Jürgen Fritz: Von der Klugheit und der Dummheit

Von Jürgen Fritz

A.Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel, meinte der große britische Mathematiker, Logiker und Philosoph Betrand Russell, Literaturnobelpreisträger und einer der Väter der Analytischen Philosophie. Und weiter: Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es.

Was macht nun aber den Dummen aus? Was unterscheidet ihn vom Gescheiten, vom Klugen, vom Denker? Kennzeichen des Dummen ist nicht, dass er über wenig Wissen verfügt. Das wäre nur Unwissenheit, die meist leicht behoben werden kann.

Kennzeichen des Dummen ist vielmehr eine gewisse Begriffsstutzigkeit, ein Mangel an Urteilskraft sowie Denkfaulheit.

Selbst wenn er es schafft, irgendwie viele Informationen in seinen Kopf hineinzubekommen, dann kann er damit wenig anfangen. Er kann damit nicht adäquat umgehen, kann sein Wissen nicht anwenden. So wie jemand, der es irgendwie durchs Medizinstudium geschafft hat, alle möglichen Krankheitsbilder aufsagen kann, aber wenn er einen konkreten Patienten vor sich hat, nicht in der Lage ist, einfachste Diagnosen richtig zu erstellen.

Dem Dummen mangelt es also an Präzision im Denken, was meist schon mit der sauberen Begriffsbildung im Geist beginnt. Daher der Ausdruck „Begriffsstutzigkeit“.

Er benutzt Worte, deren Bedeutung er nicht genau erfasst hat, teilweise ganz falsch oder sehr ungenau. Er sagt z.B. dumm, meint aber unwissend oder umgekehrt. Er sagt Hass, meint aber Antipathie, Zorn, Wut oder Verachtung. Er sagt Ethik, meint aber Moral.

Er liest Gutmensch und meint, das hätte was mit einem guten Menschen zu tun. Er hört psychopathologische Störung und meint, damit würden kranke Menschen verhöhnt. Er liest grün-linke Gutmenschen und meint, damit ginge die Behauptung einher, alle Grüne und Linke würden pauschal als solche klassifiziert. (Wenn jemand vor verwundeten Flusspferden warnt, dann behauptet er ja nicht, dass alle Flusspferde verwundet seien und er sagt nichts über die Gefährlichkeit von verwundeten oder nicht verwundenen Eisbären oder Schlangen aus.)

Die Ungenauigkeit in der Begriffsbildung im Geist führt zwangsläufig zu einem Mangel an Urteilsvermögen, weil schon die Grundbausteine des Denkens, die Begriffe, die bereits hohe Abstraktionen darstellen, nicht richtig gebildet sind. Jeder Didaktiker weiß, wie schwer es ist, bei Schülern respektive Studenten die korrekte Begriffsbildung zu evozieren. Wenn diese fehlschlägt, dann liest man in Schüleraufsätzen z.B. solches: „Die Ureinwohner Ägyptens waren die Mumien.“

Auch hat der Dumme Probleme in logischen Zusammenhängen zu denken und komplexe Strukturen zu erfassen. Was sich in seinem Geist abspielt, hat eher mit sich erinnern (memorieren), mit assoziieren, mit sich etwas ausmalen und mit Analogien herstellen (denken im weiteren Sinne) als mit denken im engeren Sinne zu tun, welches immer auf Erkenntnis aus ist, auf Verstehen, mithin auf Wahrheit und dem immer ein selbstkritisches Moment innewohnt.

Wer die Wahrheitsfrage stellt, fragt immer auch: Stimmt das wirklich? Dies setzt bereits eine höhere Bewusstseinstufe voraus.

Bei Tieren und Kleinkindern ist diese noch nicht vorhanden. Ebenso bei den Frühformen des Homo sapiens vor hunderttausenden von Jahren. Der Wahrheitsbegriff setzt also zwingend diese Differenz von wahr und falsch voraus, ja, noch mehr als das.

Solange der Mensch im mythischen Bewusstsein verbleibt, kennt er die Unterscheidung zwischen Sein und Schein, zwischen wahr und falsch noch nicht. Gehen wir noch tiefer, dann können wir sogar konstatieren: Das mythische Bewusstsein kennt noch keine Unterscheidung zwischen a) der Welt und b) ihrer Deutung. Der Wahrheitsbegriff bezieht sich aber immer auf die Deutung der Welt, auf das Weltbild. Die Welt selbst kann nicht falsch sein, wohl aber ihre Deutung. Die Wahrheit oder Falschheit ist also in inserem Kopf, genauer: in unserer Vorstellungswelt. Wer den Begriff der Weltdeutung in seinem Bewusstsein noch nicht gebildet hat, der kann auch den Wahrheitsbegriff noch nicht bilden.

Dass der Mythos eine Weltdeutung bietet, dass diese wahr oder falsch sein kann, kann immer nur von einem Standpunkt jenseits des Horizontes des mythischen Bewusstseins gedacht werden. Dies setzt bereits ein kritisches Bewusstsein voraus.

Dass Homer möglicherweise nicht die Wahrheit berichtet, ist eine für das griechische Denken folgenreiche Entdeckung gewesen. Der Erste, der diese Frage stellte „Stimmt das überhaupt?“, hat einen Meilenstein in der Geistesgeschichte der Menschheit vollzogen. Dieser ereignete sich im  kritischen Hinterfragen.

