NACHTRÄGLICHER HANDSCHLAG?

SPIEGEL-ONLINE titelt: „Trump will Merkels Handschlagsfrage nicht gehört haben.“
http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-schuettelt-angela-merkel-nicht-die-hand-sprecher-sean-spicer-klaert-auf-a-1139451.html

Von Max Erdinger

SPIEGEL-ONLINE hofft wieder auf den flüchtigen Leser, den Schlagzeilen-Überflieger. Hat Trump wirklich selbst gesagt, daß er Merkels Handschlagsfrage nicht gehört habe?

Zitat: „Dieses Intermezzo vom vergangenen Freitag machte weltweit Schlagzeilen, viele Beobachter sind davon überzeugt, dass Trump die Kanzlerin bewusst düpierte und ihre Frage nach einem Handschlag einfach ignorierte. Diesen Eindruck versucht das Weiße Haus nun zu zerstreuen und äußerte sich erstmals zu dem Vorfall. „Ich glaube nicht, dass er die Frage gehört hat“, sagte Trumps Sprecher Sean Spicer dem SPIEGEL. Das Ganze war ein Missverständnis – so die Lesart in der amerikanischen Regierungszentrale.“ – Zitatende.

Aha. Nicht Trump hat gesagt, daß er die Frage nicht gehört habe. Sean Spicer behauptete dem SPIEGEL gegenüber (behauptet der SPIEGEL), er  – glaube! – nicht, daß Trump die Frage gehört hat. Die Schlagzeile ist also schon wieder irreführend. Meinereiner glaubt allerdings nach wie vor, daß Trump den Handschlag bewußt verweigert hat. Und zwar aus den folgenden drei Gründen:

  1. Der Handschlag blieb bei der sogenannten „photo-opportunity“ aus. Die allerdings findet statt, um genau solche Szenen wie den Handschlag abzulichten. Es ist schlicht nicht vorstellbar, daß Trump nicht gewußt haben könnte, was „photo-opportunity“ bedeutet. Schließlich war es auch nicht seine erste. Wir dürfen uns getrost darauf verlassen, daß gerade Donald Trump große Erfahrung im Erkennen von medienwirksamen Handschlaggelegenheiten hat.
  2. Niemand vergißt, was er selbst gerne möchte. Hätte Trump gewollt, daß in der Weltpresse  die traditionellen Bilder vom Handshake mit Merkel im Oval Office erscheinen, hätte er nicht erst erinnert, bzw. gefragt werden müssen. Er wäre selbst scharf darauf gewesen, der Weltpresse die entsprechenden Bilder zu liefern.
  3. Trump ist erinnert, bzw. gefragt worden, ob er nicht Merkels Hand schütteln wolle. Und zwar sowohl von den Pressefotografen, als auch von Angela Merkel selbst. Er hat nicht darauf reagiert. Die einzige andere Erklärung für diese Nichtreaktion wäre, daß Donald Trump schwerhörig sein muß. Davon allerdings hat man noch nie etwas gelesen.

Trump hat ein impulsives Naturell. Gut möglich, daß seine Weigerung, Merkels Hand zu schütteln, ein spontaner Einfall gewesen ist, der mit dem Protokollchef nicht abgesprochen war. Ebenso gut ist möglich, daß Trump sich nicht immer so verhält, wie es seine Regierungszentrale für wünschenswert erachtet.
Ganz sicher ist es aber so, daß der SPIEGEL hier schon wieder mit einer suggestiven  Schlagzeile aufwartet, die er noch nicht einmal mit Text belegen kann.

Was noch? – Zitat: „Schon am Samstag hatte Trump dagegengehalten und via Twitter wissen lassen, er habe ein „GROßARTIGES“ Treffen mit Merkel gehabt.“ – Zitatende.

Der SPIEGEL hat es wirklich sehr notwendig. Große Lettern für „großartig“? Wann hätte ein einsilbiger Amerikaner, der keine näheren Auskünfte zu geben wünscht, schon einmal etwas anderes geantwortet, als daß die Dinge „great!“ seien. Man frage irgendeinen Amerikaner, wie es ihm geht („How are you?“) – die Antwort wird immer sein, daß alles zum Besten steht. Selbst wenn er sich fünf Minuten später vor Kummer umbringt. Das gehört sich in Amerika ganz einfach so. Es ist eine deutsche Spezialität, ein fundamentaler Mentalitätsunterschied, mit „Ich kann nicht klagen“ zu antworten. Der Deutsche klagt gern, sogar darüber, daß er nicht klagen kann. „Great“ heißt in Amerika und in solchen Zusammenhängen:  „Hier Antwort. Ende der Fragestunde.“

Es mag ja sein, daß man es im Weißen Haus heute für klüger hält, ein bißchen „Schadensbegrenzung“ zu betreiben und die Sache herunterzuspielen. Es bliebe dann aber noch die Frage, ob es wirklich der Hintereingang des Weißen Hauses gewesen ist, an dem Merkel von Trump per Handschlag empfangen wurde, wie ein österreichisches News-Portal unter der Schlagzeile „Noch nie wurde ein Staatsgast so gedemütigt“ vermeldete.

Ich bleibe dabei: Der verweigerte Handschlag war die eigentliche Botschaft des Treffens. Oder, wie man in Amerika sagt: Read my lips!

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