriselnden Blocks das Land nicht zum Vorbild nehmen und selbst austreten.

Sollte die britische Regierung bei den Verhandlungen aber gute Arbeit leisten, oder im Zweifel den Verhandlungstisch ohne Austrittsvertrag verlassen, dann könnte Großbritannien aufgrund seiner unterschätzten wirtschaftlichen und politischen Widerstandskraft wieder einmal zum entscheidenden Stolperstein werden für die – dieses Mal freiwillig – erzwungene politische Vereinigung des Kontinents.