Kontroverse um Spitzengehälter bei der BBC, oder: Die Idiotie unserer Zeit

Vorgestern veröffentlichte die BBC die Gehaltsliste ihres Spitzenpersonals und löste damit einen Proteststurm aus.

Von Ingmar Blessing

Den Beschwerdeführern ging es bei ihren Wortmeldungen nicht darum, dass etliche der Stars die öffentliche Rundfunkanstalt nach allen Regeln der Kunst ausnehmen, oder dass Ministerpräsidentin Theresa May mit ihrem 150.000 Pfund Jahresgehalt dramatisch unterbezahlt sein könnte und im Jahr gerade einmal so viel bekommt, wie einige der BBC Stars im Monat verdienen.

Nein. Es kam vielmehr – wie so oft heutzutage – auf der Stelle zu einer thematischen Verschiebung der Debatte hin zur Tatsache, dass neun der zehn Spitzenverdiener Männer sind. Die erste Frau rangiert erst auf Platz 8 der Liste mit knapp 500.000 Pfund, was, so der Vorwurf, ein Beweis für die institutionelle Diskriminierung von Frauen bei der BBC sei.

Das alles wird selbstredend vorgetragen ohne auf relevante Phänomene der Realität hinzuweisen. Etwa die Berufserfahrung eines Moderators, dessen Beliebtheit beim Publikum, oder die Tatsache, dass es dem Fernsehpublikum offenbar egal ist, ob sie von einem Mann oder einer Frau unterhalten werden, sondern sie einfach nur Talente bevorzugen. Und die Einschaltquoten zeigen nun einmal, dass dies zufälligerweise mehr Männer seien, wie Carl Benjamin bei YouTube in einem mit „Der dumme BBC-Gehälter-Nicht-Skandal“ betitelten Video den Sachverhalt kommentiert.

Erstaunlicherweise ist es vor allem die BBC selbst, die in einem Akt von zur Schau gestellter Neutralität ihrem eigenen „Fehlverhalten“ versucht auf die Spur zu kommen und dabei die falsche Fährte zum sogenannten Gender Pay-Gaps legt. Ross Clark, ein Kritiker des älteren britischen Zwillings unseres deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks weist im Spectator darauf hin, dass die BBC die „Gelegenheit nutzte, um der Geschichte ihren eigenen Dreh zu verleihen – der darin bestand, das Thema in eines der Geschlechterungleichheit umzudeuten, weil nur ein Drittel der Gehälter ab 150.000 Pfund an Frauen geht. Generaldirektor Tony Hall sagte, die BBC würde fleißig daran arbeiten, die Lücke bis 2020 zu schliessen. Mit anderen Worten, gebt ein paar Frauen eine dicke Gehaltserhöhung und alles wird gut“.

Es geht laut Clark bei dem ausgeführten Veitstanz also nicht um mutmaßliche systematische Diskriminierungsstrukturen. Nein, es ist eine rein plakativ präsentierte Ersatzdiskussion rund um eine Thematik, die einerseits zu wenig Substanz hat um wirklich erörtert zu werden, und die andererseits von anderem ablenkt, das potenziell tatsächlich schädlich sein könnte für den Komplex BBC. Man zündet das Debattenfeuerwerk also lieber gleich selbst und brennt es leicht abseits von da ab, wo etwas wichtiges kaputt gehen könnte.

Aber nicht nur die BBC und linke Zeitungen wie der Guardian – wo sich prompt ein schwarzer Kolumnist über die Abwesenheit von Schwarzen auf der Liste beschweren durfte – beteiligen sich an der Scheindebatte um den Gender Pay-Gap bei der BBC. Auch der eigentlich konservative Daily Telegraph und ereifert sich darüber, dass Fußballmoderator Gary Lineker mit 1,7 Millionen Pfund mehr als drei Mal so viel mit nach Hause nimmt wie die bestbezahlte Frau des Senders. Ein Preis, für den man zugegebenermaßen nicht nur Oliver Kahn und Mehmet Scholl, sondern den kompletten KSC Kader der 1990er Jahre bekäme.