Ist dieser Entwicklungsschritt einmal gemacht worden, ist eine Rückkehr ins die Ära der Märchenwelt, ins mythische Bewusstsein ein für alle mal versperrt. Ein Zurück ins Paradies der Naivität und der Infantilität gibt es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Sehnsucht danach bleibt aber bei vielen, die sich mit dem Denken irgendwie schwer tun. Ab diesem Ausbrechen aus dem mythischen Bewusstsein kann sich nun das Denken im engeren Sinne entwickeln, welches ein kritisches Bewusstsein voraussetzt, zunächst nach außen, dann in der nächsten Stufe gegenüber sich selbst (Selbstkritikfähigkeit).

Das postmoderne Denken, welches vor allem von Subjektivismus und Relativismus geprägt ist, versuchte, diesen Schritt der Differenzierung zwischen Welt und Weltdeutung wieder rückgängig zu machen, was zunehmend zu einem Realitätsverlust und damit einhergehend zu einer Infantilisierung der Gesellschaft führte, was man auch als pathologisch diagnostizieren kann.

Doch zurück zum Dummen. Dieser stellt selten die Wahrheitsfrage, viel öfter dagegen die Frage nach den vermuteten Wirkungen. Sein Geist ist oftmals angefüllt mit Pawlowisierungen, mit Reiz-Reaktions-Mustern. Bestimmte Wörter erzeugen bei ihm wie bei Pawlows Hund die immer gleichen Reaktionen. Der Dumme ist in diesen Reiz-Reaktions-Mustern regelrecht gefangen und unfähig, über Selbstfreflexion aus ihnen auszubrechen.

B. Der kluge Dumme weiß nun zumindest um seine Schwäche in diesem Bereich des Denkens und verfügt über so viel Urteilskraft, einschätzen zu können, dass diese bei ihm nicht so sehr gut ausgeprägt ist. Er ist also sich selbst gegenüber nicht unkritisch. Er hält sich bei bestimmten Gesprächen lieber ein wenig zurück, weil er denkt „Ich muss ja nicht allen ständig demonstrieren, was ich nicht so gut kann, muss mich nicht selbst lächerlich machen“. Oder er fragt nach, gibt offen zu, dass er etwas nicht verstanden hat, und bittet um eine Erklärung, was etwas Entwaffnendes, Authentisches hat und ihn oft sehr sympathisch macht, da dies von geistiger Offenheit und gesunder Selbsteinschätzung zeugt.

Mit solchen Menschen kann man meist recht gut auskommen. Sie sind nicht selten sehr angenehme Zeigenossen und haben andere Stärken, die sie sinnvoll einzusetzen wissen. Oftmals haben sie einen sehr feinen Charakter, haben ein gutes ethisch-moralisches Gespür. Sie können vielleicht nicht perfekt begründen und herleiten, was richtig und was falsch ist, aber sie spüren es genau, erfassen es intuitiv und haben ein freundliches Wesen.

C. Der dumme Dumme dagegen will seine eigene geistige Verfassung nicht wahrhaben. Er leugnet sie vor sich selbst. Nicht selten ist er vom Gleichheitswahn besessen, den er bisweilen zu einem regelrechten Fetisch ausbaut, den er götzenhaft anbetet.

Im Grundgesetz würde doch stehen, dass alle Menschen gleich seien. Also seien auch alle gleich intelligent, gleich gebildet, gleich hübsch, gleich attraktiv, gleich klug, gleich wertvoll usw.

Wenn man nachfragt, was er denn damit meint, wird der dumme Dumme nicht selten zornig und aggressiv, dass man es überhaupt wagt, etwas in Frage zu stellen, „was doch alle wissen“. Oder er redet dann dummes Zeug, ohne es zu merken, dass er dies tut.

Besonders penetrante dumme Dumme halten sich sogar für klüger als alle anderen und versuchen, andere auch noch zu belehren, merken gar nicht, wenn sie es mit jemandem zu tun haben, der ihnen geistig weit überlegen ist.

Das sind die unangenehmsten von allen: die, so will ich sie mal nennen, Dummdreisten.

Diese haben bisweilen das Talent, seltsame Diskussionsstrategien zu entwickeln, die Arthur Schopenhauer in seiner „eristischen Dialektik“ wunderbar beschrieben hat. Sie verdrehen alles und wenden Techniken an, die nicht darauf abzielen, den anderen mit Sachargumenten zu überzeugen oder gar logische Beweise zu führen, sondern ihn auszutricksen oder als Person anzugreifen. Besonders gerne machen sie andere lächerlich, schließen sie sozial aus oder versuchen sie einzuschüchtern, im Extremfall bin hin zu Morddrohungen.

Nach dem Motto: Wenn ich es schaffe, den Kontrahenten in ein schlechtes Licht zu rücken oder auszugrenzen, dann hören andere weniger auf ihn oder schenken ihm keine Glauben mehr. Solche Gesprächsstrategien finden wir nicht selten bei Politikern.

D. Der dumme Kluge hat eine Neigung, sich mit dem Dummdreisten über Gebühr auf Diskussionen einzulassen. Natürlich gewinnt er diese formal. Doch das nutzt ihm nichts, weil der Dummdreiste das in der Regel gar nicht bemerkt. Und wenn doch, macht er es wie die Taube, die das Schachspiel verloren hat. Kurz vor dem Schachmatt, schmeißt sie alle Figuren um, dreht sich stolz auf dem Brett hin und her und kackt dann aufs Brett.

E. Der kluge Kluge geht solchen Personen tendenziell aus dem Weg, sobald er erkennt, womit er es zu tun hat, konzentriert sich lieber auf die klugen Klugen, die dummen Klugen und die klugen Dummen.

 

Symbolfoto: Pixabay/ CC0 Public Domain