Gary Linekers Agent Jon Holmes erklärt die großen Gehaltsunterschiede mit der mangelnden Qualität der Agenten vieler weiblicher Moderatoren. Ob sich die Lücke aber schließt, wenn deren Agenten bessere Verträge aushandeln, oder gar auseinander geht, falls sich die schlechter bezahlten Männer ebenfalls von besseren Agenten vertreten lassen, sagt er nicht. Er belässt es mit der Einschätzung, dass es „ein Versagen des Agenten ist, falls eine Klientin die selbe Arbeit leistet (wie ein Mann), aber weniger Geld bekommt“.

Immerhin, der Telegraph weist auf eine der Lücken im ÖR-System hin, die auch in Deutschland über die Jahre die Fluttore für Korruption und Bereicherung weit aufgerissen hat: Moderatoren, die ihre Sendungen selbst produzieren und mit einem Pauschalbetrag bedient werden, weshalb die meist äußerst großzügigen Gehälter nicht veröffentlicht werden müssen. Hadmut Danisch bemerkte erst kürzlich die miserable Bildqualität von Sandra Meischbergers extern produzierter Diskussionssendung. Offenbar spart man wo es geht, um den Rest in Form von Gehältern abzugreifen. Nicht anders werden über diese Methode auch in Großbritannien gerne mal Produktionskosten gespart. Etwas, das für die BBC intern mit ihrem Gesamtbudget von ungefähr 5 Milliarden Pfund selbstredend nicht infrage kommt.

Eine nennenswerte Ausnahme von dieser Regel war Top Gear unter den alten Moderaten rund um Jeremy Clarkson, die nach ihrem Rauswurf und Neubeginn bei Amazon das eigene Einkommen geschätzt verzehnfachen konnten, sie also dramatisch unterbezahlt waren in ihrer Zeit bei der BBC, wenn auch damals bereits üppig entlohnt.

Während Clark in seinem Spectator Artikel die alten Argumente bemüht und meint, dass wenn „die BBC meint, sie muss dicke Gehälter zahlen, um mit dem Privatsektor um Talente mitbieten zu können, dann unterminiert sie ihre eigene Stellung als öffentlich-rechtlicher Dienstleister“, so ist letztlich nicht sicher, ob es bei der Debatte überhaupt um eine rationale Güterabwägung geht, oder einfach nur ein medialer Sturm im Wasserglas veranstaltet wird, um eben genau von einem solchen Hinterfragen des öffentlich-rechtlichen Zirkus‘ abzulenken.

Denn auch die Fleet Street hat über die Jahre gelernt, die BBC für sich zu nutzen, weshalb es nicht zwingend ein Interesse am Ende oder einem Geraderücken der Rundfunkanstalt gibt. Die überwiegend nicht links angesiedelten Zeitungen aus London profitieren nämlich vom merklichen Linksdrall der BBC seit den 1980er Jahren. Sie können sich – wie etwa auch Channel 4 oder Sky TV – als Gegenpol positionieren und bekommen quasi staatlich garantiert ein eigenes Stammpublikum von der Größe des halben Landes.

Am Anachronismus der BBC wird sich vorerst also eher nichts ändern, so wie uns auch ARD und ZDF in Deutschland oder die nach dem selben Prinzip konstruierte RAI in Italien noch eine Weile begleiten werden. Der Sturz von innen könnte höchstens über die eigenen Widersprüche erfolgen. Also dass Frauen sich über Männer beschweren, Farbige über Weiße, farbige Frauen über weiße Frauen und welche mit Kopftuch gegen welche ohne und irgendwann einfach keine Öffentlichkeit mehr möglich ist, weil sie alle beleidigt in der Ecke schmollen. Dem zwangsfinanzierten Irrsinn sind kaum Grenzen gesetzt und wie die Debatte um den vermeintlichen Gender Pay-Gap bei der BBC zeigt, sie werden fleißig ausgelotet